Aufgabe

Sie wirkt wie ein zugleich bockiges und ängstliche Kind, als ich Rosa* an der Hand hinter mir her ziehe. Sie schlurft mit einer an Resignation grenzenden Gleichgültigkeit dahin, weil sie mit mir zu Frau Ernährungsberaterin muss, aber nicht will.
Ich will auch nicht, aber das sage ich ihr nicht.

Ich nehme Platz, Rosa bleibt natürlich lieber stehen. Als gleich ganz zu Anfang Worte fallen wie „sehr deutliches Untergewicht“ und „Sie könnten umkippen“, findet Rosa das ganz hervorragend und strahlt selig. Ich funkele sie möglichst finster an, aber das ignoriert sie entweder, oder sie durchschaut mich längst. Stattdessen setzt sie sich kurzerhand zufrieden auf meinen Schoß. Ich nutze die Chance und halte sie fest, aber sie fängt sofort zu strampeln und zu quengeln an. Ich halte ihr den Mund zu. Rede mit Frau Ernährungsberaterin über mögliche (Wochen-)Ziele und dass weniger Sport eines davon sein könnte. Rosa beißt mir in die Hand und schüttelt so heftig den Kopf, dass mir schwindelig wird. Ich kann ihr vor Frau Ernährungsberaterin schlecht zustimmen, auch wenn ich das bei der Absurdität dieses Zieles gerne würde, als halte ich sie weiter fest und tue so überzeugt, wie ich es nur irgendwie zustande bringe.

Weil sie zu strampeln aufhört, lasse ich Rosa los. Das nutzt sie, um mir nun all ihre Befürchtungen in Endlosschleife ins Ohr zu flüstern, so dass ich den Ausführungen von Frau Ernährungsberaterin kaum noch folgen kann. Sie sind mir auch ziemlich egal, weil Rosa mit den meisten allen Dingen Recht hat. Nicht nur, dass ich Fett werde, sondern auch plötzlich Zeit hätte, über Dinge nachzudenken, über die ich nicht nachdenken will, oder noch schlimmer, etwas zu fühlen, was nicht gefühlt werden sollte. Als ich einen Teil davon laut äußere, tritt sie mir zu Recht vors Schienbein. Dummes Ich.

Am Ende halten Rosa und ich uns gegenseitig fest und ich hoffe, eine halbwegs überzeugende Darbietung meiner geheuchelten Motivation abgeliefert zu haben. Den nächsten Termin vereinbare ich so spät wie möglich und habe jetzt schon keine Lust darauf.

Ich weiß nicht, wer wen stützt, als wir die Praxis verlassen und uns heimwärts schleppen, ausgelaugt von so viel Inszenierung und innerem Widerstand. Ich habe schon fast wieder vergessen, was ich alles tun soll, aber nicht tun will.
Ich weiß nur, dass ich Rosa meiner Mama vorstellen muss, wenn wir uns nach über einem halben Jahr in wenigen Wochen wiedersehen. Und bis dahin sind unsere Wochenziele das, was zählt.

*so werde ich die Essstörung künftig nennen, habe ich beschlossen

Peripherie

Ich frage mich, was unter all dem Nichts so rumliegt und Staub ansetzt. Aber es ist, wenn überhaupt, nur ein geheucheltes Interesse, denn eigentlich ist es mir ziemlich sehr egal. Der Berg Nichts wird jedenfalls täglich höher, aber das sieht keiner, weil das nunmal in der Natur des Nichts liegt.

Die Woche habe ich wieder einmal auf der Überholspur verbracht, auf dem Zahnfleisch kriechend. Wartend – hoffend – auf den finalen Zusammenbruch, den mir mein Körper vehement verweigert und stattdessen weiter munter vor sich hin funktioniert. Wenn auch mit Abstrichen, so dass ich mitunter allein zu Atmen als unzumutbare Belastung empfinde. Gezeigt wird das natürlich niemandem, der Berg Nichts eignet sich da prima als Versteck für alles.

Während Schatz und andere auf meine Vernunft – und die Ernährungsberaterin – vertrauen, kürze ich unbemerkt meinen Ernährungsplan, beschließe, auch weiterhin keine Therapeutentermine und stattdessen Sport zu machen, verschiebe die EB-Termine, würde am liebsten alles hinschmeißen und mir mit Alkohol und einer Rasierklinge mal wieder einen richtig schönen Abend gönnen.

Ratlosigkeit macht sich breit, wenn ich so mein Leben betrachte, aber mehr als ein Schulterzucken habe ich nicht übrig dafür. Zu anstrengend. Zu egal.

Abgetötet

Kürbissuppe antworte ich auf die Frage meiner Mutter, was es denn heuteabend zu essen gibt. Und was machst du da rein? Jetzt stehe ich ernsthaft auf dem Schlauch. Kürbis?! sage ich, irritiert. Ein kleiner Vortrag über Fett und Nährstoffaufnahme folgt, aber ich höre nicht zu, weil ich darüber nachdenke, dass es eine blöde Idee war, heute mit ihr zu telefonieren. Viel zu oft landet unser Gespräch beim Essen, und ich habe keine Lust, darüber zu reden. Besonders nicht heute. Besonders nicht mit ihr, die sie nur die Hälfte von alldem weiß und nur einen Bruchteil versteht, was sich auch darin zeigt, dass sie mich fragt, ob denn mein Zyklus schon wieder da sei – Anfang der Woche schrieb ich noch, dass ich weiter abgenommen habe. -.-

