SilentHill

Wir haben Glück mit dem Wetter, im Gegensatz zu vorgestern und heute löst sich der Nebel just in time auf und die ausgesprochen ansehnliche Herbstbergbachgraslandschaft sonnt sich unter blauestem Himmel. Ich hasse Menschen, es regnet Asche.

Rückblende. Montag, eine nicht angetretene Urlaubsrückkehr und die Erwartung eines letzten Besuchs im Wunderland enden ohne diesen in einem runtergehandelten gelben Schein und Gedanken in Vantablack. Tage versickern unter pharmakologischen Schwergewichtsdecken und nicht nur Gartenarbeit hinterlässt rote Striemen auf meiner Haut.

Das raumübergreifende Großgrün knallt großorangerot mit dem Rest um die Wette und ich verstehe nicht, wie dieses Übermaß an Buntheit sich am Ende meines Sehnervs einfach im Nichts auflöst, welches seinesgleichen sucht, aber doch nichts neben sich duldet.

Jetzt. Es hat also die bereits die Hälfte meiner gehandelten Krankschreibung gebraucht, dass mir auch nur der Einfall kommt, es könnte hier tatsächlich um mein Leben gehen und nicht um unterbewusste Urlaubstagebeschaffung. Darauf einen Keks.

Konvergenz

Es ist Anfang Juni und plötzlich Sommer, obwohl doch eigentlich gerade erst Februar war. Ich komme nicht hinterher, also teilen sich Rosa und Grau gerade mein Gehirn. Der Parasit wirft auch etwas zu oft seine Fantasien in den zerebralen Raum und alle 3 zeigen sich nur wenig beeindruckt von 5/4 Glüxbärchi, obwohl es langsam an der Zeit wäre.
Es nervt kolossal – weil es wieder Anfang Juni ist und ich gerne mal ein Jahr ohne bescheinigten Brainfuck verbringen würde. Und weil ich nicht fühlen wollte, muss ich mir nun anhören, wie mir Emotionen die Ohren vollheulen. Und statt sich geordnet hintereinander aufzustellen und zu warten, bis sie an der Reihe sind, machen das natürlich alle auf einmal, so dass ich genau nichts verstehe. Und dann gucken sie wieder so.

Fluktuation

Ich entgleite mir ein bisschen. Nicht viel, glaube ich, aber der Jahreswechsel hat irgendwas mit mir gemacht. Vielleicht, weil ich langsam verstehe, wie dramatisch das für mich war. Wie viel es verändert hat.
So hat sich da neben dem fuck, ist das geil-Gefühl auch Rosa ein bisschen mehr wieder eingeschlichen – und wir arrangieren uns unauffällig. Der Parasit säuselt mir gelegentlich Cravings ins Ohr und omg, wie gerne ich ihn mit Prozenten zum Schweigen bringen würde.
Wir müssen wohl mal einen Stuhlkreis machen.

Maunz


Irgendwas ist in meinem Mund gestorben. Ich habe meine Würde und das letzte bisschen übrige Selbstachtung in Verdacht und finde zur Bestätigung ihre Leichen später beim Zähneputzen.
Tod durch freiwilliges Ertränken, stelle ich fest und wundere mich nicht weiter darüber. Hätte ich auch so gemacht.

Rückblick. Nach Tagen nicht enden wollender Cravings fällt mir eine der absurd zahlreich in unserem Vorratsraum vorhandenen Flaschen mit Baldriantropfen in die Hände. Ob sich deren Wirkungsweise tatsächlich auf die Wurzel oder den überraschend hohen Alkoholgehalt von 66% zurückführen lässt, ist nach 2/3 der Flasche mit etwas Wasser und pervers viel zuckerfreiem Getränkesirup einfach nur egal. Schmeckt scheiße, knallt hervorragend. Mit einem seligen Grinsen im Gesicht schlafe ich wie ein Stein. Bis meine Blase mich fast 6 Stunden später weckt und ich zu meiner Verwunderung feststelle, nicht so richtig geradeaus laufen zu können.
Ich komme trotzdem irgendwie am Ziel an und ignoriere den Schmerz in meinem Arm, als das Regal unterwegs mein Schwanken auffängt.

