Determinismus

Der pridinolunterstützte Benzodiazepinmatsch in meinem Kopf sorgt für eine nicht unangenehme Flauschigkeit im ganzen Körper, begrenzt meine Wortfindungsfähigkeiten aber auf ähnlich einschränkende Weise wie das Zuviel an Gedanken, wegen derer ich den Flausch heute Nachmittag induziere und hoffe, dass er mich später noch ins Bett begleitet.
Der unangenehme Geruch aus Schrödingers Kiste lässt sich nicht mehr ignorieren und ich habe die naive Vorstellung, mich des Problems an einem einzigen Tag zu entledigen, nach Anheben des Deckels gleich dazu gelegt und die Kiste wieder zu gemacht.
Ich kann nicht denken und nicht fühlen, Rosa bockt und ich habe keine Energie (ach?!), mich mit irgendetwas davon näher auseinanderzusetzen. Finde den Fehler.

Samhain

Körper denkt sich, zu Halloween gehört sich gegruselt, also blutet er nach 274 Tagen einfach mal. Super Idee. Nicht.
Rosa und ich werten es einvernehmlich als persönliches Versagen, vor allem weil eigentlich nix anders läuft (außer der Mens) und wir uns fragen, warum? Braucht schließlich kein Mensch und Osteoporose bekommen eh nur die anderen.
Immerhin erklärt sich auf diesem Wege aber mein dermatologisches Aufblühen der letzten Tage und vielleicht auch das schwappende Gefühl in meinen Beinen – beides auf wundersame Weise seit gestern verschwunden.
Nicht verschwunden ist dagegen das ausgeschaltete Licht in mir drin. Pünktlich zum Urlaub hat nämlich jemand auf den Hauptschalter gedrückt und jetzt sitze ich hier im Finstern und finde den fucking bunten Herbst bei Sonnenschein halt ungefähr genauso geil wie die Halloweenüberraschung.

Lebenserwartung

Emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Typ Borderline steht – unter anderem – im Entlassbericht nach meinem mehrwöchigen Aufenthalt in der beschützenden, anschließend offenen Station der Psychiatrie. Und plötzlich machen die letzten 25 Jahre Sinn.
Ich kann garnicht beschreiben, wie sehr es mich durcheinanderkegelt, als der Psychiater mir anhand dieser Diagnose mein inneres Erleben derart treffend skizziert. Mindblowing.

Jetzt setze ich eine Maschinerie in Gang, an die ich nicht wirklich glaube und zu der ich weitgehend nur extrinsisch motiviert bin, was laut dem inzwischen dritten von den vier vor mir liegenden Ratgebern nur wenig zielführend sein wird. Dennoch tue ich es, darauf hoffend, dass mich irgendwer heilt.

Nach wie vor kann ich kaum klar denken und mir noch viel weniger vorstellen, in zwei Wochen eine berufliche Wiedereingliederung zu starten in dem Job, der mir so viel gibt und noch mehr nimmt. Der mich in die Klappse geführt hat.

Stille Wasser

Ich bin ertrunken. Ein falscher Schritt, an den jede Erinnerung fehlt, und ich fand mich in tiefsten Gewässern wieder. Ich schluckte Wasser und ging unter wie ein Stein. Ich wehrte mich nicht.
Nun beobachte ich meinen Körper, der wie schwerelos durch die Dunkelheit schwebt, immer tiefer in die Kälte. Es ist friedlich, irgendwie – das Wasser umhüllt ihn wie weiche, dämpfende Watte, lässt ihn sanft in die Tiefe sinken.

Ein geradezu romantisches Bild des Lochs, in das ich vor einer Woche gefallen bin, plötzlich und ohne Vorwarnung. Es ist so tief, dass ich das Licht kaum noch sehe. Alles ist unfassbar dumpf, und doch fühle ich mich irgendwie geborgen.
Ich funktioniere, aber ich spiel(t)e ernsthaft mit dem Gedanken, mich krankschreiben zu lassen, was ich bei einem besseren Verhältnis zu meinem Hausarzt sicher auch getan hätte. Meine Maske funktioniert perfekt. Schatz merkt es. Aber am Mittwoch, bei meiner allerletzten Therapiestunde, erzählte ich Frau Thera das Blaue vom Himmel, und sie glaubte mir. “Ich freue mich für Sie, dass es Ihnen so viel besser geht, als zu Beginn!“ Lächeln. Zustimmend nicken.

