Tentakel

Einzelne Staubpartikel sieht man ja nur, wenn die Sonne ungünstig steht. Sonst fallen sie nicht auf. Aber irgendwo sammeln sie sich dann doch, unbemerkt. Durch einen permanent leichten Luftzug in einer ignorierten Ecke entsteht so nach und nach ein Sediment.
Davon kann man natürlich eine Weile prima ablenken, wenn man gegenüber einfach einen hübschen Wildblumenstrauß drapiert, der den Blick einfängt. Nur leider hält der nicht annähernd so lang wie erhofft, und die herabfallenden verwelkten Blütenblätter gesellen sich zum Sediment, welches inzwischen zu einem unschönen Gewölle herangewachsen ist.
Wenn man es nun lang genug weiter ignoriert und stattdessen weiter dem Staub beim Vorbei ziehen nicht nur zuschaut, sondern ihn gezielt in die eh schon ignorierte Ecke pustet, kann man ziemlich sicher sein, dass irgendwann irgendetwas darin einzieht.
Mein Etwas wohnt da jetzt schon eine ganze Weile und langsam weiß ich nicht mehr, wie ich es noch länger ignorieren könnte, zumal es anfängt, umher zu tasten. Es sucht etwas.
Dabei klebt mindestens ein Saugnapf ziemlich unübersehbar an meinem für mein Alter deutlich zu faltigen Hintern und lässt nicht mehr los.
Wir müssen reden. Denke ich.

Windspiel

Mich aufsammeln ist die Antwort auf die Frage vom Chef, was ich denn in meinem Urlaub so vorhabe. Passend dazu heule ich ihm eine halbe Stunde später ins Telefon und er verbringt über eine Stunde damit, meinen zur Singularität eingeschrumpften Blick wieder zu so etwas wie einem Horizont zu erweitern.
Die weltpolitische Lage ist allerdings ziemlich gut darin, selbiges – wenn auch mit anderem Fokus – postwendend zu invertieren. Aber das nur nebenbei.
Heute, an diesem leider nicht mehr palindromen Tag, zeigt mir Rosa außerordentlich stolz das Wiegeergebnis mit einem neuen alten Zehnerschritt vorndran. Ich weiß noch nicht so genau, wie ich das finde und schwanke zwischen absolut großartig und Alter! wie blöd kann man eigentlich sein.
Das. Ist. Irrsinn!
Kann man jetzt für alles Mal so stehen lassen.

Wegrationalisierung

Ratio so beim Reden zuzuhören macht nicht immer wirklich Spaß. Also darf sie sich derzeit so richtig oft bei Orange einmischen, dann macht sie anderen halt keinen Spaß. Und Orange hat gerade echt nen Arsch voll Arbeit. So kann Ratio wenigstens nicht allzu offensichtlich darüber nachdenken, wie es gerade so läuft. Nicht, nämlich.
Nicht nur, dass die inzwischen ~2/3 meines wiederhergestellten Gewichts auch gleich auch meinen Zyklus entfernt haben, sondern auch, dass meine nur klangvoll hübsche Röschenflechte zurück und meine Verdauung nochmal ein ganz eigenes Thema ist.
Mit ein Grund, sie Orange aufs Auge zu drücken, ist auch ihre Meinung zur Klinik und meinem Talent, Offensichtlichkeiten vorzuschieben (…therapiere man mich!), um ja nicht in die Verlegenheit zu kommen, wirklich Wichtiges zu thematisieren.
Und auch, wenn es ziemlich sicher eine weitere Selbstlüge ist, rede ich mir ein, dass es halt auch am Alter liegt. Natürlich ist es leicht, einem:r gerade so postpubartären Patient:in – wie sie zu 98% die Erwachsenenstation füllen – zur Heilung die Möglichkeit zu bieten, das eigene Leben zu hinterfragen und sich samt selbigem selbst ganz neu zu erfinden. Mach das mal mit Verpflichtungen. °inbeideRichtungenmitdenAugenroll°
Wir haben also eine Stille Übereinkunft, Ratio und ich. Nur brüllt die leider sehr laut, wenn sie gerade nüscht zu tun hat.

Nonverbal

Me
°kuschelt sich zum Einschlafen ein, weil wichtiger Termin morgen und so°

Gehirn
Mag sein. Aber hast du schonmal darüber nachgedacht?

Me
°denkt darüber nach°
Jetzt dann aber! Letzte Nacht war schon so kurz.

