Brüchig


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Sie fühlt sich wie eine Schnecke. Aber anders als bei normalen Schnecken ist ihr Häuschen festgenagelt, und es zu verlassen wird durch die viele Zeit, die sie nun schon gezwungenermaßen darin verbringt, nicht leichter. Im Gegenteil, sie liebt ihr Häuschen und die Sicherheit darin von Tag zu Tag mehr. Die Berechenbarkeit. Die Zweisamkeit, die Einsamkeit. Der wohl dosierte digitale Kontakt, der etwas unverbindliches und leichtes hat, weil er sich ebenso gut kontrollieren wie ignorieren lässt.
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Buchstaben, die ebenso den Inhalt von Gedanken wie Bücher befüllen, tanzen vor ihren Augen wie Glühwürmchen umher und geben weder im Innen noch im Außen einen Sinn. Je mehr es sind, desto weniger will sie sich damit befassen. Bücher verstauben, Zeitschriften stapeln sich zu nur zur Hälfte gelesenen kleinen Türmchen und Gedanken bleiben unvollendet.
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Zu Glas erstarrte Tagesabläufe lenken sie und lassen keine Abweichungen zu. Sie sind scharfkantig und kalt, aber der Druck, den sie beim Hindurchgehen erzeugen, hält sie warm und gleicht einer Umarmung.
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Rosa als selbstverständliche Begleitung an der Hand kann sie es nicht verantworten, sie dieser Gefahr auszusetzen. Also sucht und erfindet sie Gründe. Manipuliert. Verschiebt, damit es nur nicht morgen ist. Jederzeit, aber nicht morgen.
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Strömung

Genau genommen wäre wohl schon vorgestern der letzte Tag des auf nicht genauer als „Ende April“ definierten Zeitfensters gewesen, um mich bei Frau Ernährungsberaterin mit einer Entscheidung zu melden, wie es denn nun weitergehen soll mit uns. Also Frau Ernährungsberaterin und mir. Oder Rosa und mir. Oder uns allen dreien. Wobei, letzteres wohl eher nicht, so fragend, wie Rosa beim letzten Wort eine Augenbraue hebt.

Seit Anfang dieser Woche schleiche ich um mein Email-Postfach herum, in enger werdenden Kreisen zwar, aber nach wie vor in sehr großzügigen. Außer Frage steht, dass ich ganz sicher nicht anrufen und meinen derzeitigen Unwillen, mit Routinen zu brechen, auch noch in Gesprochenes verwandeln werde. Dann lieber geschrieben Worte raussenden und die Augen möglichst lang vor der Antwort verschließen, mir Szenarien ausmalen und diese dann gemeinsam mit Rosa beim Sattessen an Instagram-Foodporn unter den Krümeln begraben.

Schatz speise ich derweil bei seinen nur zögerlich drängender werdenden Fragen mit einer choerografisch anspruchsvollen Mischung aus Nicken, Schulterzucken und Rumdrucksen ab, zu der sich gemurmelte Laute mischen, deren nähere Interpretation ihm überbleibt.

Nur wenige Gedanken habe ich seit dem letzten Gespräch mit Frau Ernährungsberaterin in eine tatsächliche Entscheidungsfindung investiert, war doch schon damals klar, dass da ein viel zu großes ichwillnicht vor dem klitzekleinen ichsollteaberweilesvernünftigwäre steht und von Rosa nicht nur mit Krallen verteidigt wird. Auf der wenig ambitionierten Suche nach Gründen, die für den anstrengenderen der zwei vor mir liegenden Wege sprächen, finde ich nichts außer Gleichgültigkeit und einem fernen Sehnen nach mehr, ohne eine Definition desselben.

Sog

Aufstehen. Warum eigentlich? Der Sinn erschließt sich mir nicht so recht. Genausowenig, warum ich Montag schon wieder arbeiten muss – habe ich doch nach meinem Urlaub schon zwei Tage, reicht das nicht?

Meine Tageskalorien bewegen sich seit ca. zwei Wochen wieder auf Prä-Ernährungsberatungs-Niveau, dazu fünf Mal die Woche Sport. Findet mein Körper nicht so super, sagt er und erzeugt schon nach dem Aufstehen eine nahezu unüberwindbare gravitative Kraft in Richtung Sofa und allen anderen sich bietenden Sitzgelegenheiten.
Rosa zeigt sich dagegen ziemlich zufrieden, weil nur diese Form der Erschöpfung die Untätigkeit beinahe entschuldbar macht.

