Reziprok

Der persistierende Ductus arteriosus zählt zu den angeborenen Herzfehlern. […] Kann der Verschluss nicht konventionell erreicht werden, wird eine invasive, operative Maßnahme nötig. Von 1938 (Robert Edward Gross und J. P. Hubbard) bis 2005 geschah dies mithilfe eines chirurgischen Eingriffs. Der Schnitt wurde an der linken Brustkorbseite zwischen den Rippen geführt, der PDA je nach seiner Form und Länge durch ein oder zwei Bändchen abgeschnürt und oft zwischen diesen Abschnürungen durchgeschnitten.

Quelle: Wikipedia



Vor wenigen Monaten erst ist sie ein Jahr alt geworden. Und nach einigen Arztbesuchen und besorgt klingenden Elternstimmen findet sie sich an einem Ort wieder, den sie weder versteht, noch leiden kann. Die Wände sind weiß und kahl, das Bett, aus dem nun ihre Welt – für immer? sie weiß es nicht – besteht, hat ein kaltes Metallgitter und außer Mama, Papa und ihrer Spieluhr aus Plüsch kennt sie niemanden.
Es geben sich zwar alle Mühe, lieb zu ihr zu sein, aber trotzdem wird sie mit Nadeln traktiert und auch der flehende Blick zu Mama, auf deren Schoß sie sitzt, bewahrt sie nicht davor. Sie bleibt tapfer und scheinbar macht sie das gut, bekommt sie doch Lob dafür. Das merkt sie sich.
Aber dann wird es Abend und Mama lässt sie allein an diesem gruseligen Ort weit weg von Zuhause. Sie weiß nicht, ob sie schläft oder bloß bis zur totalen Erschöpfung weint, aber am nächsten Tag ist Mama wieder da. Doch dann werden sie wieder getrennt, von diesen lieben gemeinen Menschen in Weiß, die sie in einen weiteren gruseligen Raum bringen und dann wird alles dunkel.
Als sie aufwacht, ist Mama da, aber sie fühlt sich komisch und versteht nicht, warum sie einen Verband und Schmerzen hat. Irgendetwas schlimmes muss passiert sein, und Mama umsorgt sie ganz besonders.
Dann wird es Abend und wieder muss Mama gehen. Wieder muss sie allein sein in diesem fremden Bett mit den fremden Leuten und den Schmerzen. Sie weint und es wird wieder Tag. Mama kommt zurück.
Viele unendlich scheinende Tage und Nächte gehen ins Land, Papa schaut ab und zu vorbei und auch die Omas. Alle sind irgendwie besorgt, aber auch glücklich. Sie fühlt sich am Tag ganz besonders lieb gehabt und nachts verlassen. Nichts davon versteht sie.
Dann kommt ein Tag, der anders ist. Sie wird ins Auto getragen, dass ein bisschen nach Zuhause riecht und Mama und Papa fahren los. Sie schläft, als hätte sie es wochenlang nicht getan.
Als sie aufwacht, ist sie zuhause. Endlich. Doch als es dunkel wird, kommen die Erinnerungen. Ans Alleinsein, an fremde liebe gemeine Menschen, an kahle Wände und Metallgitterstäbe. Sie hat große Angst und weint und schreit so laut, dass sie nicht hören kann, wie auch ihre Mama weint, weil Papa und Oma sie nicht zu ihr lassen wollen, weil sie lernen muss, dass sie auch weiterhin allein schlafen muss. Und sie lernt es.



Nicht jeder darf links von mir gehen. Schon garnicht jederzeit. Und falls doch, heißt das noch lange nicht, dass es morgen oder auch in 10 Minuten noch genauso ist. Wer aber – mindestens aktuell – links mal garnicht geht, ist mein Papa, wie ich kürzlich herausfand. Es ist schlicht nicht möglich.



An manchen Dingen könnte ich mir einen Knubbel essen. Sogar während Rosa ganz besonders restriktiv war. (Johannis-)Beeren gehen immer. Genau wie Äpfel, Zwetschgen, Blaukraut, grüne Tee, Kaffee oder – wenn auch nur in der nicht rosanen Theorie – Tempeh.
Durch Zufall stoße ich vor wenigen Tagen darauf, dass all das besonders viele Flavonoide enthält. Und Wikipedia sagt: Weiterhin stehen Flavonoide im Verdacht, zu einem vorzeitigen Verschluss des Ductus arteriosus zu führen.



Ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken

Perikarp

Also ein bisschen nervt mich ja die Professionalität, die Orange so wiedereingliedernderdings an den Tag legt. Der Punkt ist, sie glaubt tatsächlich den Kram, den sie da erzählt. Meistens zumindest. Wenn zwischen einem Es geht mir besser, ich habe viel gelernt und arbeite daran, dass es so bleibt oder auch noch besser wird und einem Natürlich kümmere ich mich darum, kein Ding dann aber kein Platz für Frühstück bleibt und auch nicht freigeschaufelt wird, weil Rosa das Werkzeug dafür unter Verschluss hält, kommt auch Orange ins Grübeln und fragt mich, wie das dann eigentlich genau funktionieren soll. So auf Dauer.
Die Antwort auf die Frage bleibe ich ihr schuldig, während ich in aller Heimlichkeit gemeinsam mit Rosa unauffällige Kürzungen bespreche und mit dem Parasit Möglichkeiten und Ausmaße plane.
Dass selbiges bereits hervorragend funktioniert, zeigt mein jeweils niedrigster nächtlicher Puls, der sich in den heute genau vier Wochen seit meiner Entlassung bereits um 20 Schläge verringert hat. Was mein Eisen- und Hb-Wert machen, will ich garnicht erst wissen. Mal gucken, ob es den Hausarzt morgen mehr interessiert als mich.

