Ausgezehrt

Ich treffe mich mit einer Bekannten, die mal eine Freundin war. 7 Jahre, vielleicht länger, haben wir uns nicht gesehen, der Kontakt war irgendwann im Sande einer meiner depressiven Phasen verlaufen.
Sie trägt ein schwarzes kurzes Kleid, stelle ich fest. Und sie hat etwas zugenommen, aber auch das ist bloß eine wertfreie Feststellung, wie das schwarze Kleid. Und scheißegal.

Wir trinken Kaffee, weil halt Kaffeezeit ist und ich das vorgeschlagene Frühstück unter einer Lüge Ausrede abgelehnt habe. Wir unterhalten uns, stundenlang, und ich bin fasziniert von diesem rundlichen gesunden Gesicht, das nichts als Lebensfreude ausstrahlt, während ich zwischen jeder Zeile nur an Essen und dessen Restriktion denken kann. Am Ende gehen uns nicht die Themen, sondern die Zeit aus.

Irgendwann zwischendurch muss ich aufs Klo und mache dabei den Fehler, mich aus Versehen und mehr aus dem Augenwinkel heraus beim Hände waschen im Spiegel anzuschauen. Ich erschrecke, weil ich in tote Augen in einem leeren und fertiges Gesicht sehe, das unmöglich meins sein kann. Das muss das Licht sein, rede ich mir ein.

Overload

„Von dir ist ja garnichts mehr übrig, was ist passiert?“ fragt meine Freundin überrascht, als wir uns zum Wanderwochenende treffen. Oh, danke! Sag mir mehr davon! denke ich, während ich relativierend erzähle, dass die Katastrophe schuld ist und das Thema wechsle.

„Du bist nur noch ein Strich, du hast eine Essstörung!“ sagt mein Mann, nachdem ich nach einer kurzen Abwesenheit ein abbrechendes Gespräch mit Blick auf meine rückkehrende Person zwischen ihm und unseren Freunden bemerke und wir wenig später schlafen gehen. Oh, danke! Erzähl mir mehr davon! denke ich, während ich „Blödsinn!“ sage und das Thema wechsle.

Die Bilanz des langen Wochenendes: 0 Ich-Zeit, ~ 55 km in wunderschöner Natur gewandert, zig Zauneidechsen und 2 Schlangen gesehen, 2 kg zugenommen. -.-

Letzteres versaut mir gerade den Tag, auch wenn ich mich an den Gedanken klammere, dass meine Muskeln nach den vier Tagen ordentlich strapaziert sind und ich gerade erst meine Tage hatte – ein Zustand, in dem ich es seit jeher vermeide, mich zu wiegen. Ich konnte mein Essen eigentlich gut kontrollieren, habe das Frühstück ausgelassen, mir meinen Joghurt mit Apfel immer für unterwegs mitgenommen und habe viele Möhren gegessen. Dann kam Samstagabend, und ich hatte einen gefühlten Fressflash, bei dem ich nach meinem überschaubaren Abendessen noch Plätzchen und Schokolade in mich hinein gestopft habe. Zwei Tage wandern bei andauernder Kalorienunterversorgung waren dann doch zu viel für meine Selbstkontrolle. Und auch wenn ich hoffe weiß, dass ich nicht wirklich davon zugenommen haben kann, fühlt es sich scheiße an. Ich hoffe, dass beim regulären Wiegen am Freitag wieder meine gewohnte Zahl dort steht, oder auch weniger, weil 55 km in vier Tagen für meinen Fitness-Zustand doch recht ordentlich sind.

Mein heutiges Frühstücks-Eis* wird jedenfalls den Hühnern gespendet, nachdem ich in Ermangelung von Joghurt eine zweite Banane verwendet habe und nach 3 Löffeln den Gedanken an den ganzen Zucker nicht mehr ertrage – abgesehen davon, dass es in dieser Mischung schlichtweg nicht schmeckt.

* gefrorene Blaubeeren, eine Banane, Joghurt, etwas Milch, Leinsaat, Rosmarin und Zimt

Und sonst? Habe ich Kopfweh und bin unendlich froh, heute und morgen Ich-Zeit zu haben, auch wenn es ein tolles Wochenende war. Ich bin nicht geeignet für 4 Tage Gesellschaft am Stück – so wenig, dass ich gestern die ganze 6-stündige Fahrt nicht lesen konnte, weil mein Kopf so voll von Eindrücken und Reden war, dass nichts mehr hinein passte.

