Brachland

Der Schlag in die Magengrube treibt mir die Luft aus den Lungen, so dass es nicht für mehr als ein lautloses Wimmern reicht. Mein Kopf dröhnt und ganz viel NichtGefühl verknotet sich zu maximaler Verwirrung, die mich in Ketten legt.
Etwas weint. Verzweifelt, unartikuliert. Kein Wunder, is es doch erst etwas älter als ein Jahr und Sprache ist noch so unbedeutend.
Wieder wird es abgewiesen. Wieder wird es nicht gesehen. Wieder wird es enttäuscht, weil es offensichtlich nichts zu geben scheint, was Beachtung verdient.
Und wieder ist Rot einfach nur so hilflos, dass sie Rosa und den Parasit – vorallem den Parasit – weiter anstachelt und um Sichtbarkeit bettelt.

Wieder stolpere ich über die Dinge, die ich nicht bekomme und nicht artikulieren kann, weil es doch keine Worte dafür gibt. Weil Sprache keine Bedeutung hat. Weil nur und ausschließlich Körperlichkeit zählt.

Ich will flüchten und mich unsichtbar machen, Kontakte beenden und dramatisch und blutüberströmt sein.

>Q|s|u|n|a|i|s|e|i|M<

Selbstwert und Stimmung stehen sorgfältig austariert, aber nicht besonders sicher auf den tönernen Füßen von Arbeit und Sport, während ich aufmerksam darauf achten muss, dass Rosa und der Parasit nicht plötzlich los- und alles über den Haufen rennen.
Ich bin mir selbst nicht sicher, ob es bloß ein Quasi ist und Rosa mich nicht äußerst geschickt an der Nase herum führt, oder doch einfach mein Weg, meine Babyschritte in die richtige Richtung. Meins. Mein Leben, dass sich gerade wieder lebenswert anfühlt, trotz Küchen- und Körperwaage, trotz vorhandener Restriktionen, die aber so unendlich weit von dem entfernt sind, wie es vor oder auch kurz nach der Klinik war. Mit Sport, mit Essen, was sich auf einer Skala zwischen krank und gesund zwar sicher noch bei gestört, aber mit deutlicher Tendenz zur gesunden Seite hin einordnen lässt. 50kg mehr bei der Beinpresse als vorher kommen sicher nicht von ungefähr.
Auch Grau gönnt sich und mir eine Auszeit und lässt wieder Farben zu.
Meins.

Bähm!

Argwöhnisch und mit hochgezogener Augenbraue betrachte ich dieses seltsam fantastische Gefühl, einen Plan zu haben, ohne dass es ein wirkliches Ziel braucht.
Gestern. Ich stehe auf dem CrossTrainer im FitnessStudio, nachdem ich dort – nachmittags, also mit Essen und Trinken in mir drin – auf der Waage war, um meinen Muskel- und Körperfettstatus zu erfahren und einen Termin zur Trainingsplanbesprechung für nächste Woche ausgemacht habe und °pling° ist er da. Der Plan. Für die Arbeit. Für Sport. Fürs Essen. Mit Rosa. Mit dem Parasit. Beide an der Hand, halb umarmt, lassen mich planen. Und schauen beinahe neugierig zu.
Und heute? Ist er immer noch da. Ein Plan für mein Leben. Ganz unaufgeregt, kein 5-Jahres-Masterplan mit smarten (Treppen-)Zielen, sondern einfach ein ok, ich mach einfach weiter 3 Mal die Woche Sport für richtig echten Muskelaufbau, schaue weiter trackend, aber kritisch auf meine Ernährung und konzentriere mich in der Arbeit auf die und die Punkte. Und dann schau ich mal, was passiert.
Ja, ich bin genauso perplex. Freue mich und habe Angst, mich zu freuen, weil es mich ja auch nur verarschen könnte. Also, das Leben. Oder mein Gehirn. Oder so.
°Bähm° halt.

Scheinwerfer

Irgendetwas ist gestern passiert. In meinem Kopf. Plötzlich war das Licht an. Nicht langsam wie ein Sonnenaufgang, so dass ich mich hätte vorbereiten können. Kein heller werdendes Grauschwarz, was erst Rot, dann Orange und anschließend strahlend Blau wird. Nein.

