Lucifer

In blinder Verzweiflung habe ich nach dem Ketamin und der nicht feststellbaren Wirkung unter nunmehr gynäkologischer Anleitung – die aus Gründen schon länger in der Pipeline stand – und laborgestützter Analyse, statt einer wie von mir angedachten endokrinologischen Breitseite eine großzügige Salve an Essentials ins Cerebrum geschmissen. Und siehe da, es ward Licht.
Allerdings zeigten sich die Glühwürmchen als ausgesprochen kurzlebig und verwesen seit eineinhalb Wochen wieder, während ich mir die Frage nach einem Placebo-Effekt stelle und es damit dann wohl doch selber in der Hand hätte, aber immer wieder loslasse.
Was ist falsch mit mir?
Ich kann das alles nicht mehr.

Extrinsisch

Die psychologischen Hintergründe sind mir weitgehend klar, und trotzdem bin ich beeindruckt bis überwältigt von der Wucht, mit der mich dieser Teilsatz eines Kollegen erwischt und nachhaltig beschäftigt, als er ebenso unaufgefordert wie selbstverständlich anerkennt, dass so eine Krankheit einfach Scheiße ist. Noch intensiver wird es durch die Tatsache, dass er weder zu denen gehört, die Schleimspuren hinterlassen, noch darauf aus ist, durch seine Worte an in diesem Fall nicht geteilte Oversharing-Informationen zu gelangen, die wie auch immer geartete Hintergedanken befriedigen. 

Mir. Wird. Geglaubt. Und zwar nicht nur von ihm, sondern zusätzlich von denjenigen, mit denen er sich austauscht. Sprich, weitere direkte Kolleg:innen meinerseits, deren Meinung mir mangels ausreichendem Selbstwert etwas bedeutet. 

Heißt aber auch, mein Ego fühlt sich auf eine pervertierte, aber enorm großartige Art und Weise ganz außerordentlich gestreichelt, weil ich scheinbar doch auch wichtig genug bin, dass man über mich spricht.

Kinematik

Seit mehr oder weniger 6 Tagen fluten multiple Substanzen meinen Körper, von denen bei Schatz schon eine halbe Einzelsubstanz ausreicht, um ihn für 2 Tage ins Bett zu reduzieren.
Ich löse stattdessen Sudokus und vergesse nur gelegentlich, wie ich eigentlich vom Schreibtisch zum Klo komme. Aber da ist die viel wesentlichere Frage, ob ich morgen noch weiß, dass ich es heute nicht wusste, besteht mein Erinnerungsvermögen doch gerade aus vielen geschwärzten Zeilen.
Alternative Eskalationsreaktionen hätte ich aus reinem Effizienzgedanken heraus vorgezogen, aber offene Arme haben eine deutlich ausgeprägtere Halbwertszeit.
Also sitze ich hier multifakoriell begünstigt in meinem zerflauschten Wochenende und habe Fragen.

Pharma

Den zweiten Tag in Folge die pharmazeutische Bremse in meine Synapsen zu integrieren, mag gestern durchaus eine berechtigte Notwendigkeit gewesen sein, dient heute dagegen eher dem wenig schmeichelhaften °weil ich halt Bock auf weiteren Fluff hab° Und ich liebs.
Der Mix aus Feier-, Urlaubs- und Arbeitstagen mit glücklicherweise geringsten familiären Verpflichtungen und vielen aus Überzeugung boykottierten und dennoch internalisiert nagenden gesellschaftlichen Erwartungen fordert trotz aufrechterhaltener Routinen seinen psychischen Tribut, dessen Aufarbeitung mir gerade nicht ferner liegen könnte.
Und so sehr auch °keine Lust° auf den ab morgen wieder regelmäßigen Wecker aus jeder meiner Hirnzellen trieft und mein Bewusstsein verklebt, herrscht die Hoffnung vor, dass es genau das ist, was ich brauche.

Diametral

Wie zu erwarten zerschellen auch paternal adressierte ungestillte Bedürfnisse an der Realität eines – immerhin selbstfürsorglich aus dem (einseitig) geplanten Juni verschobenen – familiären Besuchs. Auch wenn ich mir Mühe gebe, mein Innenleben verständlich darzulegen, versickern die Informationen fast vollständig unkommentiert, so dass wir am Ende doch wieder bei reinem Austausch über die sichtbare Welt ankommen, der sich an der allgemeinen Introvertiertheit aller Beteiligten totläuft.
Verschwiegenheit auch über die Tatsache, dass auf ebenjene Verschiebung – aus Gründen! Genannten Gründen! – ein weiteres Erkundigen nach meinem Befinden schlichtweg entfiel und auf meine Unzuverlässigkeit, spontane fernmündliche Gespräche anzunehmen geschoben wurde – die AUS GRÜNDEN!!! manchmal oft schlicht weg nicht möglich ist.

argh.

Akkadese

Ich gehe ins Bett – nicht, weil ich müde wäre (weil, Dauerzustand dieser Tage), sondern weil der Tag bitte enden soll. Das weiß aber der Tag ja nicht, also geht er noch munter weiter und mein Kopf sieht sich angesichts der Tatsache einer bloßen Lageänderung noch lange nicht dazu bewogen, abzuschalten. Im Gegenteil, er nutzt die Reizarmut der Umgebung aus und füllt die Dunkelheit sehr ausgedehnt mit sehr vielen ausschließlich monochromen Möbius-Gedankenschleifchen, imperatives Verstrickungspotential inbegriffen.
Der Versuch, einfach positiv zu denken, fühlt sich auch am nächsten Morgen ziemlich gescheitert an, als ich die Rückenschmerzen, die mich nach zu langer Bettzeit aus dem Bett zwingen, als einzigen, aber immerhin vorhandenen Grund betrachte, aufzustehen.
Überfordert vom Inhalt meines Kopfs, der mich ununterbrochen mit Szenarien, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten bombardiert, frage ich mich, wer am Ende wen manipuliert und ob meine unausgesprochene, aber gelebte Weigerung weiterer Therapien am Ende nur ein Vorwand ist, um egoistisch und anders bleiben zu dürfen. Darunter mischt sich die Frage, ob und wie ich morgen – und den Rest der Woche – arbeiten gehen soll und was wohl noch so lustiges in meinem Kopf passiert, wenn ich es tue oder lasse oder ach ich weiß auch nicht.