Rückblende: Schatz und ich fahren einkaufen, machen noch Abstecher zum See, fotografieren. Irgendwann geht mir der Dampf aus (*sarkasmusein* als wenn vorher noch welcher da gewesen wäre *sarkasmusaus*), also bleibe ich beim zweiten Seeabstecher zwischen Einkauf 1 und Einkauf 2 im Auto. Mein Puls… ist wohl trotzdem mit zum See oder so, denn er sieht sich nicht in der Pflicht, sich besonders zu verausgaben. Es werden wohl so gerade eben 40 Schläge sein, und so fühle ich mich auch.
Tatsächlich schaffe ich es irgendwie, auch Einkauf 2 senkrecht zu überstehen, aber zum Reden fehlt mir jegliche Kraft. Daheim mache ich mir Frühstück, danach wird es etwas besser. Allerdings ist besser in der aktuellen Phase Welten entfernt von gut, also ist das eine sehr relative Einschätzung. Trotzdem räume ich am Nachmittag noch wie vorgenommen die Küchenschubladen auf und rufe sogar proaktiv meinen Papa an, der entweder tatsächlich noch nichts von der ES weiß, oder zumindest erfolgreich so tut und nicht über das Thema redet.

Ich will nur schlafen, meine Muskeln bitte nicht bewegen müssen. Über dem – bei jedem Mal intensiver werdenden, wenn es mich denn überkommt – Gefühl der Erschöpfung schwebt seit Tagen die Frage, wo denn eigentlich meine Emotionen hin sind. Bei mir sind sie definitiv nicht. Da ist einfach nur nichts, es gibt kein gut oder schlecht, nur ein Fragezeichen und Erschöpfung vs. Funktionalität.

Vielleicht hab ich sie beim Sport vergessen. Schau ich morgen mal nach. Sicherheitshalber.

Kluft

Es ist 4.26 Uhr, als ich aufwache. Es ist Freitag und ich habe frei, also drehe ich mich rum und schlafe nach einer Weile wieder ein.
Es ist nicht allzu viel später, als ich erneut aufwache und mich frage, warum eigentlich, denn ausgeschlafen bin ich definitiv nicht. Ich beobachte, wie so oft in letzter Zeit, meinen Puls und stelle fest, dass er wohl eher < 40 liegt. Ich schlafe wieder ein.
Wieder wache ich auf. Und was schon die Male zuvor eher unbewusst wahrgenommen wurde, rückt ins Bewusstsein. Kurzatmigkeit. Sie hat mich aufgeweckt – und wird es zwei weitere Male tun, bevor ich dann doch aufstehe. Mein Körper will Sauerstoff, den mein langsames Herz scheinbar gerade nicht in ausreichender Menge zu transportieren bereit ist.

Nachdenken. Feststellen, dass die Entfernung zwischen Körper und Geist, zwischen Denken und Fühlen, einfach riesig ist. Ich schaffe es nicht, den ganzen Körperkram auch nur ansatzweise mit der Essstörung oder mit mir in einen gemeinsamen Kontext zu setzen. Rational, ja. Aber das ist so oberflächlich, so entfernt, dass es garnichts miteinander zu tun haben kann. Geschweige denn mit mir.

Sollbruchstelle

Das Gespräch beim Arzt zu rekonstruieren fällt mir schwer. Ich weiß nur, dass 800g weniger auf der Waage stehen wie noch vor einer Woche, mein Puls viel zu oft bei gemessenen 43 und vielleicht ungemessen auch schon bei weniger war. Er redet von einem weiteren Kontroll-Termin nächste Woche und davon, dass ich mit kindlicher Neugier austesten könnte, wie ich die Kontrolle aufs Zunehmen ummünzen soll, wobei er irgendwie ratlos wirkt und stationär im Nebensatz erwähnt, was mich nur noch mehr in zwei Hälften zerreißt innerlich.

Frau Ernährungsberaterin wie auch Herrn Doktor nicke ich nur zustimmend zu, als es um die therapeutische Unterstützung geht, bei der ich dieses und jenes ansprechen soll. Dass ich dort alle vereinbarten Termine fürs neue Jahr abgesagt und keine neuen ausgemacht habe, lasse ich unter den Tisch fallen, zusammen mit meiner täglich stärker werdenden Therapiemüdigkeit.

Schatz sagt, er sorgt sich um mich. Fragt mich, wie er mir helfen kann. Herr Doktor fragt, wie Frau Ernährungsberaterin zuvor, worum es denn beim (Nicht-)Essen gehe.

Es geht um Kontrolle. Es geht um Sicherheit. Und um rein garnichts, was ich in Worte fassen könnte. Ich stehe nur vor einem Wust von Irgendwas und fühle mich ähnlich ratlos wie meine Umwelt. Ich weiß es. Nicht. Ich fühle es. Nicht. Ich denke es. Nicht. Ich spüre es. Nicht. Ich will es. Nicht.

Ich hasse es, dass ich mich selbst retten muss und das auch noch ganz genau weiß. Dass da kein Ritter kommt, und auch stationär nur eine Seifenblase ist, die im ersten Augenblick so verlockend hübsch aussieht, dann aber doch am Ende platzt und ich wieder auf dem Boden der Tatsachen lande – hart.

Schatz sagt, er will nicht, dass ich Hops gehe, und darin steckt in der als leicht und scherzend angedachten Tonlage so viel Angst, dass es mich fast zuschnürt. Ich gehe nicht Hops! sage ich zur Beruhigung im überzeugendsten aller mir möglichen Tonfälle – und denke, dass das so schlimm aber auch nicht wäre.