Kernschatten


Ich weiß zwar nicht, warum ich mich für den Sieger in dieser Geschichte halte, aber ich würde außerordentlich gerne bei einem der angebotenen, aber bisher aus Prinzip nicht in Anspruch genommenen Zwischendurch-Termine der Frau Ex-Therapeutin vor die Füße kotzen, dass mein Zyklus nach wie vor durch Abwesenheit glänzt und sie von meinem Innenleben ungefähr nichts weiß – außer halt dem, was ich für Notwendig erachtet und mit ihr geteilt habe. Aus Gründen.

Als ehemaliges personifiziertes Impostor-Syndrom fühle ich mich angekommen wie ewig nicht mehr und kann nur den Kopf schütteln über Chefs Hoffnung, dass ich es mir nochmal anders überlege. Ich kann nicht, wie könnte ich?!

Rot schwelt vor sich hin, eine Magmakammer unter Hochdruck. Warum sie das macht, sagt sie aber nicht, also versuche ich mich in Beschwichtigung Ignoranz, weil ich keine Lust habe, sie zu verstehen. Verbrannte Finger schrecken zurück, um im nächsten Augenblick verständnisvoll angepustet zu werden.

°roar° und Grillenzirpen. Gehirn abzugeben.

Halbwertszeit

Ich zerfalle in meine Einzelteile. Löse mich auf in der Diagnose und weiß immer weniger, wer ich eigentlich bin – geschweige denn, sein will.
EgoStates liegen welk um mich herum verteilt wie abgerissene Blütenblätter einer Blüte, die nie existiert hat. Die nie eine Einheit war und ich habe keine Ahnung, wie ich all das wieder zu etwas Sinnvollem verbinden soll. Zu etwas Einheitlichem.
Die Frage, ob ich je wieder ein Team leiten kann – und will – , wenn nicht einmal ich zusammenpasse, hüllt mich in schweren Nebel, der mich bis auf die Knochen durchnässt und zu Boden drückt. Bewegungsunfähig. Zwischen Entscheidungen, die nur begrenzt in meinen Handlungsspielraum fallen und Symptomen, die nun zwar einen Namen, aber noch keine Lösung haben. Einzementiert.

Ascheregen

Ich warte auf die große Erkenntnis, die Erleuchtung oder wenigstens einen kleinen Nervenzusammenbruch. Stattdessen stehe ich meilenweit von Selbigem entfernt und es ist egal, ob ich mich setze oder nicht.
Weißt du eigentlich, wie wenig das war? fragt der Parasit und verweist auf die lächerlich kleine Quängelwarenflasche Vodka.
Weißt du eigentlich, wie viele Kalorien der Mist hat? fragt Rosa.
Weißt du eigentlich, wie bescheuert das ist? fragt Ratio.
Ja. sage ich.

Rosa versteht sich ausgezeichnet darauf, jeglichen Diskussionen aus dem Weg zu gehen, in dem sie den Parasit aufweckt und anstachelt.

Der Parasit versteht sich ausgezeichnet darauf, jegliche Bedenken über Bord zu werfen und seine eigenen Interessen durchzusetzen.

Ratio versteht sich ausgezeichnet darauf, mir zu sagen, dass es einfach ist, alle Verantwortung auf EgoStates abzuschieben, die doch nur ein Teil meines Selbst sind und deren Entscheidungen am Ende immer die meinen sein werden.

by http://www.anna-cosma.de

Dekompensation

Introducing Ratio.
Ratio ist der Teil von mir, der meist mit hochgezogen Augenbrauen neben mir steht und mich fragt, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe. Wenn ich überhaupt antworte, dann, dass ich mich nicht traue, nachzuschauen.
Auch wenn sie sich – wie ich auch – eigentlich immer fragt, °was würde ein:e Erwachsene:r jetzt tun?°, hat sie doch ein durchaus vernünftiges Wesen – aber kein wirkliches Durchsetzungsvermögen. Daran hat die Klinik nichts geändert, auch wenn sie da verdammt viel gelernt hat und mich dauernd damit nervt.
Also spiele ich nicht mehr mit ihr und schubse stattdessen lieber Rosa auf der Schaukel an und spendiere dem Parasit Förmchen für den Sandkasten.

