Alter

Es ist September und meine Oma ist gestorben. Ich fühle mich erleichtert, weil ich finde, dass es schon lange kein Leben mehr war und ich irgendwie froh bin, dass sie nicht noch weitere Jahre auf diesem kaputten Planeten dahinvegetieren muss.
Ich fühle mich ein bisschen schlecht deswegen. Und weil ich nicht heulend in der Ecke sitze und stattdessen amüsiert vor mich hin denke, dass sie zwei Mal geimpft, im September gestorben und daher mit ihren 94 Jahren bestimmt der beste Beweis ist, dass alle Geimpften diesen Monat wohl nicht überleben. °AchtungIronie°
Trotzdem reicht es so langsam mit den schlechten Nachrichten. Erst die Katastrophe Teil drölfzig, dann hält die Krankenkasse Schatz ab in zwei Wochen wieder für Arbeitsfähig (hatte ich schon Katastrophe erwähnt?!) und dann enden gleich zwei Existenzen, auch wenn die Zweite nur das erste Mental Health Café Deutschlands war, mit dem ich mich auf seltsame Art und Weise verbunden fühle. Genug jetzt, bitte.

Manchen Dingen kann man einfach nur so begegnen.

Kindchenschema

Mama möchte dringend mit mir reden, erzählt mir die Sprachnachricht in WhatsApp. Was ich unpraktisch finde, weil meine Woche mit Arbeiten und Sport mehr als voll ist und ich jetzt nicht nur genervt, sondern auch scheiße neugierig bin. Also, Verabredung für nach dem Abendessen. Nach einer Weile Smalltalk kommt sie zum Punkt.
Dein Papa hat gesagt, ich muss mit dir reden. Und das hatte ich sowieso vor. Der hat sich richtig erschrocken.
Jemand im Innen drückt an dieser Stelle mal vorsorglich den roten Knopf, auf den ich extra groß Nicht drücken! geschrieben habe und dessen Funktion ich nicht verstehe, weil er gerade genug Schwindel verursacht, um mich zu irritieren und in den Fluchtmodus zu versetzen, aber nicht ausreichend, um vom Stuhl zu fallen. Nicht, dass ich das Thema nicht herbeigesehnt erwartet und schon den ganzen Tag totgedacht habe, aber da hat wohl jemand trotzdem keine Lust auf Konfrontation.
Was folgt, ist eine erstaunlich sensible, aber mehr als holprige Konversation über Hunger, Kontrolle, Sport und andere Nebensächlichkeiten, die alle nur die Hülle um den eigentlichen Kern, der sich auch meiner Kenntnis entzieht, bilden.
Dein Papa meint, wenn du so weitermachst, kommen wir das nächste Mal, um dich … zu beerdigen, sagt sie zwischendurch, mit gut, aber nicht vollständig überspielter brüchiger Stimme.
Wir reden 1 1/2 Stunden lang, wenn auch nicht ausschließlich über Rosa, die unauffällig neben mir auf dem Boden der Terrasse sitzt und die Bienen am Lavendel beobachtet.
Ich hab jedenfalls nicht vor, mich unter die Erde zu Hungern, schließe ich auf die Frage, ob sie denn meinen Papa beruhigen kann.

Ich liege im Bett. Unaufgewühlt, das Gespräch lief und tat irgendwie gut – trotzdem gehe ich es natürlich nochmal Wort für Wort durch. Plötzlich denke ich Wirklich? als Reaktion auf meinen letzten Satz. Das wühlt dann doch.

Ungeschönt

Feierabend. Ein Eichhörnchen wird angefahren. Ich schaue zu. Ich fahre weiter.

Wie jetzt?!

Es staut sich, es dauert sicher noch 2 bis 3 Ampelphasen, bis ich überhaupt an der Kreuzung ankomme. Die Straße ist mehrspurig, der Straßenrand zugeparkt, die Supermarkt-Einfahrt trägt nicht zur Entspannung der Verkehrssituation bei.
Ich bin mit dem Kopf noch halb in der Arbeit, als ich aus dem Augenwinkel ein noch ziemlich kleines Eichhörnchen sehe. Ich denke “Oh schön, ein Eichhörnchen =)“, und im nächsten Moment, als es auf die Fahrbahn läuft “Oh nein, ein Eichhörnchen!“.
Es wuselt unter den parkenden und haltenden Autos geradewegs auf meine Spur zu. Die Ampel ist rot, alle Autos stehen. Es läuft vor dem Auto her, welches vor mir steht, ich verliere es aus den Augen. Denke – hoffe – dass es kehrt gemacht hat und wieder auf den Grünstreifen rennt.
Dann sehe ich es wieder. Gegenfahrbahn. Vielleicht sieht der Fahrer es sogar, er wird langsamer. Und Hörnchen hätte es geschafft, wäre es einfach weiter gerannt. Aber Hörnchen bekommt Panik rennt vor und zurück, und ich kann nicht wegsehen. Ich sehe, wie es irgendwie mit den Reifen kollidiert. Aber es lebt und ich denke einen Moment, dass es echt Glück hatte. Dann robbt es wieder zu der Straßenseite, von der es kam. Die Hinterbeine bewegt es nicht mehr, mit den Vorderpfoten zieht es sich – erstaunlich schnell – vorwärts. Mir wird auf der Stelle übel. Die Ampel bleibt rot. Rechts Autos, links Autos. Keine Möglichkeit, stehen zu bleiben und Hörnchen zu helfen. Keine Handschuhe im Auto, und vermutlich wäre ein schneller Tod die einzig “richtige“ Entscheidung. Aber ich kann hier nicht anhalten und mitten in der Großstadt ein verletztes Hörnchen mit bloßen Händen jagen und töten – oder es irgendwie zu einem Tierarzt bringen, weil ich es nicht übers Herz bringen würde, es selbst zu erlösen. Das alles geht mir in Bruchteilen von Sekunden durch den Kopf.
Die Ampel wird grün. Ich fahre fünf Meter weiter. Stehe wieder. Hörnchen sehe ich nicht mehr, übel ist mir immernoch.

Ich rede mir ein, dass ich nichts tun konnte. Hoffe, dass es nur eine Prellungen ist und Hörnchen wieder gesund wird. Dass es keinem Hund, keiner Katze oder einem grausamen Menschen zum Opfer fällt, oder dass jemand anders das gleiche gesehen hat und – irgendwie – helfen konnte.

Ich frage mich, ob es einen Unterschied macht, weil ich überhaupt über diesen Unfall nachdenke, statt es gleich wieder zu vergessen oder im Feierabendverkehr gar nicht erst zu bemerken.

Für Hörnchen nicht.