Fundamental

Das imaginäre Geräusch rieselnden Feenglitzerstaubes begleitet mich schon den ganzen Tag. Vermutlich, weil auf dem Boden der Tatsachen eindeutig zu wenig Glitzer liegt – auch wenn mein Zimmerboden eine andere Sprache spricht, nachdem ich dort meine Gestaltungstherapie-Mappe fallen lasse und ich mich erst danach an das Bild erinnere, das ich in Anlehnung an meinen zweiten Satz mit schillerndem Mikroplastik bestäubte.
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Entgegen meinem Gefühl von letztem Mittwoch, als ich in der Früh nach dem Duschen mit Unterwäsche und ohne Rosa – die zu dem Zeitpunkt offensichtlich noch im Bett liegt – vor dem Spiegel stehe und Körper für okay befinde (ich werde nicht gut schreiben. ich weigere mich.), trage ich heute den weitesten und längsten Pulli, den mein Kleiderschrank hergibt (und nein, ich werde ihn nicht als pullikleid bezeichnen. ich trage keine kleider. nie.), vergrabe mich in meiner Winterjacke bei Schneeregen und schwelge in Erinnerungen an gestern T-Shirt-Wetter, bei dem ich selbiges mich nicht zu tragen traue und stattdessen schwitze, weil meine Arme etwas verunstaltet sind und ich meine Mitpatient*innen nicht triggern möchte – weder mit ebenjenen, noch mit Körper, der mir so viel mehr Platz bietet als noch vor Monaten, aber auch so viel mehr Raum einnimmt, als ich für nötig befinde.

Utopie

Ratschläge. Mitten in die Fresse. Statt die eigene Hilf- und Ratlosigkeit einzugestehen. Statt anzuerkennen, dass ich eine Überlebende bin. Dass Atmen reicht.

Einfach mal xy machen. Ins Tun kommen. Fickt euch. Ihr habt keine Knarre mit gespannten Hahn an der Schläfe. Jeden. Verdammten. Tag. !. Den Abzug teilt sich die Katastrophe mit mir. Mal gucken, wer zuerst abdrückt.

Altlasten


Rosa und ich betrachten Körper und beschließen, dass er so nicht bleiben kann. Gründe gibt es genug, auch wenn der Energielevel, die Selfies und die Blicke der Männer, in denen Körper sich badet, etwas anderes sagen.

Grau und Schwarz streiten mit Rosa, warum wir stundenlang spazieren gehen müssen, wenn wir genauso gut an einen der Bäume gelehnt Ozeane heulen und betrunken sowie rasierklingenunterstützt aufs nächtliche Erfrieren warten könnten.

Die Frage wird nicht sein, ob ich gesund werden kann. Die Frage ist, ob ich es will.

(25.02.2021)

Schreikind

Krankengymnastik steht zwar in der Verordnung, aber passieren tut etwas anderes. Etwas ganz anderes*.
Als die Therapeutin, die ich am ehesten als
Urmutter oder Schamanin bezeichnen würde – und das ohne jede Esoterik, sondern im Sinne einer Heilerin – meine Narbe berührt, sprechen wir über Hinter- und Abgründe, den Impuls, an meinem Daumen zu nuckeln und dass ich ganz dringend meiner Mama ein paar Fragen stellen sollte.
Als ich den Raum verlasse, fühle ich dumpfen Druckschmerz auf frisch gestreichelten, vor langer Zeit aufgespreizten Rippen, Übelkeit, Kopfschmerz und Kurzatmigkeit. Meine Hände zittern.

Also stelle ich Fragen zu etwas, das ich für erzählt hielt, und erfahre Details, die bisher verschwiegen unerwähnt blieben.
Während ich die Sprachnachricht höre, spüre ich den drohenden Tsunami. Etwas zieht sich zurück, so dass Nervenenden blank und ungeschützt vor mir liegen. Ich höre das tiefe Grollen dessen, was auf mich zu rollt und weiß mit unabwendbarer Gewissheit, dass es mich zermalmen wird. Der Wind, den die Welle vor sich hertreibt, beißt in meinen Augen und lässt mich diffus panisch werden. Ich schließe die Augen in Erwartung des Unabwendbaren und finde mich plötzlich mit einem Hammer und einem inzwischen ziemlich leeren Sack Nägel wieder, von denen ich bereits einen Großteil in den Deckel Kiste geschlagen und darin nun auch den Tsunami versteckt habe.

Rational betrachtet ist das ein frühkindliches Trauma. Emotional betrachtet ist das mein frühkindliches Trauma. Unbetrachtet passt es ganz gut in die Kiste, auch wenn ein paar Enden noch rausgucken.

*Somatic-Movement-Therapie oder Somatic Experience, falls es jemanden interessiert

Fünfhundertachtundvierzig

Körper sagt, er ist nun ausreichend wiederhergestellt, um zu menstruieren. Zumindest ein bisschen.
Ich sehe ihm mit hochgezogener Augenbraue dabei zu und frage mich, wann er gedenkt, seine Hirnchemie mal näher in Augenschein zu nehmen, statt sich um derlei Lästigkeiten zu kümmern. Jene Hirnchemie, die sich bisher sehr unbeeindruckt zeigt von den Antidepressiva, so dass wir die Dosis ab morgen erhöhen und mit Spannung darauf warten, ob aus der Erst- eine Zweitverschlimmerung wird.
Die dumpfgraue Leere versuche ich derweil mit purpurfarbenem Schmerz zu übertünchen, um wenigstens irgendetwas zu fühlen. Mit blutigen Fingern versuche ich, die Kiste, in der ich zumindest ein paar meiner Gefühle vermute, zu öffnen und ziehe mir bloß Splitter ein.

Maskenpflicht

Rosa und ich halten uns unauffällig an der Hand. Wir haben uns arrangiert und weil Frau Bezugseinzeltherapeutin weder so erfahren noch so gut wie der Herr Vertretungseinzeltherapeut ist, sieht sie es nicht. Er hätte es längst herausgefunden und mich in sämtliche Einzelteile zerlegt. Sie aber glaubt meinen Fortschrittsbekundungen – und ich spiele mit ihr, ohne dass ich genau sagen könnte, warum. Vielleicht einfach, weil ich es kann.

Wir reden über bewegungsfreie Tage, Post-Klinik-Wochenstrukturen und -Essenspläne, von denen ich allesamt nicht gewillt bin, sie auch nur ansatzweise einzuhalten. Das Konstrukt aus Halb- und Unwahrheiten trage ich hübsch demonstrativ vor mir her und es ist groß genug, um nicht nur Rosa, sondern auch SchwarzRotGrau und mich samt Gedankensalat dahinter zu verstecken.

Ich kann hier nicht gesund werden – weil ich es nicht will. Und keiner merkt es.