Mein roter Faden

Unter einem roten Faden versteht man ein Grundmotiv, einen leitenden Gedanken, einen Weg oder auch eine Richtlinie. „Etwas zieht sich wie ein roter Faden durch etwas“ bedeutet beispielsweise, dass man darin eine durchgehende Struktur oder ein Ziel erkennen kann.

Quelle:Wikipedia

Der rote Faden, der sich durch meinen gerade geschriebenen Entwurf für einen Blogbeitrag zieht, ist nicht erkennbar. Er dreht sich um Rückenschmerzen, einen vielleicht bevorstehenden Hexenschuss, Pflichtbewusstsein und irgendetwas kaputt gegangenes bei der Katastrophe vor über 7 Monaten, was sich nicht reparieren lassen will und dazu führt, dass ich jeden Tag weniger Lust auf meine Arbeit habe. Aber auch um wieder allmorgendliche Gedanken an Selbstverletzung, hypothetische Gefühle, Angst und Hoffnung.

Der rote Faden, der sich durch mein Leben zieht – mein roter Faden – dagegen ist wunderbar erkennbar, weil sich vor über 7 Monaten zusätzlich die Katastrophe dort herumgewickelt hat. Und sie ist jeden einzelnen verf*ckten Tag so präsent, als würde sich der Faden heiß glühend in meinem Gehirn in jede einzelne Windung brennen, tiefer und tiefer.

Das Gras wächst immer höher
und du beißt fast hinein

Enno Bunger

In etwas über einem Monat löst sich – vielleicht, ganz vielleicht, hoffentlich vielleicht, bitte bitte vielleicht – die Katastrophe wieder vom Faden. Dann muss ich schauen, was davon noch übrig ist.

 

So oder so

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Gestern.
Ich wache auf, erinnere mich an anstrengende Träume. Mir fällt ein, dass Silvester ist, denke an meinen Plan, spätestens Mitternacht betrunken zu sein und verspüre den Wunsch, mich zu verletzen.
Ich stehe auf und denke, dass das nicht mein Tag wird. Weine fast, grundlos.
Es stresst mich, dass es am Abend beim Raclette so viel zu Essen geben wird, nehme mir aber vor, sehr kontrolliert fast nur Gemüse zu essen. Wir müssen noch viel vorbereiten, und so stürze ich mich dort hinein und stelle im Laufe des Tages fest, dass der Tag garnicht mehr so schlecht ist. Die Ablenkung tut gut – trotzdem muss ich vorm Fahren einem Impuls folgend meine Rasierklinge zurück in meine Handtasche schmuggeln.
Am Abend fahren wir unsere Wagenladung Zutaten zu Freunden und haben am Ende absurd viel Essen auf dem Tisch der Gartenhütte stehen. Ich esse Gemüse und nur wenig andere Sachen, bis ich angenehm satt bin – und esse weiter, bis ich am Ende Magenschmerzen bekomme. Ich gehe zur Toilette mit dem festen Vorsatz, zu erbrechen, lasse es dann aber doch sein, weil ein Teil von mir es für eine sehr blöde Idee hält.
Eine halbe Stunde später knie ich vor dem Klo und stecke mir den Finger in den Hals – nur, um wieder einmal festzustellen, dass ich nicht kotzen kann. Alles bleibt, wo es ist und ich fühle mich grauenvoll.
Ich hoffe, dass es mir mit meinem selbstgemachten Schnaps mit wirklich viel Alkohol zumindest egaler wird. Vermutlich liegt es an meinem übervollen Magen, dass ich genau nichts vom Alk merke und mich nicht einmal beschwippst fühle.
Als wir um halb 3 ins Bett gehen, fühle ich mich immer noch wie ein Walross.

Heute.
Es ist 8 Uhr, als ich von allein aufwache und mir blutende Arme wünsche. Mein Bauch fühlt sich noch genauso voll an wie in der Nacht und mir ist schlecht.
Ich stehe auf und denke, dass das nicht mein Jahr Tag wird.
Die Morgensonne scheint durch eine Wolkenlücke über den Bergen, Schatz und ich gehen schnell raus und machen ein paar Fotos, bevor die Lichtstimmung sich in Grau verwandelt, weil sich die Lücke schließt. Die Luft ist angenehm.
Vielleicht wird das Jahr der Tag doch okay?