Einigen wir uns auf „instabil“

Weil ich nach wie vor nicht weiß, wie ich meinen Zustand beschreiben soll, habe ich mich intern auf „instabil“ geeinigt. Ja, es wird besser, aber nicht linear, nicht schnell ansteigend. Eher in einem anstrengenden Auf und Ab. Immerhin, das Wetter ist auf meiner Seite. Sonne hilft, dass es Innen heller und wärmer ist, als es ohne wäre.

Ich weiß garnicht, was ich groß schreiben könnte. Ich fühle mich gestresst, weil wir über die Feiertage mit Freunden ein Ferienhaus gemietet haben und wandern wollen, ich dann aber wenig Ich-Zeit habe und wenig routiniert essen kann. Außerdem bekomme ich heute oder morgen meine Tage, die selten nie beschwerdefrei an mir vorübergehen und eher nach Sofa als nach langen Wanderungen schreien. Dafür sind mir meine Narben, von denen sie bisher nichts wissen, die aber bei 20 Grad sicher sichtbar sein werden, erstaunlich egal.
Immerhin, zwei weitere Tage (plus heute) habe ich frei.

Auf zum Atem.

Freundschaft? Kann man das essen?

Gestern bekam ich jemandes Telefonnummer – und fühle mich überfordert.

Jahrelang habe ich, was Freundschaften angeht, auf dem Trockenen gesessen. Chronische Depressionen sind wenig hilfreich, wenn es – auch nach einem Umzug von mehreren hundert Kilometern – um den Erhalt vorhandener oder den Aufbau neuer sozialer Kontakte geht.

Ich habe zur Zeit zwei Arten von Freunden:

  • die, die mehrere 100km weit weg wohnen und die man – abgesehen von wöchentlichen WhatsApp-Kontakten – nur ein- bis zwei Mal im Jahr wirklich trifft
  • die, die alte Freunde von Schatz sind, die aber auch nicht um die Ecke wohnen und die ich zwar sehr mag, mit denen ich aber nie so 100%ig auf einer Wellenlänge bin

Ich hatte nie eine beste Freundin, und seit Jahren niemanden Vertrautes, außer Schatz. Und seit gestern habe ich die Telefonnummer einer Frau in der Tasche,  die mir von sich aus (!) ihre Nummer in die Hand drückte.

Es war nach der letzten Stunde unseres Klettercoachings – schon an den Terminen davor dachte ich darüber nach, ob ich sie nach ihrer Nummer frage. Immer mit der Befürchtung, sie könnte ablehnen und das völlig absurd finden. Also schob ich meine Frage die ganze Zeit vor mir her und hätte es gestern fast sein gelassen. Und dann kam sie ganz am Ende in der Umkleide auf mich zu und drückte mir einen Zettel in die Hand – mit einem offenen Lächeln und den Worten, dass wir gerne mal Kaffee trinken oder spazieren gehen könnten, aber sie würde es ganz mir überlassen.
Ich bin immer noch ganz perplex, weil mir nie in den Sinn gekommen ist, dass sie von sich aus an weiterem Kontakt mit mir interessiert sein könnte. Mit mir!

Jetzt gehe ich seit gestern sämtliche Möglichkeiten in meinem Kopf durch, wie ich es verbocken könnte und bin schon fast so weit, mich nicht zu melden, weil ein Teil von mir damit rechnet, dass ich sowieso nicht mehr Freundschaftsfähig bin. Währenddessen sehnt sich ein anderer Teil seit Ewigkeiten nach jemandem, mit dem ich einfach mal Mädchenkram besprechen kann. Und durch die Gespräche mit dem Coach weiß sie z.B. schon über das ein oder andere „psychische“ bescheid, also haben wir auch hier eine andere Ebene, als wenn wir uns woanders über den Weg gelaufen wären (wären wir nicht, ich mache ja sonst nichts, wo ich Leute kennenlernen würde).

Ich bin also meilenweit davon entfernt, einfach mal so aus dem Bauch heraus an eine neue Bekanntschaft heranzugehen, sondern zerdenke es, soweit ich nur kann. Und das kann ich verdammt gut.