Anastomose

Ich bin irritiert. Die Diskussion, die keine war, klingt noch nach in meinem Kopf, als ich plötzlich rede. Mich öffne, wenn auch nur eine Winzigkeit, aber seit langem erstmals wieder im nicht selbstschädigenden Sinne. Dabei bin ich nicht mal betrunken. Was mich zusätzlich erstaunt. Und Angst macht. So viel.
Vielleicht ist es das Verständnis, auf das wir stoßen, dass Rosa und den Parasit perplex verstummen lässt. Und nicht nur mein, sondern auch Schatz‘ Zugeständnis, dass niemand jetzt gleich und für immer weg muss, niemand zum Gehen gezwungen wird, sondern dass Babyschritte okay sind. Und wir einfach schauen, wie sich die Dinge entwickeln, wenn ich nur ein ganz bisschen mehr Verbindung zulasse.
Scheiße, ist das gruselig.

Möwen und Milchkaffee

Kann ich mich entscheiden, positiv zu denken oder gar glücklich zu sein? An manchen Tagen scheint es zumindest im Bereich des Möglichen zu liegen. So wie heute, also entscheide ich heute, dass ich positiv denken möchte – und vielleicht, nur vielleicht, gelingt es mir, diese Entscheidung für einige Tage mitzunehmen, das positive Denken beizubehalten.

Es ist ein guter Tag, auch wenn es anfangs keiner zu werden scheint. Ich wache mit Bauchkrämpfen auf, weil meine Mens losgeht, und wir haben einen etwas „kritischen“ Termin am Vormittag. Aber dank Medis sind die Beschwerden bald weg, der Termin ist ok und auch meine Erkältung wird langsam besser.

Die Sonne scheint. So fahren Schatz und ich anschließend in einen Nachbarort und gehen am See spazieren, fotografieren ein bisschen. Und gehen in eins der schönsten See-Cafés, das ich kenne – wir sind zum ersten, aber ganz bestimmt nicht zum letzten Mal dort. Ich trinke Latte Macchiato, Schatz einen Milchkaffee, und wir schauen den Blesshühnern beim Tauchen und den Möwen beim Segeln zu – es ist warm und schön und irgendwie friedlich. Und der Moment, an dem ich für heute entgültig entscheide, dass es ein guter Tag ist.

Jetzt sitze ich mit meinen warmen Socken und in eine Decke gekuschelt auf dem Sofa und denke an diesen wunderschönen, blauen Ausblick über den See auf die Berge. Ein bisschen Bauchweh ist zurück, aber das ist ok. Es geht mir heute gut.

Hypothetische Gefühle

Im Dezember wird sich entscheiden, ob die Katastrophe, die heute genau 6 Monate her ist, vorbei ist, oder dann erst so richtig los weiter geht.

Die (Un-)Wucht hypothetischer Gefühle

Wenn ich darüber nachdenke, dass es weitergeht, denke ich daran, dass ich dann wütend sein werde. Abgesehen davon, dass ich dank der Befürchtung magischen Denkens eigentlich garnicht darüber nachdenken möchte.

Wenn ich aber darüber nachdenke, dass es vorbei wäre, überrollt mich die Wucht dieser hypothetischen Erleichterung derart, dass ich es nur mit äußerster Mühe schaffe, nich zusammenzubrechen und allen Schmerz der letzten Monate rauszuheulen.

Ich habe vor beidem Angst. Wenn es vorbei wäre, weiß ich nicht, ob ich zusammenklappe. Wenn es weitergeht…geht es weiter, bleibt anstrengend und hart und ungewiss.

Und ich will nicht Hoffen, weil es so anders ausgehen könnte.

If your world falls apart, I’d start a riot

Die Katastrophe. 5 Monate und 4 Tage sind vergangen. Und es brennt immernoch.

Stell dir vor…

Jemand dreht dir aus über 1 1/2 Jahrzenten Vertrauen einen Strick.
Jemand wirft dir etwas vor, was du nicht getan hast.
Jemand setzt dich so lange fest, bis du dein eigenes Todesurteil unterschreiben würdest.
Jemand lässt dich dein Todesurteil unterschreiben.
Jemand verletzt deine Privatsphäre.
Jemand drängt dich in eine Ecke.
Jemand zwingt dich in einen absurden Rechtsstreit, dessen Ausgang offen ist.
Jemand zerstört dein bisheriges Leben und zündet die Trümmer an.
Jemand betrachtet dich bloß als Kolateralschaden.
Jemand will deine Existenz vernichten.

Und jetzt stell dir vor…

Jemand meint es ernst. Und es wäre deine Existenz.

Genau genommen ist all das meinem Mann passiert. Ich bin nur zufällig seine Frau. Und vielleicht ist es ein Fehler, all das so nah auch an mich heran zu lassen. Aber vielleicht ist genau das der Grund, warum unsere Beziehung nicht nur funktioniert, sondern so wundervoll ist. Weil ich es persönlich nehme, wenn jemand Schatz bedroht.
Aber ich kämpfe an zwei Fronten. Gegen diesen Jemand, der uns alles nehmen will. Und gegen mich selbst, meinen Kopf, meine Gedanken, meine Hilflosigkeit, meine Müdigkeit.
Jemanden kann und werde ich nicht gewinnen lassen. Bleibt abzuwarten, wieviel für die zweite Front übrig bleibt.