Antworten

Am relativen Ende einer nicht vollständig rekonstruierbaren Assoziationskette, in der es um nicht weniger als sehr existentielle Fragen geht, sammle ich Dinge, die ich mit auf eine einsame Insel – auf der die Überlebensgrundlagen vorhanden sind – nehmen würde und stelle mir plötzlich die Frage, ob ich mich denn dort mit hin nehme. Also, nehmen will, denn egal ob hypothetisch oder nicht, ich wäre in jedem Fall ja dort – im hypothetischen Fall wäre ich ja sogar vor mir da. Glaube ich. Aber darum geht es nicht, auch wenn mein Kopf sich lieber an dieser Überlegung als an der ursprünglichen Fragestellung festbeißt.

Zerfetzt

Ausnahmsweise fragt sie, die Frau Bezugseinzeltherapeutin, mich heute am Ende der Sitzung nicht, ob ich noch etwas brauche, während ich meine Maske vollheule. Dabei wäre die Antwort so einfach. Ein Land ohne Auslieferungsabkommen, einen Baseballschläger, ein kleines bisschen Zeit allein mit diesen Arschlöchern.

Rasend ist garkein Ausdruck.

Hintergrundrauschen

Rosa sitzt in der Ecke, in die sie sich zurückgezogen hat, wippt langsam mit angezogenen Beinen, die sie mit ihren Armen umschlingt, vor und zurück und schaut mich mit ihren großen dunklen Augen ängstlich an.
Ich sitze auf dem Bett, schaue zu ihr und sehe doch nichts, weil ich die Tränen nicht stoppen kann, die mein Gesicht hinunter laufen und mein Shirt durchnässen.

Es ist nicht so, dass der Herr Vertretungseinzeltherapeut Rosa dorthin verwiesen hätte – dann wäre es einfach. Dann könnte ich die Arme ausbreiten, sie zu mir aufs Bett holen und wir könnten uns weiter aneinanderklammern. Aber so war es nicht – er bat sie in die Mitte des Raums. Mein Blick folgte ihr, doch er trug mir auf, dort hin zu schauen, wo sie noch kurz zuvor gestanden hatte.

Das ist der Moment, in dem ich zusammenbreche.

Ich glaube, das ist Therapie.

Spelz

Wir besprechen also mein Körperbild (= 🐳), der Herr Vertretungseinzeltherapeut und ich. Und dass er mich nervt gerade. Also Körper. Nicht nur, weil 🐳, sondern auch weil er keine Gelegenheit auslässt, weh zu tun – oder ganz neu, meine Finger einschlafen lässt. Nach dem Aufstehen – also wa(h)lweise morgens, aber auch wenn ich länger gesessen habe – schreien mir meine Füße und meine Hüften entgegen, dass ich entgegen meiner biologischen Überzeugung doch schon weit über 80 bin, und meine Schultern sind der gleichen Meinung, wenn ich Körper an- oder ausziehe.
Rosa findet das garnicht witzig. Aber sie ist froh, dass es besser wird, je länger wir laufen. Und das tun wir, schon allein des mehr als weitläufigen Klinikgeländes wegen.

Nachdem wir festgehalten haben, dass ich zu Körper in letzter Zeit nicht besonders nett war und er es deshalb wahrscheinlich gerade auch nicht zu mir ist, kommen wir zur nicht unerheblichen Diskrepanz zwischen Spiegel und Foto. Und Fotos von Rosa. Die ich am besten löschen soll. Und zwar alle. Rosa schaut mich entsetzt an und ich überlege, ob ich heulen oder gehen soll. Alles in mir schreit NEIN.
„Das trennt die Spreu vom Weizen“ sagt er so nebenbei.