Äquilibrium

Kannste schon so machen, dann wirds halt kacke sagt Rosa und behält natürlich Recht.

Ich habe Rosa, den Parasit und die nicht näher definier- wie fassbaren Schatten diverser Anderer an den runden Tisch zitiert. Lagebesprechung.
Lage? Schief. Ziemlich schief. Sage ich und schon reden wieder alle wild durcheinander, was mir und der Lage nicht wirklich weiterhilft. Überfordert und überreizt ist mein Impuls, mir einfach die Augen und Ohren zuzuhalten – omg, es wäre so viel einfacher. So viel leichter. Aber wir würden am Ende halt doch wieder allesamt auf der Fresse liegen. Auch irgendwie doof.
Also blinzle ich mit einem Auge in das wirre Durcheinander, aber weil alle meine nur so semi vorhandene Motivation riechen können, fühlt sich natürlich niemand von meinem ach bitte, vielleicht könnten wir…? so richtig angesprochen.
Der Parasit ist der Überzeugung, sich nach der pandemisch äußerst fragwürdigen beruflichen Veranstaltung morgen anschließend wieder aktiv an mir beteiligen zu können. Rosa hält sich für die einzige Möglichkeit, die Zeit bis dahin zu überstehen – und auch darüber hinaus.
Beide wollen mich auf ihre Weise schützen – und wenn es das Letzte ist, was sie tun – und sehen nicht, dass ich das gleiche versuche.
Die Lage? Immernoch schief. Immer noch ziemlich schief.

Brachland

Der Schlag in die Magengrube treibt mir die Luft aus den Lungen, so dass es nicht für mehr als ein lautloses Wimmern reicht. Mein Kopf dröhnt und ganz viel NichtGefühl verknotet sich zu maximaler Verwirrung, die mich in Ketten legt.
Etwas weint. Verzweifelt, unartikuliert. Kein Wunder, is es doch erst etwas älter als ein Jahr und Sprache ist noch so unbedeutend.
Wieder wird es abgewiesen. Wieder wird es nicht gesehen. Wieder wird es enttäuscht, weil es offensichtlich nichts zu geben scheint, was Beachtung verdient.
Und wieder ist Rot einfach nur so hilflos, dass sie Rosa und den Parasit – vorallem den Parasit – weiter anstachelt und um Sichtbarkeit bettelt.

Wieder stolpere ich über die Dinge, die ich nicht bekomme und nicht artikulieren kann, weil es doch keine Worte dafür gibt. Weil Sprache keine Bedeutung hat. Weil nur und ausschließlich Körperlichkeit zählt.

Ich will flüchten und mich unsichtbar machen, Kontakte beenden und dramatisch und blutüberströmt sein.

Intoxikation

Das System, auf das ich zur Beerdigung meiner Oma treffe, könnte kaputter kaum sein. Zumindest hat es so scharfe Kanten, dass ich fluchtartig schon einen Tag früher als geplant wieder im Auto sitze und lieber 7 + X Stunden Freitagsverkehr in Kauf nehme, als noch eine Minute länger an dem Ort auszuharren, bei dem der einzig beständige Gedanke Ich muss hier weg ist.

Während Papa innerhalb weniger Atemzüge erst meine zu schlanke Figur kommentiert, dann mein – natürlich mitgebrachtes – Abendessen als kalorientechnisch deutlich günstiger einstuft als seine zwei Laugenbötchen mit einem großen Pott billiger Krabbenmayo und sich dann darüber auslässt, dass er im Urlaub ja so viel zugenommen hat und dringend abnehmen muss, kämpfe ich damit, überhaupt etwas zu essen.

Rosa hat ihre beiden Rockzipfel in der Hand und macht einen tiefen Knicks, als alte Halbbekanntverwandte vor der Kirche nichts besseres zu sagen wissen als ein vor Bewunderung triefendes °Hömma, schlank bisse!°
Ich ziehe es vor, nicht darauf einzugehen, dass Körper menstruieren gerade nur so semi verfolgt und Rosa gerade meine größte Stütze ist.

Ich sitze vor meinem ineinander gestapelten Kuchenservice und ringe mich mit Mühe und Not zu einem Latte Macchiato durch, während die Verwandtbekanntschaft über Wurstbrote und Windbeutel herfällt.
Schwager erzählt stichelnd, wieviel Kalorien mein Bruder täglich für seinen Muskelaufbau verputzt und dass er alles fein säuberlich trackt. ° Also das wär mir viel zu anstrengend! ° stellt Cousine halb amüsiert fest. Deswegen essen wir einfach nichts, denkt Rosa.

Ich kann meine Jeans ausziehen, ohne dass ich die Knöpfe aufmache.

Unheimlich


Das Gefühl, mich mehr um Schwarz kümmern zu müssen, kommt immer dann auf, wenn zu viele Worte und Halbsätze in meinem Kopf unterwegs sind, die sich ohne ihre Hilfe nur ähnlich leidenschaftslos zu einem Text zusammenfügen lassen, als würde man den Text eines Liedes ohne Melodie monoton und ohne jede Interpunktion vor sich hin lesen. Mag ich nicht.
Mit Rosa bin ich immer verbunden – mal mehr, mal weniger konstruktiv – und auch der Parasit ist – zu? – oft präsent, aber dadurch beherrschbar. Orange fügt sich auch ganz gut ein, hat aber gerade Urlaub. Nur Schwarz sitzt in einer Ecke, schaut zu Boden und sieht gelangweilt dem Staub beim Stauben zu. Und auch, wenn ich sie selbst oft genug für zu dunkel und verdreht halte, um alltagstauglich zu sein, hätte ich sie doch gerne ebenfalls näher bei mir. Zum Schreiben, und vielleicht auch ein kleines bisschen, um besser sehen zu können, was sie so treibt. Um zu wissen, zu fühlen, dass ich mich nicht nur selbst verarsche, sondern dass es tatsächlich ganz gut läuft. Trotz der Katastrophe und den ganzen anderen, ganz und gar ich lustigen Witzen, mit denen das Universum gerade um sich schmeißt.

Signalstärke

Nach dem Stress der letzten Wochen, in denen auf eine Pilzinfektion erst das Ausbleiben meiner Menstruation und dann eine Blasenentzündung folgten, ist meine Mama erneut zu Besuch. Du siehst gut aus! sagt sie. Siehste! sagt Rosa, die am nächsten Morgen mit mir das neue Tiefstgewicht seit meiner Entlassung bewundert.

Wir essen jetzt trotzdem mehr und ich bin ein kleines bisschen stolz auf Rosa, dass sie einigermaßen brav mitzieht.