Overload

Mir deucht, es könnte gerade die ein oder andere Baustelle zu viel in meinem Leben sein.
Orange. Die enthusiastisch an etwas arbeitet, was auf dem Papier ganz wunderbar aussehen, in echt aber voll gegen die Wand fahren wird – was sie ziemlich genau weiß, weshalb sie mindestens zur Hälfte auch resigniert und genervt ist.
Rosa. Die weder will, noch tut, was ich von ihr möchte, geschweige denn, was vernünftig und zukunftsfähig wäre.
Der Parasit. Der nach wie vor an meinen blanken Nerven nagt und instinktgetrieben meine Autorität untergräbt.
Körper. Der munter vor sich hin funktioniert – nur nicht so, wie er soll.
Ich. Die ich an der Unsicherheit der Welt im Allgemeinen wie meiner im speziellen zu verzweifeln drohe, weil es einfach genau Nichts gibt, was noch verlässlich scheint.
Orange, Rosa, der Parasit, Körper, das bisschen Rest-Ich und mein Chef, die alle bitte gerne meine ungeteilte Aufmerksamkeit hätten, rupfen an mir herum und ich stehe da und zerreiße langsam.

Integrität

32,375 Stunden. Mehr braucht es scheinbar nicht, um mich um Monate zurückzuwerfen. Ich fühle mich vergiftet, erschöpft und frustriert und meine innere Anspannung winkt mit dem Zaunpfahl, ohne dass sie dabei besonders dezidiert in eine Richtung deuten würde.
Das beständige BeeDooBeeDoo aus dem Badmülleimer wird langsam anstrengend und Youtube leerschaun ändert auch nur wenig daran. Der Parasit untermalt das Ganze mit forderndem Heulen und wispert mir Verführungen ins Ohr, weil er nicht begreifen will, warum ich die Klinge nicht wie geplant mit unter die Dusche genommen, sondern verbogen und weggeworfen habe. Ich begreife es selbst nicht und habe keine Ahnung, wie ich das tiefdunkle Sehnen ohne sie loswerden soll.
Rosa möchte an dieser und möglichst vielen anderen Stellen unbedingt noch erwähnen, dass jetzt 40% des in der Klinik zugenommenen Gewichts wieder weg sind. Dass das eigentlich nicht zu unserem Deal gehört, ignoriert sie geflissentlich und ist maximal verwirrt, als wir plötzlich mitten am Nachmittag ein kleines Porridge essen.

Jetzt hält sie dem Parasit ein Megafon vor die Nase.

Intoxikation

Das System, auf das ich zur Beerdigung meiner Oma treffe, könnte kaputter kaum sein. Zumindest hat es so scharfe Kanten, dass ich fluchtartig schon einen Tag früher als geplant wieder im Auto sitze und lieber 7 + X Stunden Freitagsverkehr in Kauf nehme, als noch eine Minute länger an dem Ort auszuharren, bei dem der einzig beständige Gedanke Ich muss hier weg ist.

Während Papa innerhalb weniger Atemzüge erst meine zu schlanke Figur kommentiert, dann mein – natürlich mitgebrachtes – Abendessen als kalorientechnisch deutlich günstiger einstuft als seine zwei Laugenbötchen mit einem großen Pott billiger Krabbenmayo und sich dann darüber auslässt, dass er im Urlaub ja so viel zugenommen hat und dringend abnehmen muss, kämpfe ich damit, überhaupt etwas zu essen.

Rosa hat ihre beiden Rockzipfel in der Hand und macht einen tiefen Knicks, als alte Halbbekanntverwandte vor der Kirche nichts besseres zu sagen wissen als ein vor Bewunderung triefendes °Hömma, schlank bisse!°
Ich ziehe es vor, nicht darauf einzugehen, dass Körper menstruieren gerade nur so semi verfolgt und Rosa gerade meine größte Stütze ist.

Ich sitze vor meinem ineinander gestapelten Kuchenservice und ringe mich mit Mühe und Not zu einem Latte Macchiato durch, während die Verwandtbekanntschaft über Wurstbrote und Windbeutel herfällt.
Schwager erzählt stichelnd, wieviel Kalorien mein Bruder täglich für seinen Muskelaufbau verputzt und dass er alles fein säuberlich trackt. ° Also das wär mir viel zu anstrengend! ° stellt Cousine halb amüsiert fest. Deswegen essen wir einfach nichts, denkt Rosa.

Ich kann meine Jeans ausziehen, ohne dass ich die Knöpfe aufmache.

Unheimlich


Das Gefühl, mich mehr um Schwarz kümmern zu müssen, kommt immer dann auf, wenn zu viele Worte und Halbsätze in meinem Kopf unterwegs sind, die sich ohne ihre Hilfe nur ähnlich leidenschaftslos zu einem Text zusammenfügen lassen, als würde man den Text eines Liedes ohne Melodie monoton und ohne jede Interpunktion vor sich hin lesen. Mag ich nicht.
Mit Rosa bin ich immer verbunden – mal mehr, mal weniger konstruktiv – und auch der Parasit ist – zu? – oft präsent, aber dadurch beherrschbar. Orange fügt sich auch ganz gut ein, hat aber gerade Urlaub. Nur Schwarz sitzt in einer Ecke, schaut zu Boden und sieht gelangweilt dem Staub beim Stauben zu. Und auch, wenn ich sie selbst oft genug für zu dunkel und verdreht halte, um alltagstauglich zu sein, hätte ich sie doch gerne ebenfalls näher bei mir. Zum Schreiben, und vielleicht auch ein kleines bisschen, um besser sehen zu können, was sie so treibt. Um zu wissen, zu fühlen, dass ich mich nicht nur selbst verarsche, sondern dass es tatsächlich ganz gut läuft. Trotz der Katastrophe und den ganzen anderen, ganz und gar ich lustigen Witzen, mit denen das Universum gerade um sich schmeißt.

Betäubungsmittel

Die Katastrophe geht in die nächste Runde. Anklageschrift. Ich. Raste. Aus.

Der Parasit schaut nach unserem Klingenvorrat und zeigt sich nur halb zufrieden, aber beruhigt. Er muss etwas geahnt haben, höre ich doch schon seit Tagen das helle Trippeln und Kratzen seiner Klauen von innen an an meiner Schädeldecke.

Rosa findet ebenfalls, dass wir dringend etwas tun müssen, weil Knochen nunmal hübsch sind und wir ja auch nicht ewig so viel essen können, dass es fast reicht. Außerdem könnten bräuchten wir dann nicht mehr so viel Denken, was wirklich wirklich toll wäre. Achja, und uns nicht um den Angeklagten kümmern, ist ja lästig.

Sport. Kann ich bitte Sport machen? So von jetzt bis Montagmorgen, bis ich wieder arbeiten kann? Körper soll sich nicht so anstellen, wer braucht schon Menstruation, wenn es Rosa Parasiten gibt, mit denen man den Tag füllen kann.

Ich wollte wirklich meinen Alltag reflektieren. Und warum ich mich nicht nicht bewegen kann und Zucchinis wiege und überteuerte Klamotten und Nahrungsmittel und Energydrinks kaufe, um Löcher zu füllen. Jetzt habe ich eine super Ausrede. Und keinen Alkohol, was wirklich wirklich bedauerlich ist.