Opposition

Ich. Mag. Nicht.
Darauf läuft es derzeit hinaus. Natürlich scheitert mein Versuch, die wachsende Leere in meinem Inneren mit Hunger und YouTube zu füllen. Natürlich bin ich mir bewusst, dass Körper nicht so wenig oder noch weniger sein mag – und sollte. Natürlich weiß ich, dass mein Verhalten absoluter Bullshit ist.
Aber mein Bauch ist so °fucking adorable° flach und Rosa so – Rosa halt.
Doc spricht von Klinik. Schatz spricht von Klinik.
Ich. Mag. Nicht. Und zwar einfach alles.

Maunz


Irgendwas ist in meinem Mund gestorben. Ich habe meine Würde und das letzte bisschen übrige Selbstachtung in Verdacht und finde zur Bestätigung ihre Leichen später beim Zähneputzen.
Tod durch freiwilliges Ertränken, stelle ich fest und wundere mich nicht weiter darüber. Hätte ich auch so gemacht.

Rückblick. Nach Tagen nicht enden wollender Cravings fällt mir eine der absurd zahlreich in unserem Vorratsraum vorhandenen Flaschen mit Baldriantropfen in die Hände. Ob sich deren Wirkungsweise tatsächlich auf die Wurzel oder den überraschend hohen Alkoholgehalt von 66% zurückführen lässt, ist nach 2/3 der Flasche mit etwas Wasser und pervers viel zuckerfreiem Getränkesirup einfach nur egal. Schmeckt scheiße, knallt hervorragend. Mit einem seligen Grinsen im Gesicht schlafe ich wie ein Stein. Bis meine Blase mich fast 6 Stunden später weckt und ich zu meiner Verwunderung feststelle, nicht so richtig geradeaus laufen zu können.
Ich komme trotzdem irgendwie am Ziel an und ignoriere den Schmerz in meinem Arm, als das Regal unterwegs mein Schwanken auffängt.

Die Nacht ist irgendwann rum und ich bin mehr als froh, dank geplanter Weihnachtswahnsinnvermeidungsstrategie nicht direkt Arbeiten zu müssen, sondern mein digitales Erscheinen erst für später – nach dem Einkauf – angekündigt zu haben. Wie ich selbiges allerdings überstehen soll, stellt mich vor ein Rätsel.
Die verwesenden Leichenteile in meinem Mund lassen sich nicht vollständig entfernen, was zu unfassbar ekliger Übelkeit führt und mein Kreislauf findet senkrechte Körperpositionen auch nur so semi.
Ratio hält mir vor, dass sie das am Abend schon für eine ganz blöde Idee hielt und ich es nicht anders verdient habe. Der Parasit hat sich irgendwie schuldbewusst in seinem Körbchen eingekringelt und tut so, als würde er schlafen und Rosa verhandelt mit mir darüber, ob ich es mit einem Zwieback versuchen darf. Es werden zwei und sie bewirken ein kleines Wunder.

Die umgekehrt orientierte Peristaltik allein beim Gedanken an (den Geruch von) Alkohol werte ich mal als unbeabsichtigt, aber sinnvoll ein.

Kryostase

Ich hetze mir selbst hinterher und bin auf einer Treibjagd nach Erklärungen, die einfach mal so gar nichts daran ändern werden, was ist. Was für einen Unterschied macht es schon, ob nun Asperger, Borderline, Entwicklungstrauma, Hochsensibilität, Depression, Essstörung oder Anstellerei oben drüber stehen. Am Ende stehe ich doch wieder nur vor mir selbst und würde mich gerne umgehen. Gefühle wegmachen und negieren. Die Möglichkeiten sind zahlreich und erprobt, auch wenn Ratio weiterhin den Alkohol verbietet (der Parasit kann immer noch nicht fassen, dass wir die Möglichkeit heute nicht ausgenutzt haben).
Damit ich bei dieser Hatz über niemanden stolpere, der mir im Weg stehen könnte, liegen alle unnötigen Kontakte auf Eis. Social distancing deluxe. Ich ertrage keine Menschen, keine Fragen, keine Antworten oder gar Meinungen. Davon habe ich selbst genug, danke. Ist ja außerdem reine Selbstfürsorge, kann ich doch wenigstens so sicher sein, dass niemand mich verletzt oder gar grundlos verlässt.

