Hüllenlos

Vielleicht war es absehbar, betrachtet man die Tatsache, dass ich den ersten Abend vor der Wiedereingliederung mit missbräuchlichem Medikamentenkonsum ins Bett gehe. Anders scheint es mir unmöglich, in der Nacht vor der anstehenden 4-Tage-Woche mit Pause am Mittwoch auch nur ein Auge zuzumachen.
Jedenfalls dämmert mir nicht erst seit der Notwendigkeit einer halben Tavor am gestrigen Abend (nach einem 2-Stunden-Arbeits-und-den-Rest-des-Tages-skillen-müssen-wie-blöd-Tag), dass es möglicherweise noch nicht funktioniert.
Fragen wir nächste Woche mal Herrn Hausarzt, wie er das Ganze einschätzt.

Schuldfrage

°Triggerwarnung°

Es ist kurz nach 7 Uhr abends, als meine Anspannung wie aus dem Nichts die Grenzen des auch nur annähernd erträglichen sprengt.
Ich versuche, auszuhalten. Mich zu beruhigen. Benutze Skills. Die Anspannung lacht.
Es dauert 40 Minuten, ehe ich mich entschließe, zur medizinischen Zentrale zu gehen und mit einem Co-Therapeuten zu sprechen. Hochstress. 99 von 100. Gründe? Ich habe nur eine diffuse Ahnung, die ich aber weder genau greifen, noch erzählen kann (denn wie würde es wohl aussehen, wenn ich sagen müsste, dass ich seit letzter Woche aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen zu viele Deziliter Blut verloren habe und heute auf Anraten meines Körpers wirklich nach einem letzten Mal davon Abstand nehmen wollte).
Ich habe vergessen, dass ich tatsächlich so etwas wie Bedarfsmedikation auf meinem Zimmer und in meiner Verordnung habe und es schaut auch niemand nach, als mir anschließend großzügig zwei Baldrian ausgehändigt werden, die nur durch Globuli noch an Absurdität überboten werden könnten – auch wenn man bedenkt, dass ich bis Anfang dieser Woche noch wegen deutlicher Suizidgedanken zweimal am Tag zum Gespräch musste und auch jetzt aufgefordert war, mir jederzeit Hilfe zu holen.
Ich will ihnen eine Chance geben. Wirklich. Nehme die Placebos Pflanzenwirkstoffe und skille weiter. Zehn Minuten. Zwanzig. Und finde mich am Ende mit blutiger Rasierklinge, einem zu tiefen Schnitt am Bein, klappernden Zähnen und – endlich – heulend in der Dusche wieder. Schmerzen suche ich vergeblich. Genauso wie irgendwelche anderen Gefühle.
Ich ignoriere, dass es wohl eigentlich mehr als ein Pflaster bräuchte und beschließe, dass es ausreichen muss, es morgen professionell versorgen zu lassen.

Hm

°Triggerwarnung°
Ich fühle mich entschleunigt, auch wenn ich das Wort nicht mag. Die weitgehende Planlosigkeit dieses Urlaubs tut mir gut.
Dennoch rumort irgendetwas in mir. Ungedachte Gedanken, unausgesprochene Worte, unbefriedigte Bedürfnisse. Äußern tut sich das ganze in subtilem Kopfweh, einem vor unbewusster Anspannung schmerzenden Kiefer und steigendem Selbstverletzungsdruck – letzteres ein für mich gerade nicht einmal negativ besetztes Gefühl, eher ein Sehnen danach.

Mein Kopf fühlt sich unsortiert an. Tagsüber komme ich nicht zum Denken, dabei hätte ich Zeit genug, aber es will irgendwie nicht. Abends im Bett fängt es dann an, von selbst loszulaufen, wo ich es so gut ich kann unterbinde. Irgendwas ist da, aber es kommt nicht an die Oberfläche. Es lässt sich nicht denken, versteckt sich, entzieht sich meinem Zugriff. Schneiden würde helfen, denkt ein Teil von mir – weil es das bisher immer getan hat. Als würde ein Schalter umgelegt, kann ich danach Dinge anders sehen, anders denken als vorher.

Da ist es also wieder. Das Problem, dass ich Skills und Strategien kenne, es nicht zu tun. Aber das, was tiefer liegt, erreiche ich dadurch nicht.

