Stille Wasser

Ich bin ertrunken. Ein falscher Schritt, an den jede Erinnerung fehlt, und ich fand mich in tiefsten Gewässern wieder. Ich schluckte Wasser und ging unter wie ein Stein. Ich wehrte mich nicht.
Nun beobachte ich meinen Körper, der wie schwerelos durch die Dunkelheit schwebt, immer tiefer in die Kälte. Es ist friedlich, irgendwie – das Wasser umhüllt ihn wie weiche, dämpfende Watte, lässt ihn sanft in die Tiefe sinken.

Ein geradezu romantisches Bild des Lochs, in das ich vor einer Woche gefallen bin, plötzlich und ohne Vorwarnung. Es ist so tief, dass ich das Licht kaum noch sehe. Alles ist unfassbar dumpf, und doch fühle ich mich irgendwie geborgen.
Ich funktioniere, aber ich spiel(t)e ernsthaft mit dem Gedanken, mich krankschreiben zu lassen, was ich bei einem besseren Verhältnis zu meinem Hausarzt sicher auch getan hätte. Meine Maske funktioniert perfekt. Schatz merkt es. Aber am Mittwoch, bei meiner allerletzten Therapiestunde, erzählte ich Frau Thera das Blaue vom Himmel, und sie glaubte mir. “Ich freue mich für Sie, dass es Ihnen so viel besser geht, als zu Beginn!“ Lächeln. Zustimmend nicken.

°

„Was willst du?!“
Die Worte (nein, Schreie, verbesserte sie sich in Gedanken) donnerten durch den Raum und hallten so laut in ihrem Kopf wider, dass sie zunächst Mühe hatte, sie überhaupt als solche zu identifizieren, geschweige denn, ihnen einen Sinn abzugewinnen. Das Dröhnen in ihren Ohren ließ nur langsam nach, und die darauffolgende Stille war beinahe lauter und unangenehmer als die Worte zuvor, die so unvermittelt die Zeit zerschnitten hatten, scharf wie eine Rasierklinge. Eine unangenehme Pause, die sie sich dennoch nicht zu unterbrechen traute.
„Was?!“
Ein einzelnes Wort, eine nahezu anklagende Frage, zermalmte erneut die Geräuschlosigkeit. Noch lauter als zuvor, aber auch eine Spur … verzweifelter? Sie spürte, wie die mühsam zurückgehaltenen Emotionen dennoch in den Worten mitschwangen und ihnen weit mehr Bedeutung verliehen, als die reine Heftigkeit, mir der sie ausgesprochen wurden, auch nur erahnen ließ. Wieder war die Stille so viel lauter, als es Worte je sein konnten.
„…bitte…“
Beinahe hätte sie es überhört so leise war es ausgesprochen worden. Die flehende Verzweiflung, die in diesem Flüstern lag, zerriß ihr das Herz. Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie begriff, wie sehr sie sich eine Antwort erhoffte.
Stille.

Klettercoaching

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Bisher fehlte mir die Zeit (und der Kopf), vom Therapeutischen Klettern zu berichten. Zwei Termine gab es bisher, der Start hatte sich deutlich nach hinten verschoben und auch die Gruppe ist mit nur zwei Leuten (inkl. mir) kleiner, als ich gehofft hatte.
Den Coach finde ich super, die zweite Teilnehmerin ist nett (ob es für Freundschaft reicht, weiß ich aber noch nicht).

Das Coaching

Ich bin weniger nervös als gedacht, als ich am ersten Termin in der Halle eintreffe. Ich sehe eine Frau, von der ich gleich vermute, dass sie die zweite Teilnehmerin sein wird, traue mich aber nicht, sie anzusprechen. Den Coach kenne ich schon vom Foto, also erkenne ich ihn, als er weniger Minuten nach mir die Halle betritt.
Wir stellen uns kurz vor, dann bekomme ich meinen Gurt und Schuhe und gehe mich umziehen.
Zurück in der Halle suchen wir uns ein stilles Plätzchen und besprechen, wie es nun weitergeht. Der Coach gibt uns zwei, drei Hinweise zur Klettertechnik, dann legen wir los. Entgegen meiner Erwartung macht mir die Höhe kaum etwas aus, und auch das Klettern selbst ist kräftemäßig überhaupt kein Problem (gut, ich fange natürlich auch bei den richtig großen Griffen an).

Therapeutisch?

