Reminiszenz

Als ich mit Schatz bei ebenjenem Herrn Psychiater bin, der mich vor zwei Jahre mit seiner eher unterdurchschnittlich erfolgreichen Idee, das Glüxbärchi zu wechseln, in die Psychiatrie brachte, um bei ihm einen Termin zu vereinbaren, stellt sich meine Erinnerung an den Behandlungsraum wie vermutet als entfernt dar. Zwar war ich mir vorher schon ziemlich sicher, dass der Stuhl, auf dem ich damals saß, nicht in zehn Metern Distanz zu seinem Schreibtisch steht, sehe mich aber nun bestätigt – auch wenn sich das Bild in meinem Kopf dadurch keinen Millimeter ändert.

Nachdem das jetzige, psychiatriegetestete Glüxbärchi auch aktuell tut, was es soll – wenngleich auch mit etwas weniger Schmackes als am Anfang, was immerhin der Orgasmusthematik entgegenkommt – bedarf es neben einem neuen Rezept auch belastbarer Informationen zur längerfristigen Einnahme, auch wenn ich die in meinem Kopf – natürlich – bereits wieder zu relativieren beginne.

Pygmalion

Vor mir liegt ein Haufen Steine. Hinter mir ebenfalls. Ich weiß nicht, ob diese rein konstruktivistischer Natur sind oder (oder und?) ob ich sie mir selbst heimlich von hinten nach vorn in den Weg räume – beides führt aber dazu, dass ich mir schlicht nicht mehr über den Weg traue bei der Frage, ob der nicht nur berechtigte, sondern notwendige gelbe Schein von vergangenem Montag an dem Kommenden einer Verlängerung bedarf oder lediglich eine sommerliche Flause darstellt.

Auch wenn ein Teil meines Gehirns denkt, dass  es nur eine richtige Antwort auf die Frage nach °Montag wieder arbeiten, weil Funktionieren funktioniert schon oder lieber noch ne Woche Pause und Leben funktioniert mit etwas Glück auch wieder ein bisschen?° gibt, denkt ein anderer Teil, dass Erstgenannter bloß krankheitsgewinnorientiert Argumente konstruiert.

Lia möchte bitte aus dem Bällebad abholt werden.

Akkadese

Ich gehe ins Bett – nicht, weil ich müde wäre (weil, Dauerzustand dieser Tage), sondern weil der Tag bitte enden soll. Das weiß aber der Tag ja nicht, also geht er noch munter weiter und mein Kopf sieht sich angesichts der Tatsache einer bloßen Lageänderung noch lange nicht dazu bewogen, abzuschalten. Im Gegenteil, er nutzt die Reizarmut der Umgebung aus und füllt die Dunkelheit sehr ausgedehnt mit sehr vielen ausschließlich monochromen Möbius-Gedankenschleifchen, imperatives Verstrickungspotential inbegriffen.
Der Versuch, einfach positiv zu denken, fühlt sich auch am nächsten Morgen ziemlich gescheitert an, als ich die Rückenschmerzen, die mich nach zu langer Bettzeit aus dem Bett zwingen, als einzigen, aber immerhin vorhandenen Grund betrachte, aufzustehen.
Überfordert vom Inhalt meines Kopfs, der mich ununterbrochen mit Szenarien, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten bombardiert, frage ich mich, wer am Ende wen manipuliert und ob meine unausgesprochene, aber gelebte Weigerung weiterer Therapien am Ende nur ein Vorwand ist, um egoistisch und anders bleiben zu dürfen. Darunter mischt sich die Frage, ob und wie ich morgen – und den Rest der Woche – arbeiten gehen soll und was wohl noch so lustiges in meinem Kopf passiert, wenn ich es tue oder lasse oder ach ich weiß auch nicht.

Nexus

Das unstillbare Verlangen nach Erfüllung eines jahrzehntealten Bedürfnisses erstickt nicht zum ersten Mal in einem undurchdringlichen Netz an Oberflächlichkeiten, das Schicht um Schicht meinen Geist verklebt und es unmöglich macht, so etwas wie eine echte Verbindung aufzubauen. Stattdessen überfluten mich Reize und Emotionen, die nur zum Teil meine eigenen sind, weil meine Empathie bei familiären Sendern förmlich ausrastet und mich kaum atmen lässt.
Mein Fluchtreflex bettelt um Handlungsvollmacht, während mein Kopf sein Denken zu einem immer dichteren schwarzen Loch zusammen schrumpft, meine verbale Kommunikation auf ein Minimum zurück schraubt und Stacheln ausfährt, die nur denjenigen aufspießen, der sie am wenigsten verdient und am sichersten aushält.

°Es war eine sehr schöne Woche° schreibt sie. Aber sie war ja auch nicht in meinem Kopf.

Konfrontation

Ich könnte einen Laden aufmachen mit Schokonikoläusen, Nussmischungen, Pralinen und selbstgebackenem Stollen, die allesamt sicher kartoniert mindestens 700 Kilometer quer durch die Republik zurückgelegt haben, nur um dann in einer Schublade zu enden, die entweder Schatz nach und nach plündert oder deren Inhalt ihren Weg in die Firmenkaffeeküche finden wird. Fraglich ist, ob ich die gut gemeinte Geste meiner Eltern eher schätze oder hasse, aber ich tendiere zu letzterem, einfach aus Prinzip. Dass für mich heute einfach nur Sonntag und eine mehr als willkommene Anhäufung von Feiertagen ist, wird kaum eine Erwähnung finden im angedrohten fernmündlichen Austausch von Oberflächlichkeiten und der natürlich wichtigsten Frage überhaupt „und was gibt es bei euch heute?„, falls ich ihm nicht – zumindest heute – ganz aus dem Weg gehe, was am Ende dann trotzdem nur dazu führt, das sich der Tempus dieser alles entscheidenden Frage ändern wird.
Die derweil geplante innere Auseinandersetzung mit Gegebenheiten scheitert bisher am selbstgewählten audiovisuellen Reiz-Binge, so dass nur frustrierendes Meta-darüber-Nachdenken-dass-man-sollte übrig bleibt, sich aber nicht durchsetzen kann.

Suppenwetter

Ich fühle mich fiebrig und so müde, dass meine Augen unscharf sind. Beides wird weniger die Folge von zu wenig Schlaf, als von mangelhafter Energieversorgung sein, betrachtet man die im Mittel nur dreistellige Kalorienbilanz der letzten Tage. Gepaart mit der schneefallbedingten Zwangspause in Bezug auf die eigentlich wochenendüblichen ausgedehnten Spaziergänge meint Körper wohl, er bekäme nun tatsächlich eine Pause und fühlt sich trotz oder gerade wegen einem unausgedehnten Spaziergang und der Schneeschaufelei der letzten zwei Tage dazu berechtigt, herunterzufahren.
Immerhin aber scheine ich ihm die Idee, zu menstruieren, vorerst wieder abgewöhnt zu haben, so dass er mich zumindest bisher nicht mit den lästigen Begleiterscheinungen nervt.
Und natürlich kann ich den Schnitt dieser Woche nicht ruinieren, also fange ich – ganz bestimmt – morgen an, Körper wieder mit mehr Energie zu versorgen.