Die Nacht ist irgendwann rum und ich bin mehr als froh, dank geplanter Weihnachtswahnsinnvermeidungsstrategie nicht direkt Arbeiten zu müssen, sondern mein digitales Erscheinen erst für später – nach dem Einkauf – angekündigt zu haben. Wie ich selbiges allerdings überstehen soll, stellt mich vor ein Rätsel.
Die verwesenden Leichenteile in meinem Mund lassen sich nicht vollständig entfernen, was zu unfassbar ekliger Übelkeit führt und mein Kreislauf findet senkrechte Körperpositionen auch nur so semi.
Ratio hält mir vor, dass sie das am Abend schon für eine ganz blöde Idee hielt und ich es nicht anders verdient habe. Der Parasit hat sich irgendwie schuldbewusst in seinem Körbchen eingekringelt und tut so, als würde er schlafen und Rosa verhandelt mit mir darüber, ob ich es mit einem Zwieback versuchen darf. Es werden zwei und sie bewirken ein kleines Wunder.

Die umgekehrt orientierte Peristaltik allein beim Gedanken an (den Geruch von) Alkohol werte ich mal als unbeabsichtigt, aber sinnvoll ein.

Kryostase

Ich hetze mir selbst hinterher und bin auf einer Treibjagd nach Erklärungen, die einfach mal so gar nichts daran ändern werden, was ist. Was für einen Unterschied macht es schon, ob nun Asperger, Borderline, Entwicklungstrauma, Hochsensibilität, Depression, Essstörung oder Anstellerei oben drüber stehen. Am Ende stehe ich doch wieder nur vor mir selbst und würde mich gerne umgehen. Gefühle wegmachen und negieren. Die Möglichkeiten sind zahlreich und erprobt, auch wenn Ratio weiterhin den Alkohol verbietet (der Parasit kann immer noch nicht fassen, dass wir die Möglichkeit heute nicht ausgenutzt haben).
Damit ich bei dieser Hatz über niemanden stolpere, der mir im Weg stehen könnte, liegen alle unnötigen Kontakte auf Eis. Social distancing deluxe. Ich ertrage keine Menschen, keine Fragen, keine Antworten oder gar Meinungen. Davon habe ich selbst genug, danke. Ist ja außerdem reine Selbstfürsorge, kann ich doch wenigstens so sicher sein, dass niemand mich verletzt oder gar grundlos verlässt.

Prävention




Sport und Podcast. Die einzig denkbare Möglichkeit, überhaupt einen zu hören, weil, man kann ja nicht einfach nur einen Podcast hören und sonst nichts tun.
Es geht um Entwicklungstraumata und noch bevor ich so richtig realisiere, dass sich gerade mehr als eine ziemlich verstaubte Kiste in meinem Kopf öffnet, wirft sich irgendetwas im Innen darauf, als wären es scharfe Granaten. Vermutlich sind es scharfe Granaten. Nichts als latente Übelkeit bleibt zurück und das Gefühl, auf der Suche zu sein, ohne zu wissen wonach. Ein Gefühl, das einfach nicht verschwinden will und nach jeder der vielen Nächte, in der ich von der Klinik träume, an Intensität gewinnt. Was sich nicht wegmachen lässt und den Parasit nährt.



Orange lässt sich überaus selbstzufrieden das Bauchi vom Chef kraulen.
Wo Rosa, der Parasit und andere so sind, kann ich nicht sagen, weiß aber ziemlich sicher, dass sie sich ähnlich ignor- bis negiert fühlen müssen wie ich, weil Orange einfach keinen Widerspruch zulässt. Dabei hätte ich schon etwas zu sagen. Ist ihr aber sehr egal gerade.

Du wirkst so stabil und stark wie nie zuvor, kann man fast sagen, sagt Chef, nicht nur fast.



Gib mir endlich den verfickten Alkohol und Klingen, dann zeige ich dir, wie stabil ich bin! kreischt der Parasit und ich weiß kaum noch, was ich ihm entgegensetzen soll.



Es war Februar – oder März, oder April, jedenfalls einer dieser sehr schwarzdunklen Monate – als ich der sehr beruhigenden Überzeugung war, dieses Jahr nicht zu überleben. Jetzt sind nur noch vierzehn Tage übrig und ich will einen gebührenden Abschluss finden für eine von Menschen erdachte Zeitspanne als ungenaue Abgrenzung eines hochpräzisen astronomischen Zyklus.
Kein Ende, aber einen Abschied, eine letzte Eskalation, bevor das neue Jahr voller Einhörner und Glitzer starten kann.