Anführungszeichen

Ich frage mich, was sie meint mit Hauptsache, du bist „gesund“ und welchen Unterschied es macht, ob ich gesund oder „gesund“ bin, oder ob es einen geben sollte oder könnte oder müsste? Oder ob es nicht wichtiger wäre, wenn es mir einfach gut ginge?
Da ist sie, meine unangefragte Antwort darauf, warum ich eine Pause von meiner Familie brauche und die bloße geografische Entfernung mehrerer 100 Kilometer nicht ausreichend ist. Abstand ist mehr als physische Distanz.
Und nein, ich bin nichts davon. Nicht gesund – egal in welcher Schreibweise – und gut geht es mir auch nicht.
Und wieder einmal möchte ich eskalieren und dramatisch sein.

Falsch

Mein unbändiger Wunsch, ihr mein ganzes Leid ungefiltert und schwallartig vor die Füße zu kotzen, scheitert am Alkoholgehalt meines Leitungswassers, welcher mindestens 45% unter dem liegt, was ich eigentlich gerne in meiner Halbliterflasche hätte.
So rede ich unzusammenhängend von Hunger, selbst zugefügtem Schmerz und tausend Dingen dazwischen in der wahnwitzigen Hoffnung, auf so etwas wie Verstehen zu stoßen und pralle mehr als unsanft an Selbsterklärungversuchen über WeightWatchers und an etwas Anderes denken ab.
Zum Glück merke ich das kaum, weil einfach irgendwer redet, während ich mich – selbst von mir unbemerkt – um den ganzen Rest kümmere, der eigentlich gerne reden würde.
Als sie geht, bedaure ich die aktuelle Trockenheit einmal mehr und hasse es, noch etwas essen zu müssen, um Erwähnenswertes weiterhin aufrechtzuerhalten. Am liebsten würde ich dabei in Schatz hineinkrabbeln und meinen freien Tag morgen genau dort verbringen. Mit meiner Rasierklinge.
Irgendetwas in mir wimmert leise.

Versiegelung II

Das Pflaster ist ihr so präsent, wie es nur sein kann. Es juckt, und drunter brennt es ganz furchtbar. Vielleicht bahnt sich auch eine Entzündung an.
Alkohol wäre gerade super. Nicht zum desinfizieren – nicht nur – sondern um zu betäuben und sich Mut anzutrinken, um die Rasierklinge zur Ablenkung anzusetzen. Sie spürt, wie schwach sie ist. Wie sämtliche Energie gerade so ausreicht, um den Tag und das Sportpensum zu überstehen. Während andere ihre gar nicht so plötzliche, aber bisher gut überspielte Langsamkeit als Entspannung missdeuten und loben, spürt sie die physiologische Leere ihres Körpers und den schlurfenden Gang, der ihren Körper mit jedem Schritt mehr herausfordert und nicht vorhandene Reserven weiter leert. Und sie liebt es.

Grundlos

Geht es mir grundlos schlecht? Oder anders, provokanter gefragt: brauche ich einen Grund, damit es mir schlecht gehen „darf“? Eine klitzekleine sehr laute Stimme in meinem Kopf beantwortet diese Frage stets mit einem eindeutigen Ja. Jetzt weiß ich auch wieder, warum.

Ich antwortete meiner Mama auf ihre übliche Wochenend-WhatsApp letzte Woche, dass es mir ziemlich doof geht – in der Erwartung, dass sie diesen Teil meiner Nachricht wieder einmal ignorieren wird, wie so oft. Aber Überraschung!, sie tat es nicht, sondern fragte, warum.

Wünsch dir nichts, mit dem du dann nicht umgehen kannst

Ja, genau das hatte ich mir gewünscht – dass sie es mal nicht übergeht und ignoriert, sondern einfach irgendetwas dazu schreibt. Und als sie es tat, war ich sauer. Ich wollte sie sofort anschnauzen, ob es mir nicht einfach nur schlecht gehen darf, weil ich Depressionen habe auch ohne dass es einen konkreten Grund dafür gibt. Tatsächlich wich ich aus und nannte einen Grund, auch wenn es nicht der Grund ist, sondern nur einer von tausenden, oder keiner.

Seither bin ich gedanklich auf der Suche nach Henne und Ei, und zwar in beide Richtungen. Wenn es mir gut geht, ist das dann so, weil ich etwas für mich getan habe? Oder habe ich etwas für mich getan, weil ich es konnte – weil es mir gut geht? Und wenn es mir schlecht geht? Spiele ich die gleichen Gedanken durch.

Aber ich will mich nicht rechtfertigen und ich will auch nicht das Gefühl haben, mich rechtfertigen zu müssen. Wenn es mir nicht gut geht, ist das so. Ich habe Depressionen. Kein …, weil … sondern Punkt. Und wenn es mir gut geht, genauso – aber das fragt ja eh niemand.

96 – Grenzüberschreitung

Bald kommen mein Bruder und mein Schwager zum Frühstück, danach haben wir einen Ausflug geplant. Ich möchte nur zurück ins Bett. Meine Grenzen sind weit überschritten, und Schuld bin ich selbst. Weil ich sie kenne, und ignoriere.
So viel Zeit mit anderen zu verbringen, stresst mich enorm. Das Gefühl, fremdbestimmt zu sein, keine Zeit für mich zu haben, keine Rückzugsmöglichkeit.
Und dann kommt der Anteil um die Ecke, der sagt, ich soll mich nicht so anstellen, schließlich sind es nur 2 1/2 Tage, und ich muss mich doch nur zusammenreißen. Also reiße ich mich zusammen, ignoriere den Kopfschmerz, die Gedanken, das Ruhebedürfnis und denke beinahe minütlich an meinen freien Tag am Dienstag, bis zu dem ich es halt einfach aushalten muss.