Hintergrundrauschen

Rosa sitzt in der Ecke, in die sie sich zurückgezogen hat, wippt langsam mit angezogenen Beinen, die sie mit ihren Armen umschlingt, vor und zurück und schaut mich mit ihren großen dunklen Augen ängstlich an.
Ich sitze auf dem Bett, schaue zu ihr und sehe doch nichts, weil ich die Tränen nicht stoppen kann, die mein Gesicht hinunter laufen und mein Shirt durchnässen.

Es ist nicht so, dass der Herr Vertretungseinzeltherapeut Rosa dorthin verwiesen hätte – dann wäre es einfach. Dann könnte ich die Arme ausbreiten, sie zu mir aufs Bett holen und wir könnten uns weiter aneinanderklammern. Aber so war es nicht – er bat sie in die Mitte des Raums. Mein Blick folgte ihr, doch er trug mir auf, dort hin zu schauen, wo sie noch kurz zuvor gestanden hatte.

Das ist der Moment, in dem ich zusammenbreche.

Ich glaube, das ist Therapie.

Schmerzgrenze

Rosa brüllt mich an. Laut. Schrill. Sie ist außer sich. Schier rasend.
Mit Abscheu und Ekel gestikuliert sie wild Richtung Körper, der aus purem Trotz nicht nur Unmengen Fett, sondern noch viel mehr Wasser einlagert, einem Marshmallow gleicht und sich wie ein riesiges speckiges Walroß anfühlt.
Ich kann ihr nur zustimmen. Und finde den Gedanken, ihn trotzdem weiter füttern zu müssen derart abstoßend, dass ich heulend und ratlos in Rosas Armen liege, die mir liebevoll übers Haar streicht und gleichzeitig weiter Vorwürfe mit einem Megaphon ins Ohr schreit.

Rosa packt meine Koffer. Teil für Teil wandert aus dem Schrank dort hinein, wo ich es sogleich wieder herausnehme und zurücklege. So drehen wir uns im Kreis und streiten dabei unentwegt über die Gründe, die für eine Abreise aus der Klinik sprechen – und welche dagegen. Rosas Argumente finde ich durchaus stichhaltig – Sport, Hungern und Dünnsein klingen nicht nur gut, sondern geradezu großartig. Aber die Rückkehr in das Leben, bei dem wir im November auf Pause gedrückt haben, erscheint mir derart absurd, dass ich lieber einen Pakt mit ihr schließe, statt ihr oder Körper vollends nachzugeben.
Sie darf brüllen, soll es sogar. So laut bitte, dass ich nicht über das Leben nachdenken muss, während ich den Käse zum Frühstück verweigere. Und sie brüllt.

Verdichtet

Es ist ruhig hier im Außen. Dafür ist es im Innen unglaublich laut und ungeordnet und schmerzhaft und diffus. Rosa ist seltsam unpersonifiziert. Agiert in der Tiefe, versteckt und im Dunkeln.
Die Intensität von einfach allem bringt mich fast um den Verstand. Die absolute Ehrlichkeit, mit der ich den Therapeuten und mir selbst begegne, ebenfalls.

Untergang

°Triggerwahrnung°

Ich will Alkohol. So sehr. Geht natürlich nicht, hier in der Klinik, weil ich a) keinen hier habe und er b) verboten ist und ich c) keinen wollen will, weil das sonst hieße, dass ich längst eine Grenze überschritten habe, die ich weit entfernt wähnte.
Ich könnte jetzt sezieren, warum ich gerade so sehr ein Wattehirn möchte, aber das würde wohl nur dazu führen, dass ich noch viel mehr eins will. Schneiden hat mir aber bisher niemand verboten.

Es ist Schwarz, die sich abends raus traut und fragil ist. Die alles so anders empfindet, als es sich tagsüber anfühlt. Und am nächsten Morgen ist sie spurlos verschwunden, so dass ich meinen könnte, sie wäre garnicht dagewesen. Und wenn da weder ein Glas steht, das noch etwas hochprozentig riecht, noch meine Haut ein Indiz dafür zurückbehalten hast, ist mir, als wäre alles nur Einbildung gewesen, die nicht erwähnt werden muss, weil ja NICHTS! passiert ist.
Aber seit mindestens 3 Abenden liegt Schwarz mir in den Ohren, dass sie etwas will, etwas braucht. Dass sie gesehen werden mag, und wenn es dadurch ist, dass ich sie mit Bedarfsmedikation, die ich mich nicht anzufragen traue, beruhige und die Therapeutin das dann hoffentlich hinterfragt – so ihre Hoffnung. Ich fänd es weit weniger peinlich, mich zu schneiden, als nach Bedarf zu fragen.