Skilling me softly

Nach gestern Abend fühle ich mich eklig. Mir ist – und dabei ist es egal, ob vom Essen oder vom Likör – übel, ich habe Kopfweh. Ich würde nicht so weit gehen, das als Kater zu bezeichnen, aber trotzdem geht es mir nicht so richtig gut.
Aber der Rausch… derzeit würde ich so ziemlich alles nehmen, was irgendwie den Kopf ausschaltet. Alles, damit ich mich ja nicht verletze, weil das ist ja böse. *AchtungIronie*

Skills, um inneren Druck abzubauen, gibt es listenweise. Verstanden habe ich das nie. Dabei kann ich es, siehe Mittwoch. Als die Anderen Schatz und mir noch einmal mit Anlauf in die Rippen getreten haben. Mein Puls lag nach diesem Brief weit jenseits der 120, und unser Weg richtung Bett, den wir eigentlich eingeschlagen hatten, war undenkbar. Also putzte ich die Küche, räumte meinen Kleiderstapel im Schlafzimmer und auch das Wohnzimmer auf. Dinge, die ich unter der Woche sonst nie mache, aber die ich da einfach tun musste.
Aber genau das ist der Punkt. Ich hatte das Bedürfnis, genau das zu tun. Nicht SV, nicht etwas trinken, sondern aufräumen. Danach fühlte ich mich etwas besser, es hat geholfen.

Ich will nicht denken. Ich will nicht fühlen. Ich will, dass der Tag das Wochenende die Tage bis zum Termin das Alles schnell vorbei ist. Und nach einem Triggermoment bei einer OnlineTV-Sendung vorhin will ich mich verletzen. Ja, ein Rausch wäre auch toll, aber ich weiß, eine Verletzung würde – im Sinne der Wirksamkeit – länger vorhalten. Immerhin, das letzte Mal war vor 8 1/2 Monaten.

Ich skille jetzt schaue jetzt TV.

Einen Versuch war es wert

Nicht.
Gestern. Der Kaffee ist alle, der Cursor blinkt, aber meine Finger tippen keine Worte mehr. Ich fahre den Laptop herunter, bringe meine leere Tasse zur Spüle und gehe zur Toilette. Krame im Medikamentenschrank nach dem verschreibungspflichtigen Muskelrelaxans, das bei mir Watte im Kopf verursacht, und nehme eins. Komme aus dem Bad, nehme meine leere Tasse und fülle sie fast zur Hälfte mit Kräuterlikör und Obstbrand. Setze mich aufs Sofa, schalte den Fernseher ein und trinke in langsamen Schlucken. Lecker ist es nur am Anfang.
Die Wirkung von beidem potenziert sich, mein Kopf geht endlich aus. Nein, kein Filmriss, aber das früher als so unangenehm empfundene Gefühl des Schwindels und der falschen Leichtigkeit breitet sich – sehr langanhaltend – aus und ich genieße es.
Der erste Dämpfer? Als ich mein Abendessen esse, kommen die Geschmäcker nicht in meinem Kopf an, was mich ärgert, weil ich das wenige, was ich esse, wenigstens richtig schmecken möchte.
Der zweite Dämpfer? Sehr viel später. Ich liege im Bett und brauche Finalgon, um nicht durchzudrehen. Ich kann nicht schlafen, und mir wird kotzübel. So bleibt es eine ganze Weile, bis ich doch irgendwann unruhig einschlafe.
Meine Augenringe heutefrüh sprechen neben dem Kopfweh (das ich aber wirklich nur auf den schlechten Schlaf zurückführe) eine eindeutige Sprache.
Ich fühle mich schlecht und schuldig, weil ich mich doch dazu habe hinreißen lassen. Und ich ekle mich vor mir selbst, weil ich bitte nie nie nie ein Alkohol- oder Medikamentenproblem haben möchte. Und ich schäme mich, während ich das hier aufschreibe.
Aber vielleicht war diese Erfahrung nötig. Denn die Tabletten, die ich gestern schon in meine Kulturtasche für meine mehrtägige Dienstreise kommende Woche getan hatte, habe ich wieder rausgenommen, und meinen Plan, mir für abends irgendetwas zum Trinken zu besorgen, in ein wenig leckeres Essen(-gehen) und auf dem Hotelbett Musik hören umgewandelt.
Dann ist auch Scham ein Gefühl, das zu irgendwas gut ist.