Inzidenz

So hatte ich das dann doch nicht gemeint, was ich zu meinem Chef gesagt habe.

Ich wache auf und habe höllische Kopfschmerzen, die ich mir ebenso wenig erklären kann wie die Frage, warum der Untergrund, auf dem ich liege, eigentlich so verdammt hart und kalt ist. Oder warum Schatz neben mir kniet und irgendwie zu wissen scheint, dass ich Kopfschmerzen habe. Bis es dann zu mir durchdringt. Dass ich eben nicht mehr im flauschig warmen Bett liege, sondern auf dem Fußboden vor dem Kleiderschrank, in dem ich gerade noch stand und mich am Regal festgehalten habe, weil mein Kreislauf wohl die gemütliche Flauschigkeit noch nicht mit mir gemeinsam verlassen wollte. Gut, ich wollte auch nicht – so. unfassbar. nicht. – aber das hatte ich auf den Bedarfsmedihangover geschoben, der dann schon weggeht, wenn ich aufstehe.
Den Banktermin tausche ich daraufhin gegen den beim Doc und verbringe den Tag bisher damit, genau nichts zu tun. Und es zu hassen, aber das ist jetzt wirklich. nicht. lustig.
Rosa schaut schon den ganzen Tag betreten ihre Füße an und versucht, sich rauszureden und dass der nur den Bruchteil einer Sekunde dauernden Schwindel, der mich gestern schon fast vom Stuhl hätte fallen lassen, a) rein gar nichts mit heute und b) natürlich auch nicht mit ihr zu tun hat.

.gnarf.

Verletzungen

Ich

Es war eine Ausnahmesituation, in der ich mich das letzte Mal geschnitten habe. Über ein Jahr war ich vorher ohne, auch wenn es nicht immer einfach war, es wirklich zu bleiben. Seither bin ich wieder ohne – seit 5 Monaten und 2 Tagen. Auch das war nicht immer einfach.

Mama

Vor ein paar Wochen war ja meine Mama zu Besuch. In ihrer FeWo verletzte sie sich aus Versehen an der Ferse, so dass wir sie an den folgenden Tagen mit Wund- und Heilsalbe etc. versorgten. Sie wurde, als sie dann wieder daheim war, sogar noch einige Tage krankgeschrieben deswegen, weil eine Entzündung drohte.
Heute habe ich ein Bild und eine Sprachnachricht per WhatsApp von ihr bekommen. Ihr Finger ist dick einbandagiert, weil sie sich die halbe Fingerkuppe beim Gemüse schneiden fast abgeschnitten hat. Sie war in der Notaufnahme deswegen, und dort wurde die Kuppe angetaped, in der Hoffnung, dass sie wieder anwächst.

Ich

Niemand fragte mich während der ganzen Zeit, die seit der Katastrophe vergangen ist, wie ich in Hinblick auf die SV-Problematik damit zurecht komme oder gar, ob ich mich verletzt habe. Auch Mama nicht. Gerade Mama nicht.

Natürlich habe ich Mitgefühl mit Mama. Die Ferse war doof, die Fingerkuppe auch, und beides tut sicher scheiße weh. Trotzdem frage ich mich, warum sie beides so offensiv an mich kommuniziert, und wie ich darauf angemessen reagieren soll. Und warum es mich irgendwie aufregt…
„Hallo Mama, ach wie doof, das tut ja schon beim anschauen weh! Hoffentlich gehts dir schnell wieder gut! Ach übrigens, weil du gerade nicht fragst, meine fette, große Narbe am Bein von meiner letzten Selbstverletzung ist prima abgeheilt!“ Ähm, nein.

(Nicht) sorry für den heute schon dritten Beitrag. Ist ja mein Blog. Also darf ich das.

Fremdbild|Selbstbild

Aber was man im Inneren ist, zählt nicht. Das was wir tun, zeigt, wer wir sind.

Batman begins

Ist das so? Zählt nur das, was ich tue? Oder ist es nicht vielmehr eine Frage der Perspektive – aus der Sicht der Anderen mag das zutreffen. Aus meiner nicht.

Die Anderen: meine Arbeitskollegen

Sie sehen eine – meistens – selbstbewusste, verständnisvolle, etwas nachgiebige, aber immer kompetente und umgängliche Kollegin und Vorgesetzte, die lösungsorientiert handelt und nicht weniger als 100% gibt.

Die Anderen: meine Familie

Sie sehen eine stille, unauffällige und zurückgezogene Tochter/Nichte/Cousine/…, die nur selten Schwächen zugibt und lieber nichts als das Falsche sagt. Die sich lieber nicht meldet, als negativ aufzufallen.

Die Anderen: meine (wenigen) Freunde

Sie sehen mich – selten. Als was? Keine Ahnung.