Gehirn
Ja. Aber bedenke!

Me
°bedenkt°
Jetzt aber wirklich! Gründe und so!

Gehirn
°tut so, als würde es wegnicken°

Blase
°Überraschung!°

Me
°geht pieseln°
°kriecht wieder ins Bett°
Darf ich jetzt?

Gehirn
°lacht°
Warum noch gleich wartest du eigentlich seit x Tagen auf deine nächste Mens?

Me
°weil halt°
°überlegt tatsächlich, dass es gerade nicht so geil läuft°
°googelt und denkt, was sich so frühstücken ließe°
°findet den Gedanken außerordentlich vernünftig und gruslig°

Blase
°Überraschung!°

Me
°geht pieseln°
°kriecht wieder ins Bett°
°schielt auf die Uhr und gähnt°

Gehirn
°gähnt auch°
°macht das Licht aus°
°feiert Party°

Me
Ich kann dich hööören!

Gehirn
Oh, sorry not sorry! Blog?

Me
°mag nicht, weil immernoch spät und müde und Gründe°
°kneift die Augen zu°


°greift zum Handy°
°bloggt°

Gehirn
°hält mich für bekloppt, weil spät und heute wichtiger Termin und so°

Brandopfer

Da eine Löschung unmöglich scheint und ich die Flammen schon wieder und seit zu langer Zeit nur mit Backburning bekämpfe, wundere ich mich nicht so richtig darüber, dass Körper auf den Stress nicht nur mit einem gepflegten kleinen Nervenzusammenbruch auf die Reste meines Teams, das trotz aller Bemühungen in immer kleinere Trümmerteile zerfällt, reagiert, sondern gerade auch keinerlei Kapazitäten zum Menstruieren zur Verfügung stellt. Stattdessen investiert er einen Teil seiner nicht-Energie in lustige Verdauungsbeschwerden – über die maximal Rosa sich freut – und anderen Körperkram, so dass ich heute nicht mal spazieren gehen mag. Das wiederum mag Rosa gar nicht, aber ich rede mich raus mit der Nähe der Sanitäranlage und dass ich ja schon einkaufen war, das Bad geputzt und das Erdgeschoss gestaubsaugt habe. Hm, sagt sie.

Prävention




Sport und Podcast. Die einzig denkbare Möglichkeit, überhaupt einen zu hören, weil, man kann ja nicht einfach nur einen Podcast hören und sonst nichts tun.
Es geht um Entwicklungstraumata und noch bevor ich so richtig realisiere, dass sich gerade mehr als eine ziemlich verstaubte Kiste in meinem Kopf öffnet, wirft sich irgendetwas im Innen darauf, als wären es scharfe Granaten. Vermutlich sind es scharfe Granaten. Nichts als latente Übelkeit bleibt zurück und das Gefühl, auf der Suche zu sein, ohne zu wissen wonach. Ein Gefühl, das einfach nicht verschwinden will und nach jeder der vielen Nächte, in der ich von der Klinik träume, an Intensität gewinnt. Was sich nicht wegmachen lässt und den Parasit nährt.



Orange lässt sich überaus selbstzufrieden das Bauchi vom Chef kraulen.
Wo Rosa, der Parasit und andere so sind, kann ich nicht sagen, weiß aber ziemlich sicher, dass sie sich ähnlich ignor- bis negiert fühlen müssen wie ich, weil Orange einfach keinen Widerspruch zulässt. Dabei hätte ich schon etwas zu sagen. Ist ihr aber sehr egal gerade.

Du wirkst so stabil und stark wie nie zuvor, kann man fast sagen, sagt Chef, nicht nur fast.



Gib mir endlich den verfickten Alkohol und Klingen, dann zeige ich dir, wie stabil ich bin! kreischt der Parasit und ich weiß kaum noch, was ich ihm entgegensetzen soll.



Es war Februar – oder März, oder April, jedenfalls einer dieser sehr schwarzdunklen Monate – als ich der sehr beruhigenden Überzeugung war, dieses Jahr nicht zu überleben. Jetzt sind nur noch vierzehn Tage übrig und ich will einen gebührenden Abschluss finden für eine von Menschen erdachte Zeitspanne als ungenaue Abgrenzung eines hochpräzisen astronomischen Zyklus.
Kein Ende, aber einen Abschied, eine letzte Eskalation, bevor das neue Jahr voller Einhörner und Glitzer starten kann.