Prävention




Sport und Podcast. Die einzig denkbare Möglichkeit, überhaupt einen zu hören, weil, man kann ja nicht einfach nur einen Podcast hören und sonst nichts tun.
Es geht um Entwicklungstraumata und noch bevor ich so richtig realisiere, dass sich gerade mehr als eine ziemlich verstaubte Kiste in meinem Kopf öffnet, wirft sich irgendetwas im Innen darauf, als wären es scharfe Granaten. Vermutlich sind es scharfe Granaten. Nichts als latente Übelkeit bleibt zurück und das Gefühl, auf der Suche zu sein, ohne zu wissen wonach. Ein Gefühl, das einfach nicht verschwinden will und nach jeder der vielen Nächte, in der ich von der Klinik träume, an Intensität gewinnt. Was sich nicht wegmachen lässt und den Parasit nährt.



Orange lässt sich überaus selbstzufrieden das Bauchi vom Chef kraulen.
Wo Rosa, der Parasit und andere so sind, kann ich nicht sagen, weiß aber ziemlich sicher, dass sie sich ähnlich ignor- bis negiert fühlen müssen wie ich, weil Orange einfach keinen Widerspruch zulässt. Dabei hätte ich schon etwas zu sagen. Ist ihr aber sehr egal gerade.

Du wirkst so stabil und stark wie nie zuvor, kann man fast sagen, sagt Chef, nicht nur fast.



Gib mir endlich den verfickten Alkohol und Klingen, dann zeige ich dir, wie stabil ich bin! kreischt der Parasit und ich weiß kaum noch, was ich ihm entgegensetzen soll.



Es war Februar – oder März, oder April, jedenfalls einer dieser sehr schwarzdunklen Monate – als ich der sehr beruhigenden Überzeugung war, dieses Jahr nicht zu überleben. Jetzt sind nur noch vierzehn Tage übrig und ich will einen gebührenden Abschluss finden für eine von Menschen erdachte Zeitspanne als ungenaue Abgrenzung eines hochpräzisen astronomischen Zyklus.
Kein Ende, aber einen Abschied, eine letzte Eskalation, bevor das neue Jahr voller Einhörner und Glitzer starten kann.

Elementar

Orange schnurrt zufrieden vor sich hin und glänzt mit meinem Ego um die Wette, das sie unter den lobend-wohlwollenden Worten meines Chefchefs eifrig aus einer – sehr – verstaubten und vernachlässigten Ecke geborgen hat und fleissig poliert.
Rosa hebt irritiert eine Augenbraue und fragt sich gemeinsam mit mir, warum so ein bisschen Lob mich gleich unbesiegbar und größenwahnsinnig werden lässt, obwohl Rosa den ganzen Termin über nur gelangweilt in der Ecke saß und nichtmal dem Chefchef aus der Ferne zugewunken hat.
Jedenfalls meint mein Ego glänzenderdings nun plötzlich, es sei etwas wert und ich mache tatsächlich nicht alles falsch, was ich so anfasse. Weil mir das aber unheimlich ist, stelle ich es es lieber wieder zurück in seine Ecke, damit es langsam wieder einstauben kann und niemanden blendet.
Das schon vorher bestehende Vakuum in mir drin, was nun noch ein kleines bisschen leerer zu sein scheint, fülle ich mit der Vorfreude und dem schlechten Gewissen für ein neues Handy, was ich nicht wirklich brauche und dessen Füllstoff nach dem Unboxing verpufft – auch wenn es echt schick ist.

Ascheregen

Ich warte auf die große Erkenntnis, die Erleuchtung oder wenigstens einen kleinen Nervenzusammenbruch. Stattdessen stehe ich meilenweit von Selbigem entfernt und es ist egal, ob ich mich setze oder nicht.
Weißt du eigentlich, wie wenig das war? fragt der Parasit und verweist auf die lächerlich kleine Quängelwarenflasche Vodka.
Weißt du eigentlich, wie viele Kalorien der Mist hat? fragt Rosa.
Weißt du eigentlich, wie bescheuert das ist? fragt Ratio.
Ja. sage ich.

Rosa versteht sich ausgezeichnet darauf, jeglichen Diskussionen aus dem Weg zu gehen, in dem sie den Parasit aufweckt und anstachelt.

Der Parasit versteht sich ausgezeichnet darauf, jegliche Bedenken über Bord zu werfen und seine eigenen Interessen durchzusetzen.

Ratio versteht sich ausgezeichnet darauf, mir zu sagen, dass es einfach ist, alle Verantwortung auf EgoStates abzuschieben, die doch nur ein Teil meines Selbst sind und deren Entscheidungen am Ende immer die meinen sein werden.

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