Exkret

Körper und ich sind uns ebenso uneins wie Rosa und ich. Und der Parasit und ich.

Körper jongliert wild Hormone durch die Gegend und stellt sich dabei wohl nicht sonderlich geschickt an, denn er entscheidet sich nach den letzten, immer länger werdenden Zyklen, dass doch auch 11 Tage mal ganz lustig wären, von denen nur 4 ohne Schmierblutung waren.
Rosa findet es fantastisch, dass Körper langsam wieder am Untergewicht kratzt und arbeitet mitunter sehr erfolgreich gegen mich, wenn ich mich zumindest in Erhaltung versuche.
Der Parasit, dem ich mit einem permanenten, sozial überwiegend akzeptierten Zeichen ein Denkmal auf meiner Haut gesetzt habe, sieht nicht ein, sich deswegen zur Ruhe zu setzen. Stattdessen nagt er an meinen Nerven, die aufgrund von einfach allem summen und bis zum Zerreißen gespannt sind.

Die Welt könnte dann bitte mal aufhören, so f*cking kaputt zu sein. Meine würde mir ja auch schon reichen. Fürs erste.

Signalstärke

Nach dem Stress der letzten Wochen, in denen auf eine Pilzinfektion erst das Ausbleiben meiner Menstruation und dann eine Blasenentzündung folgten, ist meine Mama erneut zu Besuch. Du siehst gut aus! sagt sie. Siehste! sagt Rosa, die am nächsten Morgen mit mir das neue Tiefstgewicht seit meiner Entlassung bewundert.

Wir essen jetzt trotzdem mehr und ich bin ein kleines bisschen stolz auf Rosa, dass sie einigermaßen brav mitzieht.

Fünfhundertachtundvierzig

Körper sagt, er ist nun ausreichend wiederhergestellt, um zu menstruieren. Zumindest ein bisschen.
Ich sehe ihm mit hochgezogener Augenbraue dabei zu und frage mich, wann er gedenkt, seine Hirnchemie mal näher in Augenschein zu nehmen, statt sich um derlei Lästigkeiten zu kümmern. Jene Hirnchemie, die sich bisher sehr unbeeindruckt zeigt von den Antidepressiva, so dass wir die Dosis ab morgen erhöhen und mit Spannung darauf warten, ob aus der Erst- eine Zweitverschlimmerung wird.
Die dumpfgraue Leere versuche ich derweil mit purpurfarbenem Schmerz zu übertünchen, um wenigstens irgendetwas zu fühlen. Mit blutigen Fingern versuche ich, die Kiste, in der ich zumindest ein paar meiner Gefühle vermute, zu öffnen und ziehe mir bloß Splitter ein.

Boykott

Rosa weint und bettelt. Ich nehme sie in den Arm, kann aber ihre Tränen nicht trocknen, weil ich ihr stattdessen selbst die Haare nass heule.
Körper schmerzt munter vor sich hin. Nicht nur von drölfzig Litern Wassereinlagerungen und gereizten Sehnen in den Füßen und anderswo, sondern auch vom Muskelkater meiner nicht autorisierten Sporteinheiten, so dass ich nichtmal öffentlich jammern darf.
Ich mache Hausaufgaben: Körper bewusst und so lange eincremen, bis die Anspannung sinkt. Ich höre auf, als ich heulen muss und trete mein Körperbild endgültig für mindestens den Rest des Tages in die Mülltonne. Schwitze lieber beim Spaziergang in der Sonne, als meine Jacke auszuziehen und Körperformen sichtbar zu machen.
Schatz fragt, wie ich meinen Therapiefortschritt sehe, und ich frage nur, welchen?
Körper regeneriert so vor sich hin, auch wenn er damit noch nicht fertig zu sein scheint und meinen Zyklus nach wie vor für überflüssig hält – ausnahmsweise mal etwas, wo ich ihm nur zustimmen kann.
Blut fließt meinen Arm entlang – wieder einmal – und ich spüre nichts. Für einen Moment auch nicht Körper. Ziel erreicht. Bedauern mischt sich mit Resignation. Viel Resignation.
Zwei Wochen noch – vielleicht drei, falls die Krankenkasse zustimmt – und ich verspreche Rosa, dass wir wieder mehr zusammen machen. Sport zum Beispiel. Restringieren. Uns Halt geben und GrauSchwarz den Saft abdrehen. Überleben.