°

„Was willst du?!“
Die Worte (nein, Schreie, verbesserte sie sich in Gedanken) donnerten durch den Raum und hallten so laut in ihrem Kopf wider, dass sie zunächst Mühe hatte, sie überhaupt als solche zu identifizieren, geschweige denn, ihnen einen Sinn abzugewinnen. Das Dröhnen in ihren Ohren ließ nur langsam nach, und die darauffolgende Stille war beinahe lauter und unangenehmer als die Worte zuvor, die so unvermittelt die Zeit zerschnitten hatten, scharf wie eine Rasierklinge. Eine unangenehme Pause, die sie sich dennoch nicht zu unterbrechen traute.
„Was?!“
Ein einzelnes Wort, eine nahezu anklagende Frage, zermalmte erneut die Geräuschlosigkeit. Noch lauter als zuvor, aber auch eine Spur … verzweifelter? Sie spürte, wie die mühsam zurückgehaltenen Emotionen dennoch in den Worten mitschwangen und ihnen weit mehr Bedeutung verliehen, als die reine Heftigkeit, mir der sie ausgesprochen wurden, auch nur erahnen ließ. Wieder war die Stille so viel lauter, als es Worte je sein konnten.
„…bitte…“
Beinahe hätte sie es überhört so leise war es ausgesprochen worden. Die flehende Verzweiflung, die in diesem Flüstern lag, zerriß ihr das Herz. Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie begriff, wie sehr sie sich eine Antwort erhoffte.
Stille.

Klettercoaching

Ohne Titel-1_xs
Bisher fehlte mir die Zeit (und der Kopf), vom Therapeutischen Klettern zu berichten. Zwei Termine gab es bisher, der Start hatte sich deutlich nach hinten verschoben und auch die Gruppe ist mit nur zwei Leuten (inkl. mir) kleiner, als ich gehofft hatte.
Den Coach finde ich super, die zweite Teilnehmerin ist nett (ob es für Freundschaft reicht, weiß ich aber noch nicht).

Das Coaching

Ich bin weniger nervös als gedacht, als ich am ersten Termin in der Halle eintreffe. Ich sehe eine Frau, von der ich gleich vermute, dass sie die zweite Teilnehmerin sein wird, traue mich aber nicht, sie anzusprechen. Den Coach kenne ich schon vom Foto, also erkenne ich ihn, als er weniger Minuten nach mir die Halle betritt.
Wir stellen uns kurz vor, dann bekomme ich meinen Gurt und Schuhe und gehe mich umziehen.
Zurück in der Halle suchen wir uns ein stilles Plätzchen und besprechen, wie es nun weitergeht. Der Coach gibt uns zwei, drei Hinweise zur Klettertechnik, dann legen wir los. Entgegen meiner Erwartung macht mir die Höhe kaum etwas aus, und auch das Klettern selbst ist kräftemäßig überhaupt kein Problem (gut, ich fange natürlich auch bei den richtig großen Griffen an).

Therapeutisch?

Was ist daran nun therapeutisch, wenn man nicht gerade an Höhenangst leidet? Erstaunlich viel. Mein Perfektionismus zum Beispiel, kombiniert mit Leistungsansprüchen, findet sich umgehend an der Wand wieder. Ich vergesse, auf meinen Körper zu achten, und denke stattdessen daran, was der Coach und die zweite Teilnehmerin von mir denken könnten, während ich möglichst schnell und effektiv bis ganz nach oben will. In den Vor- und Nachgesprächen nach jedem Klettern sprechen wir darüber, und ich bekomme z.B. die Aufgabe, beim nächsten Mal Pausen einzubauen und auf mich zu achten.
Im zweiten Termin lerne ich, die zweite Teilnehmerin zu sichern, während sie klettert. Das finde ich spannend, aber auch beängstigend, weil ihre Sicherheit von meiner Aufmerksamkeit abhängt (der Coach ist natürlich immer dabei und achtet darauf, dass ich alles richtig mache).

Fazit

Zwei Termine wird es noch geben – beide noch dieses Jahr -, so dass es für ein engültiges Fazit zu früh ist. Aber ich bin froh um diese neue Erfahrung, und irgendwie sind die Aufgaben wie Pause machen, sich selbst spüren, … auch im Alltag präsenter, als sie es durch die Verhaltenstherapie waren.