Abwarten

°Triggerwarnung°

Ich will hübsche Worte dafür finden, dass mein halber Unterarm nackt ist und eine nicht enden wollende Welle Schmerz über mich hinweg rollt, weil ich es vor Tagen schon in einer Kurzschlussreaktion für eine gute Idee hielt, mein übrig gebliebenes Teewasser über diesen Umweg ins Waschbecken zu schütten. Aber ich finde sie nicht, denn da ist einfach nur nacktes Fleisch unter einem unspektakulären Verband, der seither täglich in der Medizinischen Zentrale gewechselt wird – und gestern neben der Wundauflage auch eine Menge Haut den Weg in den Abfall findet.
Es dauert eine Weile, ehe ich mir trotz selbst schuld eine Schmerztablette erlaube, weil es halt einfach scheiße weh tut, wenn physische und emotionale Belastungen in blanke NervenEnden beißen.
Und weil es inzwischen drei sind, frage ich mich, ob Übelkeit nun so viel besser ist.

Altlasten


Rosa und ich betrachten Körper und beschließen, dass er so nicht bleiben kann. Gründe gibt es genug, auch wenn der Energielevel, die Selfies und die Blicke der Männer, in denen Körper sich badet, etwas anderes sagen.

Grau und Schwarz streiten mit Rosa, warum wir stundenlang spazieren gehen müssen, wenn wir genauso gut an einen der Bäume gelehnt Ozeane heulen und betrunken sowie rasierklingenunterstützt aufs nächtliche Erfrieren warten könnten.

Die Frage wird nicht sein, ob ich gesund werden kann. Die Frage ist, ob ich es will.

(25.02.2021)

Schuldfrage

°Triggerwarnung°

Es ist kurz nach 7 Uhr abends, als meine Anspannung wie aus dem Nichts die Grenzen des auch nur annähernd erträglichen sprengt.
Ich versuche, auszuhalten. Mich zu beruhigen. Benutze Skills. Die Anspannung lacht.
Es dauert 40 Minuten, ehe ich mich entschließe, zur medizinischen Zentrale zu gehen und mit einem Co-Therapeuten zu sprechen. Hochstress. 99 von 100. Gründe? Ich habe nur eine diffuse Ahnung, die ich aber weder genau greifen, noch erzählen kann (denn wie würde es wohl aussehen, wenn ich sagen müsste, dass ich seit letzter Woche aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen zu viele Deziliter Blut verloren habe und heute auf Anraten meines Körpers wirklich nach einem letzten Mal davon Abstand nehmen wollte).
Ich habe vergessen, dass ich tatsächlich so etwas wie Bedarfsmedikation auf meinem Zimmer und in meiner Verordnung habe und es schaut auch niemand nach, als mir anschließend großzügig zwei Baldrian ausgehändigt werden, die nur durch Globuli noch an Absurdität überboten werden könnten – auch wenn man bedenkt, dass ich bis Anfang dieser Woche noch wegen deutlicher Suizidgedanken zweimal am Tag zum Gespräch musste und auch jetzt aufgefordert war, mir jederzeit Hilfe zu holen.
Ich will ihnen eine Chance geben. Wirklich. Nehme die Placebos Pflanzenwirkstoffe und skille weiter. Zehn Minuten. Zwanzig. Und finde mich am Ende mit blutiger Rasierklinge, einem zu tiefen Schnitt am Bein, klappernden Zähnen und – endlich – heulend in der Dusche wieder. Schmerzen suche ich vergeblich. Genauso wie irgendwelche anderen Gefühle.
Ich ignoriere, dass es wohl eigentlich mehr als ein Pflaster bräuchte und beschließe, dass es ausreichen muss, es morgen professionell versorgen zu lassen.

Schraubstock

Mein Puls hämmert in dumpfen, harten Wellen von innen gegen meinen Schädel. Ich verliere mich in Anspannung und Gedanken über Kontrolle, bei denen ich zu dem Schluss gelange, dass ich nach wie vor keinen Schimmer habe, was mir hinreichend Sicherheit geben könnte, um mich nicht nach der Klinik umgehend wieder Rosa zuzuwenden.
Übelkeit schwappt mir entgegen. Ob als Nebenwirkung des Wellengangs in meinem Kopf oder des Antidepressivums, was ich seit wenigen Tagen nehme, ist so ungeklärt wie irrelevant. Das Gruseln, chemisch in meinen Hirnstoffwechsel hineinpfuschen zu lassen, mischt sich mit der dadurch verursachten Müdigkeit, die es zwar laut Beipackzettel, nicht jedoch laut Chefarzt geben dürfte.
Ich sitze fest.

Boykott

Rosa weint und bettelt. Ich nehme sie in den Arm, kann aber ihre Tränen nicht trocknen, weil ich ihr stattdessen selbst die Haare nass heule.
Körper schmerzt munter vor sich hin. Nicht nur von drölfzig Litern Wassereinlagerungen und gereizten Sehnen in den Füßen und anderswo, sondern auch vom Muskelkater meiner nicht autorisierten Sporteinheiten, so dass ich nichtmal öffentlich jammern darf.
Ich mache Hausaufgaben: Körper bewusst und so lange eincremen, bis die Anspannung sinkt. Ich höre auf, als ich heulen muss und trete mein Körperbild endgültig für mindestens den Rest des Tages in die Mülltonne. Schwitze lieber beim Spaziergang in der Sonne, als meine Jacke auszuziehen und Körperformen sichtbar zu machen.
Schatz fragt, wie ich meinen Therapiefortschritt sehe, und ich frage nur, welchen?
Körper regeneriert so vor sich hin, auch wenn er damit noch nicht fertig zu sein scheint und meinen Zyklus nach wie vor für überflüssig hält – ausnahmsweise mal etwas, wo ich ihm nur zustimmen kann.
Blut fließt meinen Arm entlang – wieder einmal – und ich spüre nichts. Für einen Moment auch nicht Körper. Ziel erreicht. Bedauern mischt sich mit Resignation. Viel Resignation.
Zwei Wochen noch – vielleicht drei, falls die Krankenkasse zustimmt – und ich verspreche Rosa, dass wir wieder mehr zusammen machen. Sport zum Beispiel. Restringieren. Uns Halt geben und GrauSchwarz den Saft abdrehen. Überleben.

Hintergrundrauschen

Rosa sitzt in der Ecke, in die sie sich zurückgezogen hat, wippt langsam mit angezogenen Beinen, die sie mit ihren Armen umschlingt, vor und zurück und schaut mich mit ihren großen dunklen Augen ängstlich an.
Ich sitze auf dem Bett, schaue zu ihr und sehe doch nichts, weil ich die Tränen nicht stoppen kann, die mein Gesicht hinunter laufen und mein Shirt durchnässen.

Es ist nicht so, dass der Herr Vertretungseinzeltherapeut Rosa dorthin verwiesen hätte – dann wäre es einfach. Dann könnte ich die Arme ausbreiten, sie zu mir aufs Bett holen und wir könnten uns weiter aneinanderklammern. Aber so war es nicht – er bat sie in die Mitte des Raums. Mein Blick folgte ihr, doch er trug mir auf, dort hin zu schauen, wo sie noch kurz zuvor gestanden hatte.

Das ist der Moment, in dem ich zusammenbreche.

Ich glaube, das ist Therapie.