Autolyse

Ein Großteil meiner Synapsen befindet sich in einem äußerst entspannten Zustand des Dämmerschlafs, in den sie sich wenige Tage nach Urlaubsbeginn begeben haben. Ich frage mich zwar manchmal, ob sie je wieder aufwachen oder längst abgestorben sind, aber es sind insgesamt einfach zu wenige wach, um mir ernsthaft darüber Sorgen zu machen.
Denken?! Nö. Is grad aus. Meine exzessive Youtube- & Netflix-Nutzung – sorry, falls ich euch alles weggucke, aber ich hab frei – stellt GsD keine allzu großen intellektuellen Anforderungen und beim Sport und Spazieren kann ich wunderbar gemeinsam mit Rosa ums Essen kreisen.
Von Selbiger bin ich übrigens überzeugt, dass sie bereits vor einiger Zeit viele kleine feine Löcher in mein Gehirn gefressen hat, weil das auch in eingeschaltetem Zustand nicht mehr so denkt wie °vor° Rosa. Aber dumme Menschen sind glücklicher, habe ich gehört, also darf sie weiterfressen.

Und sonst so? Meine Synapsen gähnen, zucken mit den Schultern und verweisen auf °nichts°

Körpersprache

Wir müssen reden! sage ich zu Rosa, als ich sie mir unter den Arm klemme, um irgendwo hinzugehen, wo es ruhiger ist.
Aber es ist nirgends ruhiger, ich bin eine Getriebene meiner selbst und trage sie nun schon eine ganze Weile so mit mir rum, unser Gespräch auf ein Später verlegend. Erneut.
Immerhin, der Parasit hat sich in sein Körbchen geringelt und schnarcht selig vor sich hin, nachdem er sich wieder einmal austoben durfte.
Körper nimmt mir die Mangelernährung auf prä-Klinik-Niveau abzunehmend übel und darf deshalb heute schon vor 8 ins Bett, weil er schon seit Tagen immer lauter quängelt. Und ja, ich habe ein bisschen Mitleid mit ihm, weil die Tage langsam echt anstrengend werden.
Bald habe ich Urlaub, nur noch zwei Mal früh aufstehen.
Dann reden wir aber wirklich! sage ich zu Rosa, die inzwischen ziemlich gechillt an meinem Arm rumhängt.

Reziprok

Der persistierende Ductus arteriosus zählt zu den angeborenen Herzfehlern. […] Kann der Verschluss nicht konventionell erreicht werden, wird eine invasive, operative Maßnahme nötig. Von 1938 (Robert Edward Gross und J. P. Hubbard) bis 2005 geschah dies mithilfe eines chirurgischen Eingriffs. Der Schnitt wurde an der linken Brustkorbseite zwischen den Rippen geführt, der PDA je nach seiner Form und Länge durch ein oder zwei Bändchen abgeschnürt und oft zwischen diesen Abschnürungen durchgeschnitten.

Quelle: Wikipedia



Vor wenigen Monaten erst ist sie ein Jahr alt geworden. Und nach einigen Arztbesuchen und besorgt klingenden Elternstimmen findet sie sich an einem Ort wieder, den sie weder versteht, noch leiden kann. Die Wände sind weiß und kahl, das Bett, aus dem nun ihre Welt – für immer? sie weiß es nicht – besteht, hat ein kaltes Metallgitter und außer Mama, Papa und ihrer Spieluhr aus Plüsch kennt sie niemanden.
Es geben sich zwar alle Mühe, lieb zu ihr zu sein, aber trotzdem wird sie mit Nadeln traktiert und auch der flehende Blick zu Mama, auf deren Schoß sie sitzt, bewahrt sie nicht davor. Sie bleibt tapfer und scheinbar macht sie das gut, bekommt sie doch Lob dafür. Das merkt sie sich.
Aber dann wird es Abend und Mama lässt sie allein an diesem gruseligen Ort weit weg von Zuhause. Sie weiß nicht, ob sie schläft oder bloß bis zur totalen Erschöpfung weint, aber am nächsten Tag ist Mama wieder da. Doch dann werden sie wieder getrennt, von diesen lieben gemeinen Menschen in Weiß, die sie in einen weiteren gruseligen Raum bringen und dann wird alles dunkel.
Als sie aufwacht, ist Mama da, aber sie fühlt sich komisch und versteht nicht, warum sie einen Verband und Schmerzen hat. Irgendetwas schlimmes muss passiert sein, und Mama umsorgt sie ganz besonders.
Dann wird es Abend und wieder muss Mama gehen. Wieder muss sie allein sein in diesem fremden Bett mit den fremden Leuten und den Schmerzen. Sie weint und es wird wieder Tag. Mama kommt zurück.
Viele unendlich scheinende Tage und Nächte gehen ins Land, Papa schaut ab und zu vorbei und auch die Omas. Alle sind irgendwie besorgt, aber auch glücklich. Sie fühlt sich am Tag ganz besonders lieb gehabt und nachts verlassen. Nichts davon versteht sie.
Dann kommt ein Tag, der anders ist. Sie wird ins Auto getragen, dass ein bisschen nach Zuhause riecht und Mama und Papa fahren los. Sie schläft, als hätte sie es wochenlang nicht getan.
Als sie aufwacht, ist sie zuhause. Endlich. Doch als es dunkel wird, kommen die Erinnerungen. Ans Alleinsein, an fremde liebe gemeine Menschen, an kahle Wände und Metallgitterstäbe. Sie hat große Angst und weint und schreit so laut, dass sie nicht hören kann, wie auch ihre Mama weint, weil Papa und Oma sie nicht zu ihr lassen wollen, weil sie lernen muss, dass sie auch weiterhin allein schlafen muss. Und sie lernt es.



