Halbwertszeit

Ich zerfalle in meine Einzelteile. Löse mich auf in der Diagnose und weiß immer weniger, wer ich eigentlich bin – geschweige denn, sein will.
EgoStates liegen welk um mich herum verteilt wie abgerissene Blütenblätter einer Blüte, die nie existiert hat. Die nie eine Einheit war und ich habe keine Ahnung, wie ich all das wieder zu etwas Sinnvollem verbinden soll. Zu etwas Einheitlichem.
Die Frage, ob ich je wieder ein Team leiten kann – und will – , wenn nicht einmal ich zusammenpasse, hüllt mich in schweren Nebel, der mich bis auf die Knochen durchnässt und zu Boden drückt. Bewegungsunfähig. Zwischen Entscheidungen, die nur begrenzt in meinen Handlungsspielraum fallen und Symptomen, die nun zwar einen Namen, aber noch keine Lösung haben. Einzementiert.

Lebenserwartung

Emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Typ Borderline steht – unter anderem – im Entlassbericht nach meinem mehrwöchigen Aufenthalt in der beschützenden, anschließend offenen Station der Psychiatrie. Und plötzlich machen die letzten 25 Jahre Sinn.
Ich kann garnicht beschreiben, wie sehr es mich durcheinanderkegelt, als der Psychiater mir anhand dieser Diagnose mein inneres Erleben derart treffend skizziert. Mindblowing.

Jetzt setze ich eine Maschinerie in Gang, an die ich nicht wirklich glaube und zu der ich weitgehend nur extrinsisch motiviert bin, was laut dem inzwischen dritten von den vier vor mir liegenden Ratgebern nur wenig zielführend sein wird. Dennoch tue ich es, darauf hoffend, dass mich irgendwer heilt.

Nach wie vor kann ich kaum klar denken und mir noch viel weniger vorstellen, in zwei Wochen eine berufliche Wiedereingliederung zu starten in dem Job, der mir so viel gibt und noch mehr nimmt. Der mich in die Klappse geführt hat.

Tentakel

Einzelne Staubpartikel sieht man ja nur, wenn die Sonne ungünstig steht. Sonst fallen sie nicht auf. Aber irgendwo sammeln sie sich dann doch, unbemerkt. Durch einen permanent leichten Luftzug in einer ignorierten Ecke entsteht so nach und nach ein Sediment.
Davon kann man natürlich eine Weile prima ablenken, wenn man gegenüber einfach einen hübschen Wildblumenstrauß drapiert, der den Blick einfängt. Nur leider hält der nicht annähernd so lang wie erhofft, und die herabfallenden verwelkten Blütenblätter gesellen sich zum Sediment, welches inzwischen zu einem unschönen Gewölle herangewachsen ist.
Wenn man es nun lang genug weiter ignoriert und stattdessen weiter dem Staub beim Vorbei ziehen nicht nur zuschaut, sondern ihn gezielt in die eh schon ignorierte Ecke pustet, kann man ziemlich sicher sein, dass irgendwann irgendetwas darin einzieht.
Mein Etwas wohnt da jetzt schon eine ganze Weile und langsam weiß ich nicht mehr, wie ich es noch länger ignorieren könnte, zumal es anfängt, umher zu tasten. Es sucht etwas.
Dabei klebt mindestens ein Saugnapf ziemlich unübersehbar an meinem für mein Alter deutlich zu faltigen Hintern und lässt nicht mehr los.
Wir müssen reden. Denke ich.

Inception

Wer will ich sein?
Abgesehen von der Möglichkeit, die Intonation so auszulegen, dass die Folgefrage Irgendjemand? Will irgendjemand ich sein? lauten könnte und die Frage ad absurdum führt, wäre meine bevorzugte Antwort Meine eigene Katze. Bedingungslos liebgehabt, in Grund und Boden gekrault, und wenn ich den felinen Mittelfinger zeige, bin ich trotzdem noch niedlich.

Wer will ich °thefuck° sein?
Diejenige, die mit einem angetäuschten Suizidversuch nach Hilfe schreit, möglicherweise ein paar Tage in der Psychiatrie landet und deutlich mehr als nur sich selbst verletzt? Keine so schlaue Idee. Aber eine – sehr detailliert ausgemalte – Option.

Wer will ich sein?
Das ist die Frage, die er stellt. Und ich hasse ihn dafür. Weil er Recht hat. Weil sie wichtiger ist als Wer bin ich.

Pulsar

Die Welt ist aus- und ich eingesperrt. Ich bin auf der Suche nach Gründen, um weiterzumachen, egal in welche Richtung, aber mein Kompass ist kaputt. Rosa hält ihm einen Magneten vor die Nase und ich folge ihm blind, trotz nahezu angstvoll geweiteter Augen, weil es mir angesichts der Alternativen alternativlos erscheint.
Ich weiß, wo es endet, doch es ist mir egal. Es ist das Leben, was Angst macht.

Windspiel

Mich aufsammeln ist die Antwort auf die Frage vom Chef, was ich denn in meinem Urlaub so vorhabe. Passend dazu heule ich ihm eine halbe Stunde später ins Telefon und er verbringt über eine Stunde damit, meinen zur Singularität eingeschrumpften Blick wieder zu so etwas wie einem Horizont zu erweitern.
Die weltpolitische Lage ist allerdings ziemlich gut darin, selbiges – wenn auch mit anderem Fokus – postwendend zu invertieren. Aber das nur nebenbei.
Heute, an diesem leider nicht mehr palindromen Tag, zeigt mir Rosa außerordentlich stolz das Wiegeergebnis mit einem neuen alten Zehnerschritt vorndran. Ich weiß noch nicht so genau, wie ich das finde und schwanke zwischen absolut großartig und Alter! wie blöd kann man eigentlich sein.
Das. Ist. Irrsinn!
Kann man jetzt für alles Mal so stehen lassen.