Maskenpflicht

Rosa und ich halten uns unauffällig an der Hand. Wir haben uns arrangiert und weil Frau Bezugseinzeltherapeutin weder so erfahren noch so gut wie der Herr Vertretungseinzeltherapeut ist, sieht sie es nicht. Er hätte es längst herausgefunden und mich in sämtliche Einzelteile zerlegt. Sie aber glaubt meinen Fortschrittsbekundungen – und ich spiele mit ihr, ohne dass ich genau sagen könnte, warum. Vielleicht einfach, weil ich es kann.

Wir reden über bewegungsfreie Tage, Post-Klinik-Wochenstrukturen und -Essenspläne, von denen ich allesamt nicht gewillt bin, sie auch nur ansatzweise einzuhalten. Das Konstrukt aus Halb- und Unwahrheiten trage ich hübsch demonstrativ vor mir her und es ist groß genug, um nicht nur Rosa, sondern auch SchwarzRotGrau und mich samt Gedankensalat dahinter zu verstecken.

Ich kann hier nicht gesund werden – weil ich es nicht will. Und keiner merkt es.

Antworten

Am relativen Ende einer nicht vollständig rekonstruierbaren Assoziationskette, in der es um nicht weniger als sehr existentielle Fragen geht, sammle ich Dinge, die ich mit auf eine einsame Insel – auf der die Überlebensgrundlagen vorhanden sind – nehmen würde und stelle mir plötzlich die Frage, ob ich mich denn dort mit hin nehme. Also, nehmen will, denn egal ob hypothetisch oder nicht, ich wäre in jedem Fall ja dort – im hypothetischen Fall wäre ich ja sogar vor mir da. Glaube ich. Aber darum geht es nicht, auch wenn mein Kopf sich lieber an dieser Überlegung als an der ursprünglichen Fragestellung festbeißt.

Schmerzgrenze

Rosa brüllt mich an. Laut. Schrill. Sie ist außer sich. Schier rasend.
Mit Abscheu und Ekel gestikuliert sie wild Richtung Körper, der aus purem Trotz nicht nur Unmengen Fett, sondern noch viel mehr Wasser einlagert, einem Marshmallow gleicht und sich wie ein riesiges speckiges Walroß anfühlt.
Ich kann ihr nur zustimmen. Und finde den Gedanken, ihn trotzdem weiter füttern zu müssen derart abstoßend, dass ich heulend und ratlos in Rosas Armen liege, die mir liebevoll übers Haar streicht und gleichzeitig weiter Vorwürfe mit einem Megaphon ins Ohr schreit.

Rosa packt meine Koffer. Teil für Teil wandert aus dem Schrank dort hinein, wo ich es sogleich wieder herausnehme und zurücklege. So drehen wir uns im Kreis und streiten dabei unentwegt über die Gründe, die für eine Abreise aus der Klinik sprechen – und welche dagegen. Rosas Argumente finde ich durchaus stichhaltig – Sport, Hungern und Dünnsein klingen nicht nur gut, sondern geradezu großartig. Aber die Rückkehr in das Leben, bei dem wir im November auf Pause gedrückt haben, erscheint mir derart absurd, dass ich lieber einen Pakt mit ihr schließe, statt ihr oder Körper vollends nachzugeben.
Sie darf brüllen, soll es sogar. So laut bitte, dass ich nicht über das Leben nachdenken muss, während ich den Käse zum Frühstück verweigere. Und sie brüllt.

Beißhemmung

Rosa findet, dass es jetzt dann mal reicht mit Essen. Dabei hat sie sich das Ganze eh erstaunlich lange aus der Ecke, in der sie bockig rumsteht, angesehen. Aber bei inzwischen drei eineinhalbfachen Portionen zu den Hauptmahlzeiten plus einer Zwischenmahlzeit in Kombination mit meiner Gewichtskurve und der neuesten Steig(er)ung hat sie nun wohl beschlossen, dass hier dringend eingegriffen werden muss und sich plötzlich mit Körper zusammengetan. Wobei ich ja den Verdacht hege, dass sie ihn mit irgendwas erpresst, aber er schweigt und Rosa natürlich auch. Bis auf die nicht unerhebliche Übelkeit und den Reflux, der mich schon mehr als einmal zumindest an den Rand der Kloschüssel gebracht hat – beides haut er mir schweigend mit einem Zaunpfahl um die Ohren, während Rosa grinsend daneben steht und sich aber ertappt fühlt, weil ich hauptsächlich sie verdächtige.

Verdichtet

Es ist ruhig hier im Außen. Dafür ist es im Innen unglaublich laut und ungeordnet und schmerzhaft und diffus. Rosa ist seltsam unpersonifiziert. Agiert in der Tiefe, versteckt und im Dunkeln.
Die Intensität von einfach allem bringt mich fast um den Verstand. Die absolute Ehrlichkeit, mit der ich den Therapeuten und mir selbst begegne, ebenfalls.

Exekutiv

Ich soll mir da echt nichts einreden und auch nichts einreden lassen, sagt Rosa.
Weil, das – bisher recht konsequent ignorierte – Spazierverbot und die zugehörigen Gefühle dazu haben die Frage aufgeworfen, ob ich nicht vielleicht – ganz eventuell vielleicht – doch ein echtes Problem und eher weniger Mitspracherecht bei Entscheidungen rund ums Essen und Bewegung habe.
Bisher ging ich davon aus, dass wir das alles gemeinsam beschließen – und wollen. Aber wenn ich jetzt mal ganz verantwortungsvoll und logisch daran denke, der Einschränkung von Frau Therapeutin nach- oder zumindest entgegenzukommen, stopft Rosa ebenjene Vernunft kompromisslos in eine Kiste, versteckt den Schlüssel und drückt den Knopf, der den Autopiloten aufpustet und ans Steuer von Körper setzt, der eigentlich eher meiner Meinung wäre.