Hysterie

Der patriarchalgesellschaftlich vorinstallierte Keimling meines Selbstverständnisses ist wie zu erwarten beschämend gut mitgewachsen und trägt seine Früchte. Und auch, wenn ich ein paar Faule erkannt und reseziert habe, sind viele einfach derart verwoben mit meinem ganzen Sein, dass sie entweder nur mit großem Aufwand entfernt werden könnten oder sogar frei von jeder Infragestellung schlicht wuchern. Rosa mag dieses üppige Grün, weil es prima zum möglichst minimalistischen Ergebnis ihres Kontrollzwangs passt und zu widersprüchlich breitem in- wie externen Zuspruch führt, der nicht nur ihr schmeichelt.

Die als Akzeptanz getarnte Resignation gegenüber meiner mentalen Fluktuation manifestiert sich in anhaltender Therapiemüdigkeit und der Suche nach physiologisch beeinflussbare(re)n Faktoren, die gerade präperifuckmenopausal in Anarchie verfallen und dem wuchernden Ungetüm (siehe oben) als hochintensive Nährlösung dienen.

Der neonfarbene, penetrant blinkende Leuchtpfeil, der mein gesellschaftliches Stattfinden als Beendet erklärt, während mein Ablaufdatum gerade einmal Halbzeit ankündigt und eifrig ein Fähnchen mit der Aufschrift Feminismus! schwenkt, führt gemeinsam mit dem ganzen endokrinen Rotz zu Brainfuck, der seinesgleichen sucht.

Ich, weit entfernt von Erwachsen, in (m)einem einundvierzigjährigen Körper, der jetzt dann per Definition alt ist.

Lux

Es ist heller heute. Die Finsternis der letzten Tage war hart an der Grenze dessen, was ich zu ertragen noch bereit bin und schürt die Angst, den pharmakologisch möglichen Spielraum des Glüxbärchis irgendwann zu verlieren, weil ich nicht weiß, was ich dann tue. Also lautet mein Plan, noch eine Woche weiterzumachen und dann in Schritten auf die vorige Dosierung zu gehen – möglichst unbedunkelt. Und vielleicht sollte ich den Herrn Psychiater mal wieder treffen.

Devolution

Angesichts der mit SchwelBränden übersäten Welt scheint das halbleere Glas Wasser in meiner Hand gerade gut genug zu sein, mich – weder moralisch vertretbar, noch biografisch sinnvoll – multisubstanziell meinem Flauscheeinhorn zuzuwenden, wenn auch nur für einen Nachmittag*. Nun kraulen wir uns also gegenseitig das Fell und schauen rosa Wolken hinterher, aus denen Glitzerkonfetti auf den Boden der Tatsachen regnet und Regenbögen fangen spielen.

Frau Physio merkt beim letzten Termin für meine ausgesprochen lästige Schulterproblematik an, dass ich meine Watch vielleicht nicht ständig und nicht ständig rechts tragen soll, und auch wenn ich ihre Intention verstehe und sie vermutlich sogar sinnvoll sein könnte, frage ich mich, wie ich das genau machen soll. Denn dazu müsste ich das ja wollen und ich will das nicht wollen, weil dann keiner mehr meine Schritte zählt und ich es dann wohl selber tun müsste. Außerdem verbraucht Körper die Kalorien nur, wenn einer hinguckt, und so ein eifrig protokollierender Stalker am Handgelenk kommt da sehr gelegen. Außer an Tagen wie heute, bei denen die Prozentanzeige des Tagesziels thermalbadbedingt im unteren zweistelligen Bereich hängen bleibt und ich mich trotzdem fühle, als wär ich seit drei Tagen wach und ungleich länger durch Winterwälder gehetzt.

* Na gut, zwei Nachmittage. In Folge. °Und dein Wochenende so?°

Elegie

Tristesse kann wohl als definierendes Merkmal der aktuellen Lunation festgehalten werden, betrachtet man den mindestens zu zwei Drittel herrschenden Novembernebel und andere Dinge. Neben kopfschüttelndem Weltschmerz-möv´q ist Wetter-möv´q immerhin etwas, dem ich dank naheliegender Orogenese immerhin zeitweise entkommen kann, so dass nicht all meine Ressourcen dafür draufgehen, nicht draufzugehen.
Dabei ist es an Tagen wie heute, an denen die Hummeln in meinem Hintern das Aufheitern der hiesigen Beleuchtungssituation offensichtlich bedeutend eher ahnten und schon am Morgen ein nervöses, ungerichtetes Summen in Körper verursachten, eigentlich ja ganz okay, so mit Unbesiegbarkeitsüberzeugung durch die Gegend zu laufen – wäre da nicht auch Ratio, die meine Getriebenheit gerne sezieren würde, nur um mir dann das Ergebnis mit °kümmerDichdrum!° um die Ohren zu hauen. Dabei zeigt sie vorwurfsvoll auf das Resultat des nicht mehr so kürzlich stattgefundenen, intensiven und visuell aufwändigen schematischen Aktivismus und drängt auf Neufokussierung.

Friktion

Der nur euphemistisch sanfte Wink mit dem Zaunpfahl aus Rosas Richtung hallt noch Tage später nach. Ungeachtet des jüngst wieder einmal nicht vorhandenen Zyklus streicht sie umgehend alle leichtsinnig nicht abgewogenen Portionen Obst und die eine baumfrische Walnuss am Tag, denn schließlich können wir es nicht tolerieren, dass jemand anderes plötzlich abnimmt und dafür Bestätigung erhascht – selbst wenn es aus einem °hierWertungsneutralenMehrgewichtsbegriffEinfügen° heraus geschieht. Meine vermutlich als woke zu bezeichnende Weigerung, andere Körper aufgrund ihres Aussehens zu kommentieren, kollidiert mit gesellschaftlichen Erwartungen und erzeugt zusätzliche Dissonanz in meinem Innern.
Das gemeinsam anberaumte Mittagessen samt anschließendem kleinen Event mit ebenjener Gesellschaft werden – zumindest in Teilen – unmöglich und führen zu inneren Verstrickungen, die sich nicht in richtig und falsch aufdröseln lassen. In allen bisher denkbaren Szenarien biete ich Angriffsfläche, die intern oder extern angesiedelt ist und deren Auswirkungen auf mein derzeit vulnerableres psychisches Befinden nicht etwa ungewiss, sondern ganz sicher schadhaft ist.

Diametral

Wie zu erwarten zerschellen auch paternal adressierte ungestillte Bedürfnisse an der Realität eines – immerhin selbstfürsorglich aus dem (einseitig) geplanten Juni verschobenen – familiären Besuchs. Auch wenn ich mir Mühe gebe, mein Innenleben verständlich darzulegen, versickern die Informationen fast vollständig unkommentiert, so dass wir am Ende doch wieder bei reinem Austausch über die sichtbare Welt ankommen, der sich an der allgemeinen Introvertiertheit aller Beteiligten totläuft.
Verschwiegenheit auch über die Tatsache, dass auf ebenjene Verschiebung – aus Gründen! Genannten Gründen! – ein weiteres Erkundigen nach meinem Befinden schlichtweg entfiel und auf meine Unzuverlässigkeit, spontane fernmündliche Gespräche anzunehmen geschoben wurde – die AUS GRÜNDEN!!! manchmal oft schlicht weg nicht möglich ist.

argh.