Schreikind

Krankengymnastik steht zwar in der Verordnung, aber passieren tut etwas anderes. Etwas ganz anderes*.
Als die Therapeutin, die ich am ehesten als
Urmutter oder Schamanin bezeichnen würde – und das ohne jede Esoterik, sondern im Sinne einer Heilerin – meine Narbe berührt, sprechen wir über Hinter- und Abgründe, den Impuls, an meinem Daumen zu nuckeln und dass ich ganz dringend meiner Mama ein paar Fragen stellen sollte.
Als ich den Raum verlasse, fühle ich dumpfen Druckschmerz auf frisch gestreichelten, vor langer Zeit aufgespreizten Rippen, Übelkeit, Kopfschmerz und Kurzatmigkeit. Meine Hände zittern.

Also stelle ich Fragen zu etwas, das ich für erzählt hielt, und erfahre Details, die bisher verschwiegen unerwähnt blieben.
Während ich die Sprachnachricht höre, spüre ich den drohenden Tsunami. Etwas zieht sich zurück, so dass Nervenenden blank und ungeschützt vor mir liegen. Ich höre das tiefe Grollen dessen, was auf mich zu rollt und weiß mit unabwendbarer Gewissheit, dass es mich zermalmen wird. Der Wind, den die Welle vor sich hertreibt, beißt in meinen Augen und lässt mich diffus panisch werden. Ich schließe die Augen in Erwartung des Unabwendbaren und finde mich plötzlich mit einem Hammer und einem inzwischen ziemlich leeren Sack Nägel wieder, von denen ich bereits einen Großteil in den Deckel Kiste geschlagen und darin nun auch den Tsunami versteckt habe.

Rational betrachtet ist das ein frühkindliches Trauma. Emotional betrachtet ist das mein frühkindliches Trauma. Unbetrachtet passt es ganz gut in die Kiste, auch wenn ein paar Enden noch rausgucken.

*Somatic-Movement-Therapie oder Somatic Experience, falls es jemanden interessiert

Schuldfrage

°Triggerwarnung°

Es ist kurz nach 7 Uhr abends, als meine Anspannung wie aus dem Nichts die Grenzen des auch nur annähernd erträglichen sprengt.
Ich versuche, auszuhalten. Mich zu beruhigen. Benutze Skills. Die Anspannung lacht.
Es dauert 40 Minuten, ehe ich mich entschließe, zur medizinischen Zentrale zu gehen und mit einem Co-Therapeuten zu sprechen. Hochstress. 99 von 100. Gründe? Ich habe nur eine diffuse Ahnung, die ich aber weder genau greifen, noch erzählen kann (denn wie würde es wohl aussehen, wenn ich sagen müsste, dass ich seit letzter Woche aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen zu viele Deziliter Blut verloren habe und heute auf Anraten meines Körpers wirklich nach einem letzten Mal davon Abstand nehmen wollte).
Ich habe vergessen, dass ich tatsächlich so etwas wie Bedarfsmedikation auf meinem Zimmer und in meiner Verordnung habe und es schaut auch niemand nach, als mir anschließend großzügig zwei Baldrian ausgehändigt werden, die nur durch Globuli noch an Absurdität überboten werden könnten – auch wenn man bedenkt, dass ich bis Anfang dieser Woche noch wegen deutlicher Suizidgedanken zweimal am Tag zum Gespräch musste und auch jetzt aufgefordert war, mir jederzeit Hilfe zu holen.
Ich will ihnen eine Chance geben. Wirklich. Nehme die Placebos Pflanzenwirkstoffe und skille weiter. Zehn Minuten. Zwanzig. Und finde mich am Ende mit blutiger Rasierklinge, einem zu tiefen Schnitt am Bein, klappernden Zähnen und – endlich – heulend in der Dusche wieder. Schmerzen suche ich vergeblich. Genauso wie irgendwelche anderen Gefühle.
Ich ignoriere, dass es wohl eigentlich mehr als ein Pflaster bräuchte und beschließe, dass es ausreichen muss, es morgen professionell versorgen zu lassen.

Hintergrundrauschen

Rosa sitzt in der Ecke, in die sie sich zurückgezogen hat, wippt langsam mit angezogenen Beinen, die sie mit ihren Armen umschlingt, vor und zurück und schaut mich mit ihren großen dunklen Augen ängstlich an.
Ich sitze auf dem Bett, schaue zu ihr und sehe doch nichts, weil ich die Tränen nicht stoppen kann, die mein Gesicht hinunter laufen und mein Shirt durchnässen.

Es ist nicht so, dass der Herr Vertretungseinzeltherapeut Rosa dorthin verwiesen hätte – dann wäre es einfach. Dann könnte ich die Arme ausbreiten, sie zu mir aufs Bett holen und wir könnten uns weiter aneinanderklammern. Aber so war es nicht – er bat sie in die Mitte des Raums. Mein Blick folgte ihr, doch er trug mir auf, dort hin zu schauen, wo sie noch kurz zuvor gestanden hatte.

Das ist der Moment, in dem ich zusammenbreche.

Ich glaube, das ist Therapie.