Slackline

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Sie stand also wieder auf dem Seil, an dem sie bis vor kurzem nur noch mit wenigen Fingern gehangen hatte, unter ihr der gähnende Abgrund.
Zunächst hatte sie eine Kulisse um sich herum aufbauen lassen. Eine sichere Blase, mit einer grünen weichen Wiese nur wenige Zentimeter unter dem Seil, und schützenden Wänden und einem Dach, so dass die vor dem Außen sicher war. So konnte die das Balancieren ganz neu einüben, denn ein Straucheln und Fallen endete bloß im weichen Gras. Und sie strauchelte und fiel, aber sie stand auf und versuchte es erneut, diesmal erfolgreich. Von Tag zu Tag wurde es leichter auf dem Seil, die Strecken wurden länger, das Straucheln weniger.
Und nach einigen Wochen kam der Punkt, als die Kulissen abgebaut wurden, und auch die Wiese verschwand. Dafür hatte sie sich eine Balancierstange gebastelt, an der sie sich festhalten konnte. Aber unter ihr war nicht mehr der schwarze Abgrund, sie konnte den Boden sehen, ziemlich nah. So nah, dass sie im Notfall mit einem Bein vom Seil herabsteigen und sich stabilisieren konnte. An den Wind, der nach dem Wegfall der Wände nun wieder spürbar war, musste sie sich erst noch gewöhnen. Und auch daran, dass das Seil wieder höher über den Boden stieg, aber dafür hatte sie ihre Stange bei sich, auf die sie ihr ganzes Denken fokussieren konnte. Andere wähnten den freihändigen Tanz auf dem Seil als ihr nahes Ziel, aber sie hing noch viel zu sehr an ihrem Helfer, um das auch nur ein Erwägung zu ziehen. Schritt für Schritt.

Freundschaft? Kann man das essen?

Gestern bekam ich jemandes Telefonnummer – und fühle mich überfordert.

Jahrelang habe ich, was Freundschaften angeht, auf dem Trockenen gesessen. Chronische Depressionen sind wenig hilfreich, wenn es – auch nach einem Umzug von mehreren hundert Kilometern – um den Erhalt vorhandener oder den Aufbau neuer sozialer Kontakte geht.

Ich habe zur Zeit zwei Arten von Freunden:

  • die, die mehrere 100km weit weg wohnen und die man – abgesehen von wöchentlichen WhatsApp-Kontakten – nur ein- bis zwei Mal im Jahr wirklich trifft
  • die, die alte Freunde von Schatz sind, die aber auch nicht um die Ecke wohnen und die ich zwar sehr mag, mit denen ich aber nie so 100%ig auf einer Wellenlänge bin

Ich hatte nie eine beste Freundin, und seit Jahren niemanden Vertrautes, außer Schatz. Und seit gestern habe ich die Telefonnummer einer Frau in der Tasche,  die mir von sich aus (!) ihre Nummer in die Hand drückte.

Es war nach der letzten Stunde unseres Klettercoachings – schon an den Terminen davor dachte ich darüber nach, ob ich sie nach ihrer Nummer frage. Immer mit der Befürchtung, sie könnte ablehnen und das völlig absurd finden. Also schob ich meine Frage die ganze Zeit vor mir her und hätte es gestern fast sein gelassen. Und dann kam sie ganz am Ende in der Umkleide auf mich zu und drückte mir einen Zettel in die Hand – mit einem offenen Lächeln und den Worten, dass wir gerne mal Kaffee trinken oder spazieren gehen könnten, aber sie würde es ganz mir überlassen.
Ich bin immer noch ganz perplex, weil mir nie in den Sinn gekommen ist, dass sie von sich aus an weiterem Kontakt mit mir interessiert sein könnte. Mit mir!

Jetzt gehe ich seit gestern sämtliche Möglichkeiten in meinem Kopf durch, wie ich es verbocken könnte und bin schon fast so weit, mich nicht zu melden, weil ein Teil von mir damit rechnet, dass ich sowieso nicht mehr Freundschaftsfähig bin. Währenddessen sehnt sich ein anderer Teil seit Ewigkeiten nach jemandem, mit dem ich einfach mal Mädchenkram besprechen kann. Und durch die Gespräche mit dem Coach weiß sie z.B. schon über das ein oder andere „psychische“ bescheid, also haben wir auch hier eine andere Ebene, als wenn wir uns woanders über den Weg gelaufen wären (wären wir nicht, ich mache ja sonst nichts, wo ich Leute kennenlernen würde).

Ich bin also meilenweit davon entfernt, einfach mal so aus dem Bauch heraus an eine neue Bekanntschaft heranzugehen, sondern zerdenke es, soweit ich nur kann. Und das kann ich verdammt gut.

Therapeutisches Klettern

Meine Thera drückte mir in der letzten Stunde einen Flyer dazu in die Hand, mit den Worten, dass sie an mich denken musste, als sie ihn sah. Sie kennt das Programm und ist davon sehr überzeugt. Es findet in Klein(st)gruppen statt und richtet sich explizit an Menschen mit psychischen/psychosomatischen Beschwerden, insbesondere bei Depressionen und Ängsten.

Mit Klettern hatte ich bisher nichts am Hut, aber ich muss sagen, dass sich die Homepage sehr gut liest. Also habe ich all meinen Mut zusammengenommen und dort einmal angefragt – und auch schon eine Antwort erhalten. Nächste Woche werde ich angerufen, und dann sehen wir weiter. Mal gucken, ob ich es am Ende dann auch wirlich durchziehe. Ich bin gespannt, ob ich mir die Gruppengröße aussuchen kann (würde schon eine größere – maximal gehen eh nur 6 – bevorzugen, vielleicht lerne ich ja nette Leute kennen) und wie die Termine sind, weil ich ja unter der Woche arbeiten muss. Freitags oder Samstags wäre gut, wenn dann nicht nur verzweifelte Hausfrauen dabei sind…