Die Anderen: mein Mann

Er sieht mich als das, was am ehesten dem nahekommt, was ich bin. Liebe- und Harmoniebedürftig, verletzlich, instabil, nachdenklich, nicht gesund.

Die Anderen: meine Therapeutin

Sie sieht mich als reflektierte, motivierte, ein wenig außergewöhnliche, etwas zu stille, aber sehr beflissene Patientin, die während der Therapie riesen Fortschritte gemacht hat und stolz auf sich sein kann. Als jemand, der auf dem besten Weg zu einem gesünderen, zufriedeneren Leben ist und als jemand, der bloß aus Appetitlosigkeit von Termin zu Termin dünner wird.

Ich

Fühle mich, als würde ich mich bloß anstellen, reinsteigern, Probleme haben wollen, als wäre ich aufmerksamkeitsgeil, unsicher und ungenügend. Als hätte ich nur Mini-Schritte in der Therapie gemacht. Als Lügnerin, weil ich Schatz und Frau Therapeutin im Brustton der Überzeugung sage, ich wolle nicht weiter abnehmen (und das berauschende Gefühl der Kontrolle nichtmal erwähne) und natürlich weder an SV noch an ein Ende denke. Oder daran, mich irgendwie zu berauschen.

Ich, die ich an mir selbst und am Leben manchmal mehr, selten weniger,verzweifle. Ich, die ich meine Klinge nicht wegschmeißen kann. Ich, die ich – erst in letzter Zeit, aber dennoch – zu oft etwas trinke. Ich, die ich – erst in letzter Zeit, aber dennoch – zu selten etwas esse. Ich, die gerne einen Unfall hätte. Ich, die gerne jemand anderes wäre.

Ich bin nicht das, was die Anderen sehen. Aber zählt es?

Ungeschönt

Feierabend. Ein Eichhörnchen wird angefahren. Ich schaue zu. Ich fahre weiter.

Wie jetzt?!

Es staut sich, es dauert sicher noch 2 bis 3 Ampelphasen, bis ich überhaupt an der Kreuzung ankomme. Die Straße ist mehrspurig, der Straßenrand zugeparkt, die Supermarkt-Einfahrt trägt nicht zur Entspannung der Verkehrssituation bei.
Ich bin mit dem Kopf noch halb in der Arbeit, als ich aus dem Augenwinkel ein noch ziemlich kleines Eichhörnchen sehe. Ich denke “Oh schön, ein Eichhörnchen =)“, und im nächsten Moment, als es auf die Fahrbahn läuft “Oh nein, ein Eichhörnchen!“.
Es wuselt unter den parkenden und haltenden Autos geradewegs auf meine Spur zu. Die Ampel ist rot, alle Autos stehen. Es läuft vor dem Auto her, welches vor mir steht, ich verliere es aus den Augen. Denke – hoffe – dass es kehrt gemacht hat und wieder auf den Grünstreifen rennt.
Dann sehe ich es wieder. Gegenfahrbahn. Vielleicht sieht der Fahrer es sogar, er wird langsamer. Und Hörnchen hätte es geschafft, wäre es einfach weiter gerannt. Aber Hörnchen bekommt Panik rennt vor und zurück, und ich kann nicht wegsehen. Ich sehe, wie es irgendwie mit den Reifen kollidiert. Aber es lebt und ich denke einen Moment, dass es echt Glück hatte. Dann robbt es wieder zu der Straßenseite, von der es kam. Die Hinterbeine bewegt es nicht mehr, mit den Vorderpfoten zieht es sich – erstaunlich schnell – vorwärts. Mir wird auf der Stelle übel. Die Ampel bleibt rot. Rechts Autos, links Autos. Keine Möglichkeit, stehen zu bleiben und Hörnchen zu helfen. Keine Handschuhe im Auto, und vermutlich wäre ein schneller Tod die einzig “richtige“ Entscheidung. Aber ich kann hier nicht anhalten und mitten in der Großstadt ein verletztes Hörnchen mit bloßen Händen jagen und töten – oder es irgendwie zu einem Tierarzt bringen, weil ich es nicht übers Herz bringen würde, es selbst zu erlösen. Das alles geht mir in Bruchteilen von Sekunden durch den Kopf.
Die Ampel wird grün. Ich fahre fünf Meter weiter. Stehe wieder. Hörnchen sehe ich nicht mehr, übel ist mir immernoch.

Ich rede mir ein, dass ich nichts tun konnte. Hoffe, dass es nur eine Prellungen ist und Hörnchen wieder gesund wird. Dass es keinem Hund, keiner Katze oder einem grausamen Menschen zum Opfer fällt, oder dass jemand anders das gleiche gesehen hat und – irgendwie – helfen konnte.

Ich frage mich, ob es einen Unterschied macht, weil ich überhaupt über diesen Unfall nachdenke, statt es gleich wieder zu vergessen oder im Feierabendverkehr gar nicht erst zu bemerken.

Für Hörnchen nicht.