Aufgabe

Sie wirkt wie ein zugleich bockiges und ängstliche Kind, als ich Rosa* an der Hand hinter mir her ziehe. Sie schlurft mit einer an Resignation grenzenden Gleichgültigkeit dahin, weil sie mit mir zu Frau Ernährungsberaterin muss, aber nicht will.
Ich will auch nicht, aber das sage ich ihr nicht.

Ich nehme Platz, Rosa bleibt natürlich lieber stehen. Als gleich ganz zu Anfang Worte fallen wie „sehr deutliches Untergewicht“ und „Sie könnten umkippen“, findet Rosa das ganz hervorragend und strahlt selig. Ich funkele sie möglichst finster an, aber das ignoriert sie entweder, oder sie durchschaut mich längst. Stattdessen setzt sie sich kurzerhand zufrieden auf meinen Schoß. Ich nutze die Chance und halte sie fest, aber sie fängt sofort zu strampeln und zu quengeln an. Ich halte ihr den Mund zu. Rede mit Frau Ernährungsberaterin über mögliche (Wochen-)Ziele und dass weniger Sport eines davon sein könnte. Rosa beißt mir in die Hand und schüttelt so heftig den Kopf, dass mir schwindelig wird. Ich kann ihr vor Frau Ernährungsberaterin schlecht zustimmen, auch wenn ich das bei der Absurdität dieses Zieles gerne würde, als halte ich sie weiter fest und tue so überzeugt, wie ich es nur irgendwie zustande bringe.

Weil sie zu strampeln aufhört, lasse ich Rosa los. Das nutzt sie, um mir nun all ihre Befürchtungen in Endlosschleife ins Ohr zu flüstern, so dass ich den Ausführungen von Frau Ernährungsberaterin kaum noch folgen kann. Sie sind mir auch ziemlich egal, weil Rosa mit den meisten allen Dingen Recht hat. Nicht nur, dass ich Fett werde, sondern auch plötzlich Zeit hätte, über Dinge nachzudenken, über die ich nicht nachdenken will, oder noch schlimmer, etwas zu fühlen, was nicht gefühlt werden sollte. Als ich einen Teil davon laut äußere, tritt sie mir zu Recht vors Schienbein. Dummes Ich.

Am Ende halten Rosa und ich uns gegenseitig fest und ich hoffe, eine halbwegs überzeugende Darbietung meiner geheuchelten Motivation abgeliefert zu haben. Den nächsten Termin vereinbare ich so spät wie möglich und habe jetzt schon keine Lust darauf.

Ich weiß nicht, wer wen stützt, als wir die Praxis verlassen und uns heimwärts schleppen, ausgelaugt von so viel Inszenierung und innerem Widerstand. Ich habe schon fast wieder vergessen, was ich alles tun soll, aber nicht tun will.
Ich weiß nur, dass ich Rosa meiner Mama vorstellen muss, wenn wir uns nach über einem halben Jahr in wenigen Wochen wiedersehen. Und bis dahin sind unsere Wochenziele das, was zählt.

*so werde ich die Essstörung künftig nennen, habe ich beschlossen

Nachts sind manche Katzen schwarz

Ich habe das Gefühl, meine Depression hat sich abgekapselt. Jetzt könnte man meinen, dass das doch super ist, weil sie mich dann nicht so stört. Aber das Gegenteil ist der Fall. Denn wenn Schwarz sich einrollt und in einer Ecke verkriecht, geht sie nicht mit zur Therapie. Dann sitzt sie es aus und kommt erst wieder raus, wenn ich raus bin – aus der Klinik.
Während OrangeGelb sich fragen, ob ich hier genug tue, genug leiste, um die Zeit hier zu nutzen, sagt Schwarz einfach nichts.
Nur am Abend schlurft sie kurz durchs Bild und erinnert mich daran, dass sie auch noch da wäre, aber tagsüber halt nicht rauskommt, weil die sonnenfarbenen Schwestern den Tag schon schaukeln und Jemand zur Therapie geht. Sie würde gerne einen Hinweis auf mir hinterlassen, aber ich lasse sie nicht, weil ich doch Schwimmen gehen will jeden Tag. Dann wäre ich gerne betrunken, sagt sie, aber auch das geht nicht, weil Alkoholverbot. Also legt sie sich mit mir schlafen, und rollt sich in der Nacht wieder wie eine Katze in der hintersten Ecke meines Kopfes zusammen.
Bis morgenabend, flüstert sie.