Lebenserwartung

Emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Typ Borderline steht – unter anderem – im Entlassbericht nach meinem mehrwöchigen Aufenthalt in der beschützenden, anschließend offenen Station der Psychiatrie. Und plötzlich machen die letzten 25 Jahre Sinn.
Ich kann garnicht beschreiben, wie sehr es mich durcheinanderkegelt, als der Psychiater mir anhand dieser Diagnose mein inneres Erleben derart treffend skizziert. Mindblowing.

Jetzt setze ich eine Maschinerie in Gang, an die ich nicht wirklich glaube und zu der ich weitgehend nur extrinsisch motiviert bin, was laut dem inzwischen dritten von den vier vor mir liegenden Ratgebern nur wenig zielführend sein wird. Dennoch tue ich es, darauf hoffend, dass mich irgendwer heilt.

Nach wie vor kann ich kaum klar denken und mir noch viel weniger vorstellen, in zwei Wochen eine berufliche Wiedereingliederung zu starten in dem Job, der mir so viel gibt und noch mehr nimmt. Der mich in die Klappse geführt hat.

Opposition

Ich. Mag. Nicht.
Darauf läuft es derzeit hinaus. Natürlich scheitert mein Versuch, die wachsende Leere in meinem Inneren mit Hunger und YouTube zu füllen. Natürlich bin ich mir bewusst, dass Körper nicht so wenig oder noch weniger sein mag – und sollte. Natürlich weiß ich, dass mein Verhalten absoluter Bullshit ist.
Aber mein Bauch ist so °fucking adorable° flach und Rosa so – Rosa halt.
Doc spricht von Klinik. Schatz spricht von Klinik.
Ich. Mag. Nicht. Und zwar einfach alles.

Anomalie

Meine f*cking Selbstreflektion weiß natürlich, dass der Weg gerade nur in eine Richtung führt. Und das erzählt sie natürlich auch brav dem Herrn Doktor, der die Verneinung auf seine Frage nach therapeutischer Unterstützung an meiner Seite mit hochgezogener Augenbraue kommentiert und mir dann mit der Frage in den Rücken fällt, ob mir die Klinik aber schon sehr weitergeholfen habe, oder? Das Ja klar! ist nur noch ein Reflex und er bietet sofort an, ein entsprechendes Schreiben zur Notwendigkeit zu verfassen, um die jetzige Phase zu überstehen, sollte ich mich dafür entscheiden.
Mein Unterbewusstsein scheint unausgesprochener Fan dieser Möglichkeit zu sein, auch wenn ich die seither gerade gegen Abend – zur °variablen° Mahlzeit – aufkommende Übelkeit mal ganz ignorant auf die zwei Ibu und das Schleudertrauma vom Donnerstag schiebe und natürlich nur deswegen noch keine Kalorienerhöhung vorgenommen habe. Vornehmen konnte!
Es ist so. armselig.

Wegrationalisierung

Ratio so beim Reden zuzuhören macht nicht immer wirklich Spaß. Also darf sie sich derzeit so richtig oft bei Orange einmischen, dann macht sie anderen halt keinen Spaß. Und Orange hat gerade echt nen Arsch voll Arbeit. So kann Ratio wenigstens nicht allzu offensichtlich darüber nachdenken, wie es gerade so läuft. Nicht, nämlich.
Nicht nur, dass die inzwischen ~2/3 meines wiederhergestellten Gewichts auch gleich auch meinen Zyklus entfernt haben, sondern auch, dass meine nur klangvoll hübsche Röschenflechte zurück und meine Verdauung nochmal ein ganz eigenes Thema ist.
Mit ein Grund, sie Orange aufs Auge zu drücken, ist auch ihre Meinung zur Klinik und meinem Talent, Offensichtlichkeiten vorzuschieben (…therapiere man mich!), um ja nicht in die Verlegenheit zu kommen, wirklich Wichtiges zu thematisieren.
Und auch, wenn es ziemlich sicher eine weitere Selbstlüge ist, rede ich mir ein, dass es halt auch am Alter liegt. Natürlich ist es leicht, einem:r gerade so postpubartären Patient:in – wie sie zu 98% die Erwachsenenstation füllen – zur Heilung die Möglichkeit zu bieten, das eigene Leben zu hinterfragen und sich samt selbigem selbst ganz neu zu erfinden. Mach das mal mit Verpflichtungen. °inbeideRichtungenmitdenAugenroll°
Wir haben also eine Stille Übereinkunft, Ratio und ich. Nur brüllt die leider sehr laut, wenn sie gerade nüscht zu tun hat.

Dreamland

Entzaubert fällt mir die Welt wieder ein, als ich mich doch nur im Bett und nicht eingehüllt in wohlwollendes Mitgefühl und bedingungslose Geborgenheit sowie mit einem Tropf im Arm in einer Klinik wiederfinde.
Denn da lag ich doch gerade noch, vor Sekunden und einer Ewigkeit. Ich weiß, wie ich – wieder einmal, tägnächtlich geradezu – in einem Körper, den Rosa und ich uns mühevoll geschaffen haben, halb absichtlich und gänzlich unkontrolliert auf dem Flur einer Örtlichkeit, in der es gar nicht um mich gehen sollte, zusammensacke. Schwindel, bei dem ich mich anschließend stets frage, ob er den Traum auslöst oder umgekehrt, überkommt mich und lässt Körper nachgeben.
Es folgt sekundärer Krankheitsgewinn Deluxe und ich fühle mich nichts als selig.

Prävention




Sport und Podcast. Die einzig denkbare Möglichkeit, überhaupt einen zu hören, weil, man kann ja nicht einfach nur einen Podcast hören und sonst nichts tun.
Es geht um Entwicklungstraumata und noch bevor ich so richtig realisiere, dass sich gerade mehr als eine ziemlich verstaubte Kiste in meinem Kopf öffnet, wirft sich irgendetwas im Innen darauf, als wären es scharfe Granaten. Vermutlich sind es scharfe Granaten. Nichts als latente Übelkeit bleibt zurück und das Gefühl, auf der Suche zu sein, ohne zu wissen wonach. Ein Gefühl, das einfach nicht verschwinden will und nach jeder der vielen Nächte, in der ich von der Klinik träume, an Intensität gewinnt. Was sich nicht wegmachen lässt und den Parasit nährt.



Orange lässt sich überaus selbstzufrieden das Bauchi vom Chef kraulen.
Wo Rosa, der Parasit und andere so sind, kann ich nicht sagen, weiß aber ziemlich sicher, dass sie sich ähnlich ignor- bis negiert fühlen müssen wie ich, weil Orange einfach keinen Widerspruch zulässt. Dabei hätte ich schon etwas zu sagen. Ist ihr aber sehr egal gerade.

Du wirkst so stabil und stark wie nie zuvor, kann man fast sagen, sagt Chef, nicht nur fast.



Gib mir endlich den verfickten Alkohol und Klingen, dann zeige ich dir, wie stabil ich bin! kreischt der Parasit und ich weiß kaum noch, was ich ihm entgegensetzen soll.



Es war Februar – oder März, oder April, jedenfalls einer dieser sehr schwarzdunklen Monate – als ich der sehr beruhigenden Überzeugung war, dieses Jahr nicht zu überleben. Jetzt sind nur noch vierzehn Tage übrig und ich will einen gebührenden Abschluss finden für eine von Menschen erdachte Zeitspanne als ungenaue Abgrenzung eines hochpräzisen astronomischen Zyklus.
Kein Ende, aber einen Abschied, eine letzte Eskalation, bevor das neue Jahr voller Einhörner und Glitzer starten kann.