Tentakel

Einzelne Staubpartikel sieht man ja nur, wenn die Sonne ungünstig steht. Sonst fallen sie nicht auf. Aber irgendwo sammeln sie sich dann doch, unbemerkt. Durch einen permanent leichten Luftzug in einer ignorierten Ecke entsteht so nach und nach ein Sediment.
Davon kann man natürlich eine Weile prima ablenken, wenn man gegenüber einfach einen hübschen Wildblumenstrauß drapiert, der den Blick einfängt. Nur leider hält der nicht annähernd so lang wie erhofft, und die herabfallenden verwelkten Blütenblätter gesellen sich zum Sediment, welches inzwischen zu einem unschönen Gewölle herangewachsen ist.
Wenn man es nun lang genug weiter ignoriert und stattdessen weiter dem Staub beim Vorbei ziehen nicht nur zuschaut, sondern ihn gezielt in die eh schon ignorierte Ecke pustet, kann man ziemlich sicher sein, dass irgendwann irgendetwas darin einzieht.
Mein Etwas wohnt da jetzt schon eine ganze Weile und langsam weiß ich nicht mehr, wie ich es noch länger ignorieren könnte, zumal es anfängt, umher zu tasten. Es sucht etwas.
Dabei klebt mindestens ein Saugnapf ziemlich unübersehbar an meinem für mein Alter deutlich zu faltigen Hintern und lässt nicht mehr los.
Wir müssen reden. Denke ich.

Mankei

Es geht mir gut, auch wenn es da ein mehr oder weniger scharf abgegrenztes Aber gibt, das ständig vor mir im Weg rumsteht.
Eigentlich steht es da ja ganz gut, weil es auf dem unheimlich anmutenden Loch steht, in das ich garnicht so genau reinsehen möchte. Aber Loch und Aber sind auch ziemlich anhänglich, so dass ich sie fast immer im Blickfeld habe, außer wenn ich etwas mache. Egal was, hauptsache es ist was mit Bewegung. Wandern, Spazieren, Studio. Aber Abends ist das Aber dann meistens ziemlich angepisst und fragt mich mit hochgezogener Augenbraue und einem passiv-aggressiven Unterton, ob ich nicht vielleicht auch einfach mal Nichts machen könnte. So richtig echt gammeln. Und abends stimme ich überzeugt zu, mit dem festen Willen, den Wecker heutefrüh nur und ausschließlich dazu zu nutzen, Schatz zu sagen, dass ich nicht aufn Berg latschen, sondern den Tag im Bett oder maximal auf der Couch verbringen möchte – muss! – weil die sonst weint und sich nutzlos fühlt.
Aber dann geht der Wecker und es ist früh und Sommer und die schönste aller Tageszeiten und ich habe Energie und Lust und hey, es ist halt schön aufm Berg! Also gehen wir, sehen handgroße Libellen, flauschige Murmeltierhintern und keine Gämsen, aber davon hatten wir dafür beim letzten Mal schon Vier und unser Kontingent ist wahrscheinlich damit erst einmal erschöpft. Ja, es ist verdammt scheißschön aufm Berg.
Und jetzt kann ich gammeln. Keinen ganzen Tag, nichtmal einen halben, aber das Aber wird ein bisschen kleiner und es scheint etwas Sonne ins Loch. So gruslig ist es garnicht. Ich muss nur ab und zu mal reinsehen.

Limitiert

Meine Muskeln summen, als ich stehen bleibe, um etwas zu trinken. Körper kann nicht mehr, und schon wieder droht er mit Systemabschaltung. So wie vorhin vorm Frühstück, als ich plötzlich merke, dass ich kurz davor bin, einfach umzufallen, weil sämtliche Speicher einfach leer sind.

Von vorne. Wir gehen auf Wander-//Foto-//Bergtour – eine, die Schatz vor einiger Zeit allein gemacht hat und die er mir unbedingt zeigen möchte. Es ist toll, aber ich scheitere trotz bester Vorsätze an dem letzten Stück rauf zur Alm, auf der er gewesen ist. Zu steil, zu weit, zu ungefrühstückt. Also gehen wir den Weg ein Stück zurück, zur vorigen Alm, und rasten dort. Ohne frische Buttermilch, die es zusammen mit knuddelbaren Kühen und selbstgemachtem Käse oben gegeben hätte – daher nur mit Wasser und einem Pott Kaffee, während Schatz ein Stück Käsekuchen verdrückt. Immerhin, der Kaffee rettet mich über weitere 1 1/2 Stunden, bis zu eben jenem Punkt während des Rückweges, wo beinahe nichts mehr geht und ich endlich mein Frühstück auspacke. Und die Hälfte esse.
Die zweite Hälfte folgt im Auto, zu dem ich es noch gerade so geschafft habe. Kommuniziert habe ich all das natürlich weitaus harmloser und in deutlich geringerem Umfang, als es sich anfühlte und was wohl nur diejenigen wirklich nachfühlen können, die wissen, wie strange sich ein ausgehungerter Körper mit leeren Muskeln anfühlen kann, wenn er leisten soll, aber einfach nicht mehr kann und mit Abschaltung droht.

