Gravastern

In meinem Innersten ist ein Loch. Ein finsteres Vakuum, das wer weiß wann vor sich hin entstanden, im Kern offensichtlich nie verschwunden und langsam wieder kanzerös vor sich hin gewachsen ist. Inzwischen ist es größer als Rosa und der Parasit zusammen. Größer als ich.
Sanft umschlossen von einer watteweichen Glüxbärchi-Wolke fällt die Schwärze des Lochs, die im Innern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit haben wird, kaum auf. Aber so sehr ich auch hineinschauen, es füllen mag – einfach mit irgend etwas – , ich habe keinen Zugriff. Es verweigert sehr vehement jeden Versuch, es zu ergründen. Weghungern. Funktioniert nicht. Rausschneiden. Auch nicht. Beides zusammen. Ist zwar irgendwie geil, bringt mich aber auch nicht weiter.
Der Parasit redet mir den heimlichen Kauf von Vodka schön, indem er mir verspricht, dass ich dann bestimmt einen Blick hineinwerfen kann, in das Loch. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es mich aufsaugt. Und plane, wann ich trinken kann.

Idio­syn­kra­sie

°Triggerwarnung°

Schatz schnarcht selig in meinen Nacken, während ich darüber nachdenke, dass mein letztes Blutbild keinen Eingang mehr in den Entlassbrief fand und der Herr Stationsarzt mich extra deswegen am Abend meines Abreisetages noch einmal anrief, um mir den als bedenklich einzustufenden Hb-Wert mitzuteilen. Und ich denke daran, wie der neue Hausarzt meinen Entlassbrief überfliegt, ebenjenen händisch von mir nachgetragenen Wert sowie auch die vorherigen auf Eisenmangel zurückführt und meinen Einwurf, dass es ziemlich eindeutig nicht daran liegt – zumindest nicht am ernährungsbedingten – genauso schnell übergeht wie die dort empfohlenen wöchentlichen Gewichtskontrollen. In den nun folgenden und kaum enden wollenden Assoziationsketten verliere ich mich gedanklich in Kontaktabbrüchen – und zwar jegliche, weil jeder am Ende nur Rosa bedroht – den Medikamenten, die ich nun nicht mehr in täglicher Einzeldosis bekomme, sondern in Mehrmonatsvorräten daheim habe und was ich damit alles anstellen könnte, in Rasierklingen, Blut und in Körper, der bitte schnellstmöglich wieder so fertig und kaputt aussehen soll, wie es im Innen nach wie vor ist. Anschließend fühle ich mich grauenvoll und verwirrt, weil ich 13² UrlaubsKliniktage einfach so anzünde, die Asche in eine Urne fülle und sie ins Regal stelle – zusammen mit all dem, was ich gelernt, erkannt und verstanden habe, aber schlichtweg nicht will.
Ich versuche zu verstehen, was seit meiner Ankunft daheim in meinem Kopf passiert und fühle mich multidimensional und inkonsistent, während im Außen sowieso nur ein verzerrtes Abbild dessen erscheint, was dunkel und wühlend darunter liegt.
Ich zähle die Tage bis zur angedachten Wiedereingliederung, Schritte, Schupfnudeln und sowieso auch alle Kalorien, die ich zu mir nehme. Ich könnte kaum verlorener sein.

Scheinwerfer

Irgendetwas ist gestern passiert. In meinem Kopf. Plötzlich war das Licht an. Nicht langsam wie ein Sonnenaufgang, so dass ich mich hätte vorbereiten können. Kein heller werdendes Grauschwarz, was erst Rot, dann Orange und anschließend strahlend Blau wird. Nein.

Hell. Von einem Moment auf den anderen, weil irgendetwas mit voller Wucht und ohne Vorwarnung auf den Schalter gehauen hat. Ich bin so geblendet, dass es mir Tränen in die Augen treibt, die seit Wochen staubtrocken und an tiefste Dunkelheit gewöhnt sind. Plötzlich bin ich wach. Und frage mich, was in den letzten 6-8 Wochen* passiert ist. Wie ich so eskalieren konnte. Warum ich ein ferngesteuerter, lieber ganz- als halbtoter Zombie in meinem ganz privaten Horrorfilm war, dessen Regie definitiv nicht bei mir lag.

Ich fühle mich derart klar, derart präsent, dass es mir unheimlich ist. Meine Hände fühlen sich nicht nur anders an, sie fühlen auch anders. Ein zartes Hallo entsteht in meinem Kopf.

* ein Schelm, wer dabei an den Einnahmestart des Antidepressivums denkt.

Invalidiert

Ich zähle 12 Musterreihen, als ich den Vorderteil meines Häkelpullis in Teilen wieder aufribbeln muss, weil irgendwo ein Fehler drin ist, den ich weder finden noch ausmerzen kann. Das mache ich so gefühlte drölfzig Mal heute, so dass er jetzt kleiner ist als zu Beginn des Tages. Trotz Häkelorgie.

Ich zähle unglaubliche 24 Wochen, als ich den Kalender bis zur – voraussichtlich – geplanten Entlassung aus der Klinik anschaue und mich selbst wieder in einen Alltag integrieren muss, der beängstigender kaum sein könnte. Mit Rosa an der Hand, die zwar weitaus weniger quängelig ist, als sie schonmal war, der ich aber auch schon versprochen habe, dass wir daheim ganz dringend an bestimmten Definitionen arbeiten werden. Grau dagegen fragt, ob wir denn nach Hause oder überhaupt noch irgendwohin wollen, oder ob es nicht einfacher wäre, einen Cut zu machen, so dass ich mich frage, ob wir nach dem ganzen Auseinandernehmen tatsächlich so viel weiter weg vom Nichts sind, als zu Beginn des Aufenthalts. Trotz Therapieorgie.

Fünfhundertachtundvierzig

Körper sagt, er ist nun ausreichend wiederhergestellt, um zu menstruieren. Zumindest ein bisschen.
Ich sehe ihm mit hochgezogener Augenbraue dabei zu und frage mich, wann er gedenkt, seine Hirnchemie mal näher in Augenschein zu nehmen, statt sich um derlei Lästigkeiten zu kümmern. Jene Hirnchemie, die sich bisher sehr unbeeindruckt zeigt von den Antidepressiva, so dass wir die Dosis ab morgen erhöhen und mit Spannung darauf warten, ob aus der Erst- eine Zweitverschlimmerung wird.
Die dumpfgraue Leere versuche ich derweil mit purpurfarbenem Schmerz zu übertünchen, um wenigstens irgendetwas zu fühlen. Mit blutigen Fingern versuche ich, die Kiste, in der ich zumindest ein paar meiner Gefühle vermute, zu öffnen und ziehe mir bloß Splitter ein.

Schraubstock

Mein Puls hämmert in dumpfen, harten Wellen von innen gegen meinen Schädel. Ich verliere mich in Anspannung und Gedanken über Kontrolle, bei denen ich zu dem Schluss gelange, dass ich nach wie vor keinen Schimmer habe, was mir hinreichend Sicherheit geben könnte, um mich nicht nach der Klinik umgehend wieder Rosa zuzuwenden.
Übelkeit schwappt mir entgegen. Ob als Nebenwirkung des Wellengangs in meinem Kopf oder des Antidepressivums, was ich seit wenigen Tagen nehme, ist so ungeklärt wie irrelevant. Das Gruseln, chemisch in meinen Hirnstoffwechsel hineinpfuschen zu lassen, mischt sich mit der dadurch verursachten Müdigkeit, die es zwar laut Beipackzettel, nicht jedoch laut Chefarzt geben dürfte.
Ich sitze fest.