Was ist daran nun therapeutisch, wenn man nicht gerade an Höhenangst leidet? Erstaunlich viel. Mein Perfektionismus zum Beispiel, kombiniert mit Leistungsansprüchen, findet sich umgehend an der Wand wieder. Ich vergesse, auf meinen Körper zu achten, und denke stattdessen daran, was der Coach und die zweite Teilnehmerin von mir denken könnten, während ich möglichst schnell und effektiv bis ganz nach oben will. In den Vor- und Nachgesprächen nach jedem Klettern sprechen wir darüber, und ich bekomme z.B. die Aufgabe, beim nächsten Mal Pausen einzubauen und auf mich zu achten.
Im zweiten Termin lerne ich, die zweite Teilnehmerin zu sichern, während sie klettert. Das finde ich spannend, aber auch beängstigend, weil ihre Sicherheit von meiner Aufmerksamkeit abhängt (der Coach ist natürlich immer dabei und achtet darauf, dass ich alles richtig mache).

Fazit

Zwei Termine wird es noch geben – beide noch dieses Jahr -, so dass es für ein engültiges Fazit zu früh ist. Aber ich bin froh um diese neue Erfahrung, und irgendwie sind die Aufgaben wie Pause machen, sich selbst spüren, … auch im Alltag präsenter, als sie es durch die Verhaltenstherapie waren.

Es ist leichter, mich schlecht zu fühlen…

…und es nervt mich. Warum muss es Arbeit sein, mich ok oder gar gut zu fühlen? Bei anderen geht das doch auch einfach so?

Ich weiß, dass es nicht immer so war und nicht immer so bleiben wird. Und dass ich mich nicht mit anderen vergleichen sollte. Aber jetzt gerade (und schon seit viel zu langer Zeit) ist es so, und es kotzt mich an. Weil es so leicht ist, mich wahlweise schlecht oder nichts zu fühlen, und es so sehr anstrengt, jeden Tag aufs Neue dagegen anzugehen. Und wenn ich es nicht tue, denke ich daran, dass es nur hätte versuchen müssen, statt in Selbstmitleid und einer Diagnose zu versinken.

Leck mich, Welt.

Heul doch!

Mein kleiner Nervenzusammenbruch kam einen Tag früher als gedacht; denn unser heute anstehender Termin, auf den wir so lange gewartet hatten, wurde gestern mittag auf Anfang Februar verschoben. -.-

Ich fühle mich immer noch wie betäubt, weiß garnicht, was ich denken soll. Gesternabend, als ich heimkam, habe ich mich betrunken und Schatz vollgeheult. Schlafen konnte ich kaum. Hunger ist mal wieder weg.
Mein spontaner Plan gestern, den eh schon freigenommenen Tag heute in der Therme zu verbringen, scheitert nicht nur am Schneegestöber, sondern vorallem an meiner Unlust. Atmen ist anstrengend genug. Hätte mein Rücken nicht nach 13 Stunden im Bett gestreikt, wäre ich wohl weiter liegen geblieben. Augen zu und abwarten, dass es 8 Wochen später ist.

Also von vorne. Mich weiter wie ein Zombie fühlen, meine Gefühle vergraben, damit sie mich nicht überwältigen, und irgendwie die nächsten Wochen überstehen. In Gedanken Leute anschreien, heulen, wüten, um mich schlagen – und außen lächeln und winken. Ich weiß nicht, wie ich weiter meinen Job machen soll. Ich kann mich nicht konzentrieren, und ich will verdammt nochmal die Verantwortung gerade einfach nicht mehr tragen müssen.

FUCK.

Licht ist, wenn man keins hat, ist es dunkel

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… hier sitze ich, Beine baumelnd, abwartend. Nichts zu fühlen ist die einzige Option, die mich so etwas wie aufrecht hält. Ich habe Angst. Angst, dass sich doch eine Träne an meiner Mauer aus Gefühllosigkeit vorbei schleicht und mich vorher zusammenbrechen lässt. Angst, mich zu verletzen, um den Druck umzulenken, weil es mich – vielleicht – etwas fühlen lässt und meine Mauer einreißt. Mit einer Klinge in der Hand wäre das keine gute Idee. Nein, ganz und garnicht.

Ich fühle mich wie bin ein Zombie, darauf wartend, dass es Mittwoch wird. Der Tag. Der Tag, an dem sich entscheidet, ob Schatz und ich damit beginnen können, die Scherben unseres Lebens wieder zusammenzusetzen, oder ob jemand nochmal mit der Planierraupe drüberfährt. Der Tag, von dem ich nicht weiß, wie ich es bis dahin schaffen soll. Der Tag, an dem ich zusammenbrechen werde, egal, wie es ausgeht.

Ich kann nicht mehr. Ich rede nicht. Ich fühle nicht. Ich funktioniere nicht und versuche, nicht nachzudenken. Ich lenke mich ab, stoße Menschen vor den Kopf, habe keine Ahnung, wie ich Montag und Dienstag arbeiten soll und strauchle heimlich vor mich hin.