Gestern.
Trotz komischer Träume habe ich ganz ok geschlafen. Wir haben heute noch viel vor, Vorbereitungen für das Essen heuteabend. Kurz nach meinem Frühstückskaffee fange ich an und merke, wie gut mir die Ablenkung tut. Es wird ein angenehmer, irgendwie kurzweiliger Tag und als wir am Abend zu Freunden fahren, habe ich fast so etwas wie gute Laune.
Wir sitzen in gemütlicher Runde zusammen und essen – es schmeckt fantastisch. Ich esse mehr als sonst, aber ich weiß auch, dass es okay ist, weil es ein besonderer Abend ist und ich auch mit einemgefühlten zu viel wahrscheinlich nicht auf meinen eigentlichen Kalorienbedarf komme. Dass ich Magenschmerzen bekomme, finde ich allerdings wirklich ätzend – aber mindestens genauso, dass ich mich hinterher dazu hinreißen lasse, zumindest zu versuchen, es wieder auszukotzen.
Wir verbringen einen lustigen Abend und als wir ins Bett gehen, denke ich, dass es mindestens ein okayer Tag war.

Heute.
Es ist 8 Uhr, als ich von allein aufwache und ganz froh darüber bin, weil ich dann heuteabend wahrscheinlich gut einschlafen kann. Ich stehe auf und bin erstaunt, dass die Sonne durch die Wolken leuchtet – könnte ein guter Tag werden!

Licht ist, wenn man keins hat, ist es dunkel

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… hier sitze ich, Beine baumelnd, abwartend. Nichts zu fühlen ist die einzige Option, die mich so etwas wie aufrecht hält. Ich habe Angst. Angst, dass sich doch eine Träne an meiner Mauer aus Gefühllosigkeit vorbei schleicht und mich vorher zusammenbrechen lässt. Angst, mich zu verletzen, um den Druck umzulenken, weil es mich – vielleicht – etwas fühlen lässt und meine Mauer einreißt. Mit einer Klinge in der Hand wäre das keine gute Idee. Nein, ganz und garnicht.

Ich fühle mich wie bin ein Zombie, darauf wartend, dass es Mittwoch wird. Der Tag. Der Tag, an dem sich entscheidet, ob Schatz und ich damit beginnen können, die Scherben unseres Lebens wieder zusammenzusetzen, oder ob jemand nochmal mit der Planierraupe drüberfährt. Der Tag, von dem ich nicht weiß, wie ich es bis dahin schaffen soll. Der Tag, an dem ich zusammenbrechen werde, egal, wie es ausgeht.

Ich kann nicht mehr. Ich rede nicht. Ich fühle nicht. Ich funktioniere nicht und versuche, nicht nachzudenken. Ich lenke mich ab, stoße Menschen vor den Kopf, habe keine Ahnung, wie ich Montag und Dienstag arbeiten soll und strauchle heimlich vor mich hin.

Verletzungen

Ich

Es war eine Ausnahmesituation, in der ich mich das letzte Mal geschnitten habe. Über ein Jahr war ich vorher ohne, auch wenn es nicht immer einfach war, es wirklich zu bleiben. Seither bin ich wieder ohne – seit 5 Monaten und 2 Tagen. Auch das war nicht immer einfach.

Mama

Vor ein paar Wochen war ja meine Mama zu Besuch. In ihrer FeWo verletzte sie sich aus Versehen an der Ferse, so dass wir sie an den folgenden Tagen mit Wund- und Heilsalbe etc. versorgten. Sie wurde, als sie dann wieder daheim war, sogar noch einige Tage krankgeschrieben deswegen, weil eine Entzündung drohte.
Heute habe ich ein Bild und eine Sprachnachricht per WhatsApp von ihr bekommen. Ihr Finger ist dick einbandagiert, weil sie sich die halbe Fingerkuppe beim Gemüse schneiden fast abgeschnitten hat. Sie war in der Notaufnahme deswegen, und dort wurde die Kuppe angetaped, in der Hoffnung, dass sie wieder anwächst.

