Bähm!

Argwöhnisch und mit hochgezogener Augenbraue betrachte ich dieses seltsam fantastische Gefühl, einen Plan zu haben, ohne dass es ein wirkliches Ziel braucht.
Gestern. Ich stehe auf dem CrossTrainer im FitnessStudio, nachdem ich dort – nachmittags, also mit Essen und Trinken in mir drin – auf der Waage war, um meinen Muskel- und Körperfettstatus zu erfahren und einen Termin zur Trainingsplanbesprechung für nächste Woche ausgemacht habe und °pling° ist er da. Der Plan. Für die Arbeit. Für Sport. Fürs Essen. Mit Rosa. Mit dem Parasit. Beide an der Hand, halb umarmt, lassen mich planen. Und schauen beinahe neugierig zu.
Und heute? Ist er immer noch da. Ein Plan für mein Leben. Ganz unaufgeregt, kein 5-Jahres-Masterplan mit smarten (Treppen-)Zielen, sondern einfach ein ok, ich mach einfach weiter 3 Mal die Woche Sport für richtig echten Muskelaufbau, schaue weiter trackend, aber kritisch auf meine Ernährung und konzentriere mich in der Arbeit auf die und die Punkte. Und dann schau ich mal, was passiert.
Ja, ich bin genauso perplex. Freue mich und habe Angst, mich zu freuen, weil es mich ja auch nur verarschen könnte. Also, das Leben. Oder mein Gehirn. Oder so.
°Bähm° halt.

Minus

Der blinkende Cursor mahnt, nun doch auch etwas zu schreiben, wenn ich schon eine Überschrift eintippe und das Gefühl habe, schon zu lange nichts mehr geschrieben zu haben. Aber viel ist da gerade nicht, was aufs virtuelle Papier will. Fast herrscht gerade so etwas wie eine ausgewogene Work-Life-Balance, die ab Montag mit Ende der Wiedereingliederung auf die Alltagsprobe gestellt wird, auch wenn dieser sich zunächst – und zum Glück – in Teilzeit darstellen wird.
Es klappte bisher gut, den Sport in den noch-nicht-ganz-Alltag zu integrieren, genau wie die ES, die vor den Augen meines Mannes alles abwiegt und beteuert, nicht zu wenig essen zu wollen, während sie insgeheim die Zahl feiert, die da heute beim Wiegen im Fitnessstudio stand, weil nun auch der BMI offiziell ES flüstert. Ich selbst dagegen war ehrlich etwas geschockt, also streiten wir heute, die ES und ich. Weil Schatz am Wochenende gerne selbstgemachten Flammkuchen essen würde, und ich schon auch, aber die ES diese fucking große Menge an Kalorien sieht und Panik schiebt. Ich versuche, mich ihr anzunähern und Teigauswahl, Saucenuntergrund und Belag zu verhandeln, aber sie zeigt sich zäh, hält ihr Dagegen-Schild stur in meine Richtung und flüstert, dass es schon verdammt schräg cool ist, seine Tage samt Krampfgedöns nicht mehr zu haben. Tatsächlich ist mir ihr Verhalten gerade eher peinlich, aber auch das findet sie doof.

Licht

°Triggerwarnung°

Es geht mir dermaßen gut, dass es wehtut. Nicht mir, aber meiner Depression. Die bekommt nämlich Angst. Und flüstert man soll doch gehen, wenn es am Schönsten ist! Soll ich dir verraten, wo die Klingen sind?
Nein danke, sage ich, nehme sie kurz in den Arm und lächle weiter vor mich hin.

Wirklich, ich bin fasziniert, wie gut es mir geht, und wie leicht es mir fällt, auf mich zu achten vom Essen einmal abgesehen. Wie stark ich für mich bin, wie viel ich von mir selbst vergessen hatte und nun nach und nach wiederfinde. Es ist geradezu beängstigend, aber geil. So kann es bleiben, bitte.

Möwen und Milchkaffee

Kann ich mich entscheiden, positiv zu denken oder gar glücklich zu sein? An manchen Tagen scheint es zumindest im Bereich des Möglichen zu liegen. So wie heute, also entscheide ich heute, dass ich positiv denken möchte – und vielleicht, nur vielleicht, gelingt es mir, diese Entscheidung für einige Tage mitzunehmen, das positive Denken beizubehalten.

Es ist ein guter Tag, auch wenn es anfangs keiner zu werden scheint. Ich wache mit Bauchkrämpfen auf, weil meine Mens losgeht, und wir haben einen etwas „kritischen“ Termin am Vormittag. Aber dank Medis sind die Beschwerden bald weg, der Termin ist ok und auch meine Erkältung wird langsam besser.