Der zwischenzeitliche Gedanke, alles rund um die Essstörung die alle meinen, die ich habe, mal genauer aufzudröseln, zerschellt am Energiedefizit und liegt damit neben allen anderen Aufgaben, die ich heute nicht erledigen kann, auf einem größer werdenen Haufen. Ich sollte die Unterlagen von Frau Ernährungsberaterin dazu legen und ihn einfach anzünden, dann wäre mir wenigstens warm.

Kartenhaus

Das Telefon klingelt. Ich möchte nicht rangehen, aber Schatz ist etwas zu früh aus dem Garten zurück und erwartet genau das von mir, also tue ich es, aber nicht ohne mich zwei Räume und zwei geschlossene Türen weit weg damit zu verkriechen.

Eigentlich kam es mir sehr gelegen, als gestern Frau Ernährungsberaterin schreibt, dass wir den von mir unter Ausreden auf heute verschobenen Termin auch telefonisch abhalten können. Fast zwei Monate haben wir uns nicht gesehen und gesprochen, ich habe getroffene Vereinbarungen nicht eingehalten und mir trotzdem eingeredet, dass ich eigentlich gar nicht so bin.
Letzte Nacht habe ich kaum geschlafen, was nicht nur daran liegt, dass vorgestern mein letzter Urlaubstag war, sondern auch an Rosa, mit der ich stundenlang überlege, was wir Frau Ernährungsberaterin dann heute erzählen. Oder ob wir nochmal Ausreden für eine erneute Verschiebung suchen. Oder gleich sagen, dass wir keinen Bock mehr auf sie haben. So gar keinen.

Als ich mich endlich entscheide, den Termin heute abzusagen, ist es bereits 10 vor. Zu spät. Also entscheide ich, den Anruf einfach ins Leere laufen zu lassen und Schatz irgendwas zu erzählen. Nunja – siehe oben.

Ich nenne ihr mein – verursacht von den wenigen Hormonen, die noch übrig sind und zwar nicht für eine Menstruation, aber immerhin für einen zyklisch schwankenden Körperwassergehalt reichen – Höchstgewicht der letzten Wochen als mein aktuelles und lasse dabei außen vor, dass ich diese Woche einen neuen Tiefststand erreicht habe.
Ich berichte von Zwischenmahlzeiten und erwähne dabei nicht, dass sie nur noch auf dem Papier existieren.
Ich rede von Kalorien- und Portionsgrößen, die sich in Wirklichkeit den Platz mit den Zwischenmahlzeiten teilen.
Ich erzähle vom geschlossenen Fitnessstudio und nicke ins Telefon, als sie mir für wenig bis keinen Sport und leichte Zunahme Zuspruch gibt und verschweige dabei, dass ich mit 5 Mal pro Woche sogar noch öfter und intensiver Sport mache als vorher.

Für nächste Woche vereinbaren wir einen weiteren Termin, weil sie mir noch Unterlagen per Post zuschicken möchte und ich von morgen bis Montag ein Essprotokoll faken führen und per Mail an sie senden soll.

Ich halte Rosa fest an der Hand, und sie mich. Wir Zwei gegen den Rest dieser verrückten, durchgeknallten, kaputten und sinnlosen Welt. Schatz darf an die andere. Aber nur, wenn er Rosa nicht im Weg ist.

Freischwebend

„Wie ist denn dein Körpergefühl?“ fragt Schatz. „Er ist halt da“ erwiedere ich, lasse die Frage so im Endeffekt unbeantwortet und schicke Schatz mal wieder – wie fast immer in letzter Zeit – auf Distanz.

Social distancing? Kann ich. Übe ich jeden Tag, auch an mir selbst. Der Körper macht halt, was er soll. Ist eine Notwendigkeit zur Existenz, auch wenn ich mich zur Gänze kontaktlos fühle. Aber nicht nur zu ihm, auch zu allem anderen. Nirgends ist eine Verbindung vorhanden, alles ist abstrakt und ewig weit weg. Ich bin auf einen winzig kleinen Punkt in meinem Kopf geschrumpft, gekettet an selbst auferlegte Regeln und Routinen, die nicht hinterfragt werden.

(Körperliche) Nähe ist eine nicht näher definierte Bedrohung und bestenfalls lästig, Kontakte werden so oberflächlich wie möglich gehalten. Der winzige Teil in mir, der sich nichts mehr wünscht als Halt und Wärme und Tiefe, wird negiert, sobald er sich auch nur ansatzweise zeigt.

„Ich habe das Gefühl, Du verneinst Dich andauernd selbst?„
„Ich frage mich, ob die Ernährungsberatung wirklich das Richtige ist, oder nicht doch mehr nötig wäre?„
Zwei weitere Sätze von Schatz aus dem Gespräch. Beide bleiben – auch im Innen – unbeantwortet.

Nichts hören. Nichts sehen. Nichts sagen. Nichts denken.