Am Rande des Abgrunds sind noch Plätze frei, also setze ich mich und baumle mit den Füßen im Dunkel. Nur noch ein Hauch trennt mich von einer Panikattacke, die wühlend und brüllend knapp an der Wahrnehmungsgrenze kratzt. Ich halte mir Augen und Ohren zu – seh ich dich nicht, siehst du mich nicht. Erstaunlicherweise funktioniert es, was kaum weniger beängstigend und nicht besonders zukunftsorientiert ist. Körper würde außerordentlich gerne einfach loslassen, sich überschwemmen und zermalmen lassen von dem, was dort droht, aber ich lasse ihn nicht – allein schon aus dem absoluten Unverständnis heraus, dass erst 2/3 des Weges geschafft sind und er sich schon anstellt, als wären wir am Ziel. So nicht, mein Lieber. Wir waren schon ganz woanders, also bilde dir nicht ein, jetzt schon einknicken zu dürfen.
Schlagwort: Abgrund
Kaskade
Würde ich auf Körper hören, läge ich seit Wochen gestern Abend durchgehend im Bett. Aber sowas fange ich natürlich gar nicht erst an. Wo kämen wir denn denn da hin. Am Ende will er auch noch was essen. Als würde es nicht ausreichen, was er bekommt. Tz.
Lieber schleifen wir ihn spazieren und halten ihn anschließend koffeiniert und dauerbeschallt, damit er immerhin aufrecht sitzen und sowas wie wach bleibt.
Die Woche war unfassbar anstrengend. Mein Glitzerfluffzaubereinhorn steht nass im Regen und hat miese Laune – ich auch. Also theoretisch, wenn ich wüsste, wie ich mich fühle – außer sehr allumfassend fertig. Alles brennt. Und am Ende ist nur Asche übrig, mit der ich den Sturm überstehen soll.
Maunz
Irgendwas ist in meinem Mund gestorben. Ich habe meine Würde und das letzte bisschen übrige Selbstachtung in Verdacht und finde zur Bestätigung ihre Leichen später beim Zähneputzen.
Tod durch freiwilliges Ertränken, stelle ich fest und wundere mich nicht weiter darüber. Hätte ich auch so gemacht.
Rückblick. Nach Tagen nicht enden wollender Cravings fällt mir eine der absurd zahlreich in unserem Vorratsraum vorhandenen Flaschen mit Baldriantropfen in die Hände. Ob sich deren Wirkungsweise tatsächlich auf die Wurzel oder den überraschend hohen Alkoholgehalt von 66% zurückführen lässt, ist nach 2/3 der Flasche mit etwas Wasser und pervers viel zuckerfreiem Getränkesirup einfach nur egal. Schmeckt scheiße, knallt hervorragend. Mit einem seligen Grinsen im Gesicht schlafe ich wie ein Stein. Bis meine Blase mich fast 6 Stunden später weckt und ich zu meiner Verwunderung feststelle, nicht so richtig geradeaus laufen zu können.
Ich komme trotzdem irgendwie am Ziel an und ignoriere den Schmerz in meinem Arm, als das Regal unterwegs mein Schwanken auffängt.
Die Nacht ist irgendwann rum und ich bin mehr als froh, dank geplanter Weihnachtswahnsinnvermeidungsstrategie nicht direkt Arbeiten zu müssen, sondern mein digitales Erscheinen erst für später – nach dem Einkauf – angekündigt zu haben. Wie ich selbiges allerdings überstehen soll, stellt mich vor ein Rätsel.
Die verwesenden Leichenteile in meinem Mund lassen sich nicht vollständig entfernen, was zu unfassbar ekliger Übelkeit führt und mein Kreislauf findet senkrechte Körperpositionen auch nur so semi.
Ratio hält mir vor, dass sie das am Abend schon für eine ganz blöde Idee hielt und ich es nicht anders verdient habe. Der Parasit hat sich irgendwie schuldbewusst in seinem Körbchen eingekringelt und tut so, als würde er schlafen und Rosa verhandelt mit mir darüber, ob ich es mit einem Zwieback versuchen darf. Es werden zwei und sie bewirken ein kleines Wunder.
Die umgekehrt orientierte Peristaltik allein beim Gedanken an (den Geruch von) Alkohol werte ich mal als unbeabsichtigt, aber sinnvoll ein.
Zwischenwelt
obviously i survived – but maybe i am not alive anymore
Kryostase
Ich hetze mir selbst hinterher und bin auf einer Treibjagd nach Erklärungen, die einfach mal so gar nichts daran ändern werden, was ist. Was für einen Unterschied macht es schon, ob nun Asperger, Borderline, Entwicklungstrauma, Hochsensibilität, Depression, Essstörung oder Anstellerei oben drüber stehen. Am Ende stehe ich doch wieder nur vor mir selbst und würde mich gerne umgehen. Gefühle wegmachen und negieren. Die Möglichkeiten sind zahlreich und erprobt, auch wenn Ratio weiterhin den Alkohol verbietet (der Parasit kann immer noch nicht fassen, dass wir die Möglichkeit heute nicht ausgenutzt haben).
Damit ich bei dieser Hatz über niemanden stolpere, der mir im Weg stehen könnte, liegen alle unnötigen Kontakte auf Eis. Social distancing deluxe. Ich ertrage keine Menschen, keine Fragen, keine Antworten oder gar Meinungen. Davon habe ich selbst genug, danke. Ist ja außerdem reine Selbstfürsorge, kann ich doch wenigstens so sicher sein, dass niemand mich verletzt oder gar grundlos verlässt.
Ascheregen
Ich warte auf die große Erkenntnis, die Erleuchtung oder wenigstens einen kleinen Nervenzusammenbruch. Stattdessen stehe ich meilenweit von Selbigem entfernt und es ist egal, ob ich mich setze oder nicht.
Weißt du eigentlich, wie wenig das war? fragt der Parasit und verweist auf die lächerlich kleine Quängelwarenflasche Vodka.
Weißt du eigentlich, wie viele Kalorien der Mist hat? fragt Rosa.
Weißt du eigentlich, wie bescheuert das ist? fragt Ratio.
Ja. sage ich.
Rosa versteht sich ausgezeichnet darauf, jeglichen Diskussionen aus dem Weg zu gehen, in dem sie den Parasit aufweckt und anstachelt.
Der Parasit versteht sich ausgezeichnet darauf, jegliche Bedenken über Bord zu werfen und seine eigenen Interessen durchzusetzen.
Ratio versteht sich ausgezeichnet darauf, mir zu sagen, dass es einfach ist, alle Verantwortung auf EgoStates abzuschieben, die doch nur ein Teil meines Selbst sind und deren Entscheidungen am Ende immer die meinen sein werden.