Nicht jeder darf links von mir gehen. Schon garnicht jederzeit. Und falls doch, heißt das noch lange nicht, dass es morgen oder auch in 10 Minuten noch genauso ist. Wer aber – mindestens aktuell – links mal garnicht geht, ist mein Papa, wie ich kürzlich herausfand. Es ist schlicht nicht möglich.



An manchen Dingen könnte ich mir einen Knubbel essen. Sogar während Rosa ganz besonders restriktiv war. (Johannis-)Beeren gehen immer. Genau wie Äpfel, Zwetschgen, Blaukraut, grüne Tee, Kaffee oder – wenn auch nur in der nicht rosanen Theorie – Tempeh.
Durch Zufall stoße ich vor wenigen Tagen darauf, dass all das besonders viele Flavonoide enthält. Und Wikipedia sagt: Weiterhin stehen Flavonoide im Verdacht, zu einem vorzeitigen Verschluss des Ductus arteriosus zu führen.



Ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken

Schraubstock

Mein Puls hämmert in dumpfen, harten Wellen von innen gegen meinen Schädel. Ich verliere mich in Anspannung und Gedanken über Kontrolle, bei denen ich zu dem Schluss gelange, dass ich nach wie vor keinen Schimmer habe, was mir hinreichend Sicherheit geben könnte, um mich nicht nach der Klinik umgehend wieder Rosa zuzuwenden.
Übelkeit schwappt mir entgegen. Ob als Nebenwirkung des Wellengangs in meinem Kopf oder des Antidepressivums, was ich seit wenigen Tagen nehme, ist so ungeklärt wie irrelevant. Das Gruseln, chemisch in meinen Hirnstoffwechsel hineinpfuschen zu lassen, mischt sich mit der dadurch verursachten Müdigkeit, die es zwar laut Beipackzettel, nicht jedoch laut Chefarzt geben dürfte.
Ich sitze fest.

Vakuum

Dreckig ist gar kein Ausdruck dafür, wie ich mich heute fühle. Also, so rein körperlich.
Es ist halb 2 und der Früh, als ich aufwache und wie seit Wochen in der Nacht auf Samstags genau weiß, dass ich erst einmal nicht mehr so schnell einschlafen werde. Also stehe ich auf und setze mich mit meinem Handy aufs Sofa. Möglicherweise ist es Hunger, der Körper dazu bringt, mich wachzuhalten. Tatsächlich ist das Rosa aber völlig egal, die Möglichkeit wird einfach negiert.
Es ist schließlich fast halb 5, als ich zurück ins Bett krabble und noch 2 weitere Stunden Schlaf ergattere, die viel zu schnell wieder rum sind. Aber Körper motzt schon wieder, und Kaffee muss her. Dringend. Die helfen zwar nur marginal gegen die Müdigkeit, aber das Ritual an sich zählt. Vorher muss ich mich natürlich wiegen. Körper schaut mich entgeistert an, Rosa feiert einen neuen Tiefststand.
Einkaufen steht auf dem Plan, danach Wertstoffhof, und eigentlich ein langer Spaziergang, weil ich ja sonst heute keinen Sport mache.
Ich fühle mich nach umfallen, was auch nach dem Frühstück – nach dem Einkaufen und nach dem Wertstoffhof – nicht sehr viel schöner wird. Ich frage mich, wie ich Körper dazu bekommen soll, jetzt noch weiterzumachen. Das Gartencenter, in das wir kurzfristig noch fahren, rettet mich und beruhigt Rosa zumindest mit ein paar mehr Schritten auf dem Tracker, auch wenn sie sehr vernehmlich mit den Zähnen knirscht. Ich vertröste sie auf morgen. Damit es nicht im Schnitt nur faule 6 Mal die Woche Sport sind. Mein Gehirn allerdings ist schon seit in der Früh ausgestiegen. Zombiemodus.
Jede einzelne Zelle meines Körpers signalisiert Leere, nur mein Magen hält sich – wie meistens, wenn es nicht gerade halb 2 Uhr nachts ist – raus.