Iss halt einfach denkt sich der rationale Teil von mir. Rosa rollt mit den Augen.

Tortur

Außer meinem nicht gerade leichten Fotorucksack schleppe ich auch noch Rosa huckepack mit mir rum. Sie macht sich verdammt schwer, und das mit voller Absicht, weil sie sauer ist, dass wir wegen einer blöden Wanderung heute keinen Sport machen. Immerhin konnte ich sie überhaupt dazu überreden, aber nur unter der Bedingung, keinesfalls vor 9 zu frühstücken und die Tour mit der neu entdeckten App zu tracken.
Tatsächlich habe ich mich beinahe sowas wie darauf gefreut, war ich doch dieses Jahr nicht nur wegen Corona, sondern vorallem wegen Rosa noch auf keiner längeren Fototour. Ziemlich schnell weiß ich dann allerdings auch ganz genau, warum ich das bisher so gehandhabt habe. Ich kann mich nur mäßig auf die so geile Umgebung konzentrieren, und jeder Schritt löst ein stärker werdendes, sich drehendes Echo in meinem Kopf aus. Körper mag nicht, und macht mir das auch sehr deutlich. Die Suche nach einer adäquaten Beschreibung für diesen Zustand scheitert am nicht vorhandenen Denkvermögen. Ich weiß nur, dass ich leer bin – physisch wie mental, wobei auch Letzteres keine angenehme Leere, sondern bloße Abwesenheit darstellt.
Die Steigung, die ich noch vor einem Jahr nicht einmal als solche bezeichnet hätte, bringt mich an den Rand meiner Leistungsfähigkeit, so dass sich selbst meine Arme irgendwann nurnoch wie in Eiswasser getaucht bewegen lassen.
Es ist 10, als wir das Erste unserer potentiell anvisierten Ziele erreichen und ich endlich meine halbe Brotzeit in Form von – aus Versehen – veganem und genau kalorienbegrenzten CookieDough, einer Möhre und ein paar Stückchen Apfel esse, deren Zuckergehalt einer Offenbarung gleichkommt, die Körper fast zu Tränen rührt.
Einen weiteren Schritt zu tun, der nicht Richtung Auto führt, scheint mir unmöglich, auch wenn Rosa angesichts der bisher angeblich verbrannten Kalorien fragend eine Augenbraue hebt und richtung Gipfel gestikuliert. Aber ich ignoriere sie – auch als sie darauf hinweist, ich könnte ja daheim dann noch richtigen Sport machen oder ins Studio fahren – und bin bei der Ankunft am Parkplatz nach den 10 Kilometern Wegstrecke derart fertig, dass ich im auf dem Heimweg fast einschlafe und den kurzen Einkauf nur mehr wie in Trance wahrnehme.
Nun hat das Sofa mich wieder, und nach der zweiten Hälfte CookieDough, weiteren Apfelstückchen und einem Salatplan fürs Abendessen ist Rosa zumindest damit versöhnt, dass wir wider Erwarten unsere Gesamttageskalorien nicht überschreiten und morgen wieder brav ins Studio fahren werden.

Retrospektive

Nein, ich ziehe keine Bilanz des vergangenen Jahres. Stattdessen frage ich mich, wie es mit der Retrospektive im Hinterkopf im kommenden Jahr weitergehen soll. Und so richtig weiß ich das gerade nicht. In der Klinik haben sie mal gesagt, Verwirrung sei gut, weil sie ein Zeichen dafür sei, dass sich etwas im Gehirn neu organisiert. Es könnte dann mal fertig werden und mir seinen Plan präsentieren, bitte.

Heute habe ich eine Mail an die Ernährungsberaterin geschrieben und ihr zugesagt. Erstaunlicherweise fühlt sich das gerade okay an – stattdessen stoße ich auf massive innere Widerstände, was die Wiederaufnahme einer jetzt dann tiefenpsychologischen Therapie angeht. Ich habe (gerade?) keine Lust, in mir herumzuwühlen und innere Kinder an sichere Orte zu verpflanzen. Auch wenn mir bewusst ist, dass es irgendwie blödsinnig ist, an meinem Essverhalten arbeiten zu wollen, wenn der Rest brach liegt. Aber ich mag nicht. Echt nicht. Das ist mir zu viel, jede Woche im Januar hat mit die Thera einen Termin gegeben, was an sich toll ist, weil es ja erstmal nur Sprechtstunden sind, aber ich will Sport machen und arbeiten muss ich auch und zur Ernährungsberatung gehen und auch noch Zeit für mich finden in der ich dann nichts mit mir anzufangen weiß.
Tatsächlich könnte ich gerade Weinen, wenn ich zu sehr daran denke, dort hinzugehen. Nur muss das Schatz noch beigebracht werden.