Die Sonne scheint. So fahren Schatz und ich anschließend in einen Nachbarort und gehen am See spazieren, fotografieren ein bisschen. Und gehen in eins der schönsten See-Cafés, das ich kenne – wir sind zum ersten, aber ganz bestimmt nicht zum letzten Mal dort. Ich trinke Latte Macchiato, Schatz einen Milchkaffee, und wir schauen den Blesshühnern beim Tauchen und den Möwen beim Segeln zu – es ist warm und schön und irgendwie friedlich. Und der Moment, an dem ich für heute entgültig entscheide, dass es ein guter Tag ist.

Jetzt sitze ich mit meinen warmen Socken und in eine Decke gekuschelt auf dem Sofa und denke an diesen wunderschönen, blauen Ausblick über den See auf die Berge. Ein bisschen Bauchweh ist zurück, aber das ist ok. Es geht mir heute gut.

90 – Paralleluniversum

Meine Depression ist ein Paralleluniversum, dass mich umschließt und überall hin begleitet. Ich bewege mich in der Welt der Anderen, aber niemand kann sehen, dass ich kein echter Teil dieser Welt bin. Wie eine unsichtbare, aber für mich deutlich spürbare Blase umhüllt sie mich – trübt die Farben und das Licht, während sie meine Energie raubt. Mich und die Anderen trennt eine ganze Dimension, die nicht fassbar ist. Wie ein Stück stoffliche Dunkelheit, allgegenwärtig.

Die Trennschicht, die zwischen mir und der Welt der Anderen liegt, ist manchmal unendlich und unüberbrückbar.
Vor einigen Tagen aber bildete sich ein Riss, der mir die ungetrübte Sicht ermöglichte. Auf eine bunte Welt, und den Abgrund am Rande der aufeinanderprallenden Dimensionen. Dieser Riss, der zunächst von einer ganz eigenen Energie auseinandergetrieben wurde, ist nun ein fragiler Zustand der Verbindung zweier Welten. Er braucht Energie, um sich nicht allmählich wieder zu verschließen und mich in sein Innerstes zu ziehen. Ein Schwebezustand, zwischen den Welten, zwischen den Kräften, die dort herrschen.

Ein Versuch, meine Gefühle zu beschreiben, die mich hin- und herreißen zwischen dem vertrauten Dunkel und dem fremden Bunt. Wenn die einfache Entscheidung die falsche ist…

87

Sie war einfach aufgewacht. Hatte die Augen geöffnet und die Farben gesehen. Viele Farben, millionen! Alles war bunt und warm und leicht. Fasziniert, mit staunenden Augen, hatte sie sich erhoben und die fremde Welt erkundet, vorsichtig tapsend die ersten Schritte gewagt.
Der erste Tag hatte sie berauscht und mit so vielen neuen Eindrücken überflutet, dass ihr ganz schwindlig wurde. Ihre überreizten Gedanken gehorchten ihr kaum, sie sprangen wie ein Flummi umher. Doch die kommenden Tage beruhigte sich ihr Kopf und die ungerichtete Energie fand den Weg in ihren ganzen Körper. Sie wurde durchströmt von Tatendrang und fühlte sich … glücklich? So genau konnte sie das neue Gefühl garnicht einordnen, sie wusste nur, dass es gerne auf ewig so bleiben könnte.
Doch wenn sie ihren Gedanken den Blick zurück gewährte, und kurz die Augen schloß, erinnerte sie sich an das Leben im Dunkel. Dort, wo Tonnen von Gestein auf ihrem Kopf und ihrem Körper lagen und selbst ihre Gedanken kaum Platz hatten. Sie mussten sich als dichtes Knäuel immerwährender Schleifen zusammendrängen, gefangen im Schraubstock der massiven Felsen.

Ein Blinzeln, und die Erinnerung wurde wieder zu etwas, was sie hinter sich lassen wollte. Sie würde diese neue Welt entdecken, sich unbeschwert und leicht fühlen. Für immer. Das war ihr Wunsch.

Das Kopfweh kam schleichend. Die Anspannung, die fehlende Achtsamkeit. Und dann, von einem Tag auf den anderen, war es nicht mehr leicht, nicht mehr selbstverständlich, die Augen geöffnet und die Gedanken frei zu halten. Da begriff sie, dass es kein böser Traum, keine alte Erinnerung war, sondern ein Teil ihres Selbst. Was immer geschehen war, dass es sich für eine Woche nach Leben anfühlte, es war fragil. Es bedeutete Arbeit und Kraftanstrengung, ohne dass sie genau wusste, wo sie es festhalten konnte. Sie hoffte nur, dass sie es irgendwie schaffte, bevor sie wieder verschüttet wurde.