Chaos

°Triggerwahrnung°

Rot ist immernoch präsent. Immernoch wütend. Immernoch auf der Suche nach einem Grund, auszurasten.
Ich habe alle Hände voll zu tun, ihr nicht das Steuer zu überlassen. Sie zu beschwichtigen und davon zu überzeugen, dass es nicht sinnvoll ist, die Adern, die sich heute beim Sport so schön an meinen Unterarmen abzeichneten (und die mir zeigen, was Rot mit meinem Körper macht, weil sie das sonst nicht so stark tun), aufzuschneiden und ihnen beim Bluten zuzusehen.

Ich habe das Gefühl, massiv abzurutschen. Die Nacht war kurz und scheiße, und es brauchte zwei Stunden, mich davon zu überzeugen, doch mal aufzustehen. Schwarz ist auch da, und möchte heulen und sich verkriechen.

Ich muss daran denken, dass ich am Mittwoch zum ersten Mal bei einer Depressions-Selbsthilfegruppe war (ich denke, ich werde wieder hingehen) und ein kurzes, aber interessantes Gespräch über meine auslaufende Verhaltenstherapie, die längere, aber doch abgebrochene tiefenpsychologische Therapie, reine Symptombehandlung und tieferes Verständnis innerer Vorgänge hatte.
Mir fehlt gerade jegliche Geduld, mehr von meinen Gedanken dazu zu schreiben (vielleicht ein andernmal). Aber ich erlebe gerade, dass Symptombehandlung zwar sinnvoll ist, damit Rot vorerst nicht zur Klinge greift und Schwarz sich nicht verkriecht, sondern zumindest 10 Minuten Sonne und frische Luft abbekommt, aber das Grundproblem nicht löst, weil ich es nichtmal verstanden habe.

Ich sehe Schemen und meine, ein Muster zu erkennen, aber sicher bin ich mir nicht. Schwarz habe ich seit Wochen eher klein gehalten, ihr Ruhe- und Rückzugsbedürfnis mit zu vielen und zu dicht aufeinanderfolgenden Terminen ignoriert, genau wie die täglichen Gedanken an SV und Alkohol – auch wenn ich letzterem zu oft aber mit zu geringen Mengen nachgebe und nicht nur daran denke. Also kommt jetzt Rot daher, weil sie Schwarz beschützen will und mit ihrer lauten Art eher die Aufmerksamkeit bekommt, die sie haben will.

In meinem Inneren ist gerade so viel los, dass ich mich garnicht näher und tiefergehend damit beschäftigen kann. Mein Plan für heute ist, mich abzulenken und lauter Zeug online anzuschauen, um nicht mit Rot zu streiten, ob sie sich schneiden darf, weil ich weiß, wer am Ende verlieren wird.
Ich habe keine Ahnung, ob ich morgen arbeitsfähig sein will werde, aber auch damit kann ich mich nicht beschäftigen. Irgendetwas kippt in meinem Inneren, und es fühlt sich gefährlich an.

Wut

Plötzlich ist sie da. Plötzlich ist Rot da.
Wir kommen heim, Schatz will noch nach draussen gehen, Nachthimmel aufnehmen. Wir essen noch eine halbe Pomelo zusammen, er geht nebenbei die Sternkarte am Handy durch. Steht auf, weil er etwas vergessen hat, kommt wieder zurück, ich verteile weiter Pomelo, aber er isst so langsam, dass ich auf seiner freien Hand stapeln muss.
Als wir aufgegessen haben und ich mit gewaschenen Händen zurück zum Sofa komme, darauf wartend, dass er endlich rausgeht, sitzt er immernoch da und schaut aufs Handy. Krault die Mieze. Gibt mir mehr Decke, als ich haben will, und GEHT EINFACH NICHT.
Ich weiß nicht, warum es mich wütend macht. Rasend. In Gedanken brülle ich ihn an, er soll mich endlich in Ruhe lassen und rausgehen. Ich sage zu ihm, dass es umso kälter draussen wird, je länger er wartet.
Er spürt, dass etwas nicht stimmt, fragt nach. Ich halte mich tapfer, lasse mir nichts anmerken, und endlich steht er auf. Nur, um in der Küche zu hantieren, und ich möchte meine Tasse nach ihm werfen.
Schließlich geht er runter, und ich atme innerlich auf. Zwei Minuten später höre ich Schritte auf der Treppe – “…nur noch eben schnell…“ höre ich, und bin erleichtert, dass er es sich nicht anders überlegt hat und wieder runtergeht.

Ich will gar nichts tun, wobei er mich stören würde. Und trotzdem hätte ich ihn erwürgen können. Ich verstehe mich nicht, verstehe nicht, was Rot hier plötzlich zu suchen hat. Was sie will, warum sie so verdammt wütend ist. Aber sie tobt. Schreit herum, wirft Sachen. Brüllt, so laut sie kann.