Was also am Ende dabei rauskommt, wenn verschwiegene Heimlichkeiten auf bewundernswerte und irgendwie tatsächlich auch sinnstiftende Professionalität treffen? Keine Ahnung und Egal wechseln sich ab. Letzteres fände Alkohol gut. Sehr.

Dysmorphie

Nachdem Rosa die Wiedereingliederung übersprungen hat und bereits wieder unauffällig, aber überaus fest in meinem Alltag installiert ist, steckt Orange gerade mittendrin und zettelt einen handfesten Streit an. Und sie hat verdammt gute Argumente, die Rosa garnicht lustig findet – und ich noch viel weniger. Weil es nunmal so fragwürdig wie verlockend ist, wenn ich nach heutigem Wiegeergebnis in hochgerechnet spätestens 3 Monaten am selben Punkt sein könnte wie vor der Klinik.

Mein neuer Hausarzt geht wahrscheinlich aus Versehen davon aus, dass ich erwachsen – und noch dazu vernünftig – bin, weil ich nur 4 Jahre jünger bin als er. Und weil ich seltsamerweise diesen Schein waren möchte, nehme ich nach der aktuellsten Blutbildbesprechung mit weiterhin – Sie wissen ja, warum – bestehender Anämie und leeren Eisenspeichern das Rezept für die Tabletten statt die alternativ angebotene Infusion, die der Parasit viel cooler fände. Später kann ich immer noch sagen, dass ich die nicht vertrage.

Der Parasit überlegt, wie weit er es noch treiben kann. Wer schneller ist, Rosa oder er. Beide Varianten finde ich unglaublich beruhigend. Aber dann kommt Orange und der Kreis schließt sich. Wir streiten.

Ich verstehe mich nicht. Warum ich mich so wissent- wie willentlich mit sorgsamer Akribie langsam aber sicher selbt zerstöre. Nicht nur töte, sondern zerstöre. Stück. Für. Stück.

Inkongruent

Körper tut, was Körper halt den ganzen Tag so tun. Geht auf Fototour. Sitzt beifahrend im Auto. Häkelt. Macht seinen Teil des Haushalts. Blutet – wieder einmal. Bei alldem ist er so nett, mir zumindest einige der visuellen Eindrücke ins Bewusstsein weiterzuleiten – der Rest aller Reize versickert irgendwo auf dem Weg dorthin, wenn gewisse Grenzen nicht überschritten werden. Also sitze ich da so semi-interessiert in meinem Kopf herum und verfolge mal mehr, mal weniger aufmerksam den Film, der da draußen so passiert.
So richtig identifizieren kann ich mich nicht mit alldem, was so verdammt normal und mitunter alltäglich scheint. Gespräche werden geführt und vergessen. Tätigkeiten werden ausgeübt, damit der Tag vergeht. Gedacht wird immer, aber nur selten finden sich Zusammenhänge zwischen dem Film und meiner Wirklichkeit.
Die Statisten um mich herum machen Feststellungen, beantworten ihre eigenen Fragen und geben sich mit nicht näher definierten Lautäußerungen zufrieden, deren Interpretation überraschenderweise stets ins Drehbuch passt.
Wer selbiges geschrieben hat, ist mir jedoch ein Rätsel. Ich war es jedenfalls nicht, weil ich garnicht schreiben kann, während ich so entfremdet und körperlos in meinem Kopf herumsitze und nichts damit anzufangen weiß, was Körper so tut.
Unausprechlichkeiten türmen sich vor mir auf, aber mindestens eine glänzt unfassbar beruhigend im fahlen Restlicht.

Ausbaufähig

°Triggerwarnung°

Rosa und ich betrachten argwöhnisch die Zahlen auf der Waage – die wir natürlich entgegen der Klinikempfehlung jeden Morgen und nicht nur lächerliche zwei Mal die Woche betreten – und in der KalorienApp. Immerhin stehen nämlich auf ersterer eine doch nicht unerheblich höhere Zahl und in letzterer auch ~300 kcal mehr pro Tag als noch vor einem halben Jahr. Da haben sich die 5 1/2 Monate doch gelohnt.
Ich beruhige Rosa damit, dass Körper noch vor 9 Tagen schon deutlich mehr Brennwert nur aus dem immer gleichen Frühstück und Abendbrot ziehen konnte, ohne dass ich das Mittagessen mitgerechnet habe und das Defizit sich somit knapp um die Vierstelligkeit herum bewegen dürfte.
Apropos Bewegung, wirft Rosa ein. 3 Mal die Woche Sport. Dein Ernst?! Nein, eigentlich nicht. Trotzdem müssen ausgedehnte Spaziergänge an den restlichen vier Tagen erst einmal reichen. Rosa grummelt. Ich auch. Und Körper – aber nur an den Sporttagen. Und an denen, wenn wir ihn spazieren schleifen. Versteh ich garnicht.
Rosa und der Parasit haben derweil ihre Unstimmigkeiten zumindest vertagt. Mein Beitrag dazu ist wohl nicht unerheb-, aber unbeschreiblich – selbt hier. Austoben dürfen sich beide ein bisschen – Rosa etwas mehr, aber das verraten wir dem Parasiten nicht -, schließlich soll ja der neue Hausarzt auch noch was zu tun haben, wenn wir nächste Woche – dann auch mal wieder mit so richtiger ärztlicher Legitimation, dafür dann in eher nicht nennenswerter Mengen – Blut abgeben müssen für ein weiteres Labor.