Ich

Niemand fragte mich während der ganzen Zeit, die seit der Katastrophe vergangen ist, wie ich in Hinblick auf die SV-Problematik damit zurecht komme oder gar, ob ich mich verletzt habe. Auch Mama nicht. Gerade Mama nicht.

Natürlich habe ich Mitgefühl mit Mama. Die Ferse war doof, die Fingerkuppe auch, und beides tut sicher scheiße weh. Trotzdem frage ich mich, warum sie beides so offensiv an mich kommuniziert, und wie ich darauf angemessen reagieren soll. Und warum es mich irgendwie aufregt…
„Hallo Mama, ach wie doof, das tut ja schon beim anschauen weh! Hoffentlich gehts dir schnell wieder gut! Ach übrigens, weil du gerade nicht fragst, meine fette, große Narbe am Bein von meiner letzten Selbstverletzung ist prima abgeheilt!“ Ähm, nein.

(Nicht) sorry für den heute schon dritten Beitrag. Ist ja mein Blog. Also darf ich das.

Fremdbild|Selbstbild

Aber was man im Inneren ist, zählt nicht. Das was wir tun, zeigt, wer wir sind.

Batman begins

Ist das so? Zählt nur das, was ich tue? Oder ist es nicht vielmehr eine Frage der Perspektive – aus der Sicht der Anderen mag das zutreffen. Aus meiner nicht.

Die Anderen: meine Arbeitskollegen

Sie sehen eine – meistens – selbstbewusste, verständnisvolle, etwas nachgiebige, aber immer kompetente und umgängliche Kollegin und Vorgesetzte, die lösungsorientiert handelt und nicht weniger als 100% gibt.

Die Anderen: meine Familie

Sie sehen eine stille, unauffällige und zurückgezogene Tochter/Nichte/Cousine/…, die nur selten Schwächen zugibt und lieber nichts als das Falsche sagt. Die sich lieber nicht meldet, als negativ aufzufallen.

Die Anderen: meine (wenigen) Freunde

Sie sehen mich – selten. Als was? Keine Ahnung.

Die Anderen: mein Mann

Er sieht mich als das, was am ehesten dem nahekommt, was ich bin. Liebe- und Harmoniebedürftig, verletzlich, instabil, nachdenklich, nicht gesund.

Die Anderen: meine Therapeutin

Sie sieht mich als reflektierte, motivierte, ein wenig außergewöhnliche, etwas zu stille, aber sehr beflissene Patientin, die während der Therapie riesen Fortschritte gemacht hat und stolz auf sich sein kann. Als jemand, der auf dem besten Weg zu einem gesünderen, zufriedeneren Leben ist und als jemand, der bloß aus Appetitlosigkeit von Termin zu Termin dünner wird.

Ich

Fühle mich, als würde ich mich bloß anstellen, reinsteigern, Probleme haben wollen, als wäre ich aufmerksamkeitsgeil, unsicher und ungenügend. Als hätte ich nur Mini-Schritte in der Therapie gemacht. Als Lügnerin, weil ich Schatz und Frau Therapeutin im Brustton der Überzeugung sage, ich wolle nicht weiter abnehmen (und das berauschende Gefühl der Kontrolle nichtmal erwähne) und natürlich weder an SV noch an ein Ende denke. Oder daran, mich irgendwie zu berauschen.

Ich, die ich an mir selbst und am Leben manchmal mehr, selten weniger,verzweifle. Ich, die ich meine Klinge nicht wegschmeißen kann. Ich, die ich – erst in letzter Zeit, aber dennoch – zu oft etwas trinke. Ich, die ich – erst in letzter Zeit, aber dennoch – zu selten etwas esse. Ich, die gerne einen Unfall hätte. Ich, die gerne jemand anderes wäre.

Ich bin nicht das, was die Anderen sehen. Aber zählt es?