Brachland

Der Schlag in die Magengrube treibt mir die Luft aus den Lungen, so dass es nicht für mehr als ein lautloses Wimmern reicht. Mein Kopf dröhnt und ganz viel NichtGefühl verknotet sich zu maximaler Verwirrung, die mich in Ketten legt.
Etwas weint. Verzweifelt, unartikuliert. Kein Wunder, is es doch erst etwas älter als ein Jahr und Sprache ist noch so unbedeutend.
Wieder wird es abgewiesen. Wieder wird es nicht gesehen. Wieder wird es enttäuscht, weil es offensichtlich nichts zu geben scheint, was Beachtung verdient.
Und wieder ist Rot einfach nur so hilflos, dass sie Rosa und den Parasit – vorallem den Parasit – weiter anstachelt und um Sichtbarkeit bettelt.

Wieder stolpere ich über die Dinge, die ich nicht bekomme und nicht artikulieren kann, weil es doch keine Worte dafür gibt. Weil Sprache keine Bedeutung hat. Weil nur und ausschließlich Körperlichkeit zählt.

Ich will flüchten und mich unsichtbar machen, Kontakte beenden und dramatisch und blutüberströmt sein.

Reziprok

Der persistierende Ductus arteriosus zählt zu den angeborenen Herzfehlern. […] Kann der Verschluss nicht konventionell erreicht werden, wird eine invasive, operative Maßnahme nötig. Von 1938 (Robert Edward Gross und J. P. Hubbard) bis 2005 geschah dies mithilfe eines chirurgischen Eingriffs. Der Schnitt wurde an der linken Brustkorbseite zwischen den Rippen geführt, der PDA je nach seiner Form und Länge durch ein oder zwei Bändchen abgeschnürt und oft zwischen diesen Abschnürungen durchgeschnitten.

Quelle: Wikipedia



Vor wenigen Monaten erst ist sie ein Jahr alt geworden. Und nach einigen Arztbesuchen und besorgt klingenden Elternstimmen findet sie sich an einem Ort wieder, den sie weder versteht, noch leiden kann. Die Wände sind weiß und kahl, das Bett, aus dem nun ihre Welt – für immer? sie weiß es nicht – besteht, hat ein kaltes Metallgitter und außer Mama, Papa und ihrer Spieluhr aus Plüsch kennt sie niemanden.
Es geben sich zwar alle Mühe, lieb zu ihr zu sein, aber trotzdem wird sie mit Nadeln traktiert und auch der flehende Blick zu Mama, auf deren Schoß sie sitzt, bewahrt sie nicht davor. Sie bleibt tapfer und scheinbar macht sie das gut, bekommt sie doch Lob dafür. Das merkt sie sich.
Aber dann wird es Abend und Mama lässt sie allein an diesem gruseligen Ort weit weg von Zuhause. Sie weiß nicht, ob sie schläft oder bloß bis zur totalen Erschöpfung weint, aber am nächsten Tag ist Mama wieder da. Doch dann werden sie wieder getrennt, von diesen lieben gemeinen Menschen in Weiß, die sie in einen weiteren gruseligen Raum bringen und dann wird alles dunkel.
Als sie aufwacht, ist Mama da, aber sie fühlt sich komisch und versteht nicht, warum sie einen Verband und Schmerzen hat. Irgendetwas schlimmes muss passiert sein, und Mama umsorgt sie ganz besonders.
Dann wird es Abend und wieder muss Mama gehen. Wieder muss sie allein sein in diesem fremden Bett mit den fremden Leuten und den Schmerzen. Sie weint und es wird wieder Tag. Mama kommt zurück.
Viele unendlich scheinende Tage und Nächte gehen ins Land, Papa schaut ab und zu vorbei und auch die Omas. Alle sind irgendwie besorgt, aber auch glücklich. Sie fühlt sich am Tag ganz besonders lieb gehabt und nachts verlassen. Nichts davon versteht sie.
Dann kommt ein Tag, der anders ist. Sie wird ins Auto getragen, dass ein bisschen nach Zuhause riecht und Mama und Papa fahren los. Sie schläft, als hätte sie es wochenlang nicht getan.
Als sie aufwacht, ist sie zuhause. Endlich. Doch als es dunkel wird, kommen die Erinnerungen. Ans Alleinsein, an fremde liebe gemeine Menschen, an kahle Wände und Metallgitterstäbe. Sie hat große Angst und weint und schreit so laut, dass sie nicht hören kann, wie auch ihre Mama weint, weil Papa und Oma sie nicht zu ihr lassen wollen, weil sie lernen muss, dass sie auch weiterhin allein schlafen muss. Und sie lernt es.



Nicht jeder darf links von mir gehen. Schon garnicht jederzeit. Und falls doch, heißt das noch lange nicht, dass es morgen oder auch in 10 Minuten noch genauso ist. Wer aber – mindestens aktuell – links mal garnicht geht, ist mein Papa, wie ich kürzlich herausfand. Es ist schlicht nicht möglich.



An manchen Dingen könnte ich mir einen Knubbel essen. Sogar während Rosa ganz besonders restriktiv war. (Johannis-)Beeren gehen immer. Genau wie Äpfel, Zwetschgen, Blaukraut, grüne Tee, Kaffee oder – wenn auch nur in der nicht rosanen Theorie – Tempeh.
Durch Zufall stoße ich vor wenigen Tagen darauf, dass all das besonders viele Flavonoide enthält. Und Wikipedia sagt: Weiterhin stehen Flavonoide im Verdacht, zu einem vorzeitigen Verschluss des Ductus arteriosus zu führen.



Ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken