Extrinsisch

Die psychologischen Hintergründe sind mir weitgehend klar, und trotzdem bin ich beeindruckt bis überwältigt von der Wucht, mit der mich dieser Teilsatz eines Kollegen erwischt und nachhaltig beschäftigt, als er ebenso unaufgefordert wie selbstverständlich anerkennt, dass so eine Krankheit einfach Scheiße ist. Noch intensiver wird es durch die Tatsache, dass er weder zu denen gehört, die Schleimspuren hinterlassen, noch darauf aus ist, durch seine Worte an in diesem Fall nicht geteilte Oversharing-Informationen zu gelangen, die wie auch immer geartete Hintergedanken befriedigen. 

Mir. Wird. Geglaubt. Und zwar nicht nur von ihm, sondern zusätzlich von denjenigen, mit denen er sich austauscht. Sprich, weitere direkte Kolleg:innen meinerseits, deren Meinung mir mangels ausreichendem Selbstwert etwas bedeutet. 

Heißt aber auch, mein Ego fühlt sich auf eine pervertierte, aber enorm großartige Art und Weise ganz außerordentlich gestreichelt, weil ich scheinbar doch auch wichtig genug bin, dass man über mich spricht.

SilentHill

Wir haben Glück mit dem Wetter, im Gegensatz zu vorgestern und heute löst sich der Nebel just in time auf und die ausgesprochen ansehnliche Herbstbergbachgraslandschaft sonnt sich unter blauestem Himmel. Ich hasse Menschen, es regnet Asche.

Rückblende. Montag, eine nicht angetretene Urlaubsrückkehr und die Erwartung eines letzten Besuchs im Wunderland enden ohne diesen in einem runtergehandelten gelben Schein und Gedanken in Vantablack. Tage versickern unter pharmakologischen Schwergewichtsdecken und nicht nur Gartenarbeit hinterlässt rote Striemen auf meiner Haut.

Das raumübergreifende Großgrün knallt großorangerot mit dem Rest um die Wette und ich verstehe nicht, wie dieses Übermaß an Buntheit sich am Ende meines Sehnervs einfach im Nichts auflöst, welches seinesgleichen sucht, aber doch nichts neben sich duldet.

Jetzt. Es hat also die bereits die Hälfte meiner gehandelten Krankschreibung gebraucht, dass mir auch nur der Einfall kommt, es könnte hier tatsächlich um mein Leben gehen und nicht um unterbewusste Urlaubstagebeschaffung. Darauf einen Keks.

Elektiv

Ratio macht ihren Job geradezu ekelhaft gut und lässt sich ausgesprochen standhaft nicht davon abbringen, mich nicht zum Sport zu lassen, weil es sich seit über einer Woche eine nicht unerhebliche Erkältung in mir gemütlich gemacht hat. Mein Immunsystem nimmt – im Gegensatz zu Rosa und mir – scheinbar keinen besonderen Anstoß an der pathogenen Sportbremse und chillt stattdessen eher unmotiviert vor sich hin.
Als erstes Symptom möglicher Genesung bildet sich ausgerechnet cerebrale Exzitation wieder zur prävirulenten Ausprägung aus, deren Impulse zwar weitgehend an Ratio zerschellen, aber nicht gerade zur Entspannung beitragen, so dass ich mir das °doofdankbrainfog° zurückwünsche. Rosa untergräbt Ratio indes, wo sie kann, aber außer Frühstück und Snackgemüse skippen ist dennoch nichts drin, was über einen Sonnenspaziergang hinaus geht. An Hass grenzende Feindseligkeit schweißt uns zusammen, Rosa und mich.

Obskurität

Mein Wecker ist gestellt, meine höchstwahrscheinliche Rückkehr an den virtuellen Arbeitsplatz seit Freitag angekündigt, das Wochenende war grauenvoll – was soll da schiefgehen?

Der Beschluss, die Verlobung mit meinen Augenringen zu lösen und stattdessen als elendes Häufchen erneut bei meinem Doc zu sitzen, mag – nicht nur nach Außen –  sinnvoll und verantwortungsbewusst aussehen, anfühlen tut es sich aber wie persönliches Totalversagen. Und das mit mehrwöchigem Anlauf.

Um einen weiteren gewünschten gelben Schein, eine ungewünschte Überweisung zur Psychotherapie (siehe: Totalversagen plus nach den ganzen schon erfolgten Therapien bin ich ja sowas von selber schuld) und einen Dreimonatsvorrat Psychopharmaka, den ich mir letzte Nacht entgegen meiner bisherigen Überzeugung tatsächlich doch wieder als mögliche Hilfe ausgedacht habe, sitze ich nun daheim und versinke in dem nichtGefühl, ein ausgesprochen schlechter Mensch und eine noch schlechtere Kollegin zu sein.

Und wie zur Hölle tue ich jetzt schöne Dinge, wenn mir die Selbststigmatisierung schon bei der bloßen Idee in den Rücken schießt?

Apodikt

Die jüngste Demonstration hätte mich eines besseren belehren sollen. Hat sie nicht. Offensichtlich. Anders erklärt sich nicht, warum ich wider besseren Wissens ein Foto des Wischs der Bereitschaftspraxis mit der auf Lyme-Borreliose lautenden Diagnose an die kleine Familiengruppe sende und tatsächlich etwas anderes als das sprachliche Äquivalent blauer Häkchen erwarte. Dummes ich.

Divergenz


Das bemerkenswert erfüllende Gefühl, eine Krankmeldung bis einschließlich heute in der Hand zu haben, ist in seiner Amplitude ziemlich identisch mit dem schlechten Gewissen, eine Krankmeldung bis einschließlich heute in der Hand zu haben. Leider tun mir beide nicht den Gefallen, destruktiv miteinander zu interferieren.
Ähnlich verhält es sich mit meinem geradezu schmerzhaft intensiven Bedürfnis nach Verbindung und den inzwischen wiederhergestellten mehreren hundert Kilometern – nicht nur – physischer Distanz, die nicht annähernd auszureichen scheinen, um in so etwas ähnliches wie Gleichgewicht zu kommen.

Ambivalenz ist ein Arschloch.