Hell. Von einem Moment auf den anderen, weil irgendetwas mit voller Wucht und ohne Vorwarnung auf den Schalter gehauen hat. Ich bin so geblendet, dass es mir Tränen in die Augen treibt, die seit Wochen staubtrocken und an tiefste Dunkelheit gewöhnt sind. Plötzlich bin ich wach. Und frage mich, was in den letzten 6-8 Wochen* passiert ist. Wie ich so eskalieren konnte. Warum ich ein ferngesteuerter, lieber ganz- als halbtoter Zombie in meinem ganz privaten Horrorfilm war, dessen Regie definitiv nicht bei mir lag.

Ich fühle mich derart klar, derart präsent, dass es mir unheimlich ist. Meine Hände fühlen sich nicht nur anders an, sie fühlen auch anders. Ein zartes Hallo entsteht in meinem Kopf.

* ein Schelm, wer dabei an den Einnahmestart des Antidepressivums denkt.

Parasit

°Triggerwarnung°

Etwas zerrt in mir. Reißt voll verzweifelter Gewalt an der Kette, die es halten soll. Es windet sich unter meiner Haut, in meinen Knochen und wühlt sich durch nassrote Gedärme. Drängt sie beiseite, martert mich und sich, weil es irgendetwas will. Die einzige Artikulation besteht aus verzweifeltem Aufheulen und einem seltsam sehnenden, mehr spür- als hörbaren Knurren. Tief. Voller Vorwurf und Lust. Und unendlich gequält.
Es zerreißt mich im Innen, minutiös, und schlägt scharfe Klauen in Empfindlichkeiten, Fangzähne in nackte NervenEnden. Es kämpft und gräbt sich durch Unbewusstes, getrieben von uralten Instinkten, die sich jeder Logik, jeder Beschreibung entziehen.
Ich bin verloren.

Visite. Blutbildbesprechung. Hämoglobin und Hämatokrit kratzen am Rande einer schweren Anämie.
Irgendwie kann ich mich rauswinden, aber mein Kopf packt umgehend seine Instant-Hüpfburg aus und schmeißt alle Gedanken, die er gerade so findet – und das sind echt viele – ungefragt dort rein.
Irgendetwas reitet mich nur Minuten später, eine kurze Mail mit der tatsächlichen Ursache an den Stationsarzt zu schreiben. Chefarzt und Frau Bezugseinzeltherapeutin werden informiert. Letztere treffe ich wenig später zum Einzel und ich sehe und höre ihr an, wie sehr sie mich nicht darauf ansprechen will, aber muss. Aber weil Frau Bezugseinzeltherapeutin Frau Bezugseinzeltherapeutin ist und nicht Herr Vertretungseinzeltherapeut, der mich zweifelsohne zerlegt hätte, winde ich mich erneut heraus und in großen Bögen um mich herum, ohne wirklich etwas zu sagen. Eine weitere Diffusität, die kaum noch auffällt in all den konstruierten Gebilden um mich herum und die ich manchmal fast selbst glaube.

Pazifismus

Diese Sekundenbruchteile, in denen alles nicht nur einfach, sondern auch noch möglich scheint. In denen alles einen Sinn ergibt und ich zu allem bereit bin. Zu leuchten erscheint ebenso denkbar wie zu verglühen. Beides wäre grandios absolut und absolut grandios.

Rot steht vor mir. Ihr heißer Atem dampft mir wenig Corona-konform ins Gesicht und ihre Augen brennen mir ein Loch ins Gehirn. Sie will sich prügeln, sie will rennen, sie will schreien, bis mein Hals, meine Füße und der ganze Rest bluten. Ich gebe ihr ein Kissen in die Hand und erlaube ihr, damit das Bett zu verprügeln. Sie lacht mich aus. Fragt mich, ob ich noch ganz dicht bin. Ich zucke nur hilflos mit den Schultern und verweise auf Frau Bezugseinzeltherapeutin, deren Vorschlag es war. Ihre Schuld, nicht meine.
Rot sucht sich imaginäre Streitpartner, die sie sehr ausführlich zur Schnecke machen kann und wirft ein, dass noch Rasierklingen im Schrank sind. Ich werfe ein, dass ich das schon ziemlich genau weiß, aber ich ihr einen Spaziergang anbieten kann, trotz erst vor wenigen Minuten vereinbarten bewegungsfreien Tag. Also gehen wir. Schnell. Genießen den Schmerz in den Beinen und den Schnee, den mir der Wind ins Gesicht treibt.
Es zerreißt mich dennoch. Nach wie vor. Trotz guter Krankengymnastik. Trotz Sekundenbruchteilen. Körperliche Aggression, die nicht nur mir Angst machen sollte, breitet sich erneut in mir aus und Rot will mehr.