Parasit

°Triggerwarnung°

Etwas zerrt in mir. Reißt voll verzweifelter Gewalt an der Kette, die es halten soll. Es windet sich unter meiner Haut, in meinen Knochen und wühlt sich durch nassrote Gedärme. Drängt sie beiseite, martert mich und sich, weil es irgendetwas will. Die einzige Artikulation besteht aus verzweifeltem Aufheulen und einem seltsam sehnenden, mehr spür- als hörbaren Knurren. Tief. Voller Vorwurf und Lust. Und unendlich gequält.
Es zerreißt mich im Innen, minutiös, und schlägt scharfe Klauen in Empfindlichkeiten, Fangzähne in nackte NervenEnden. Es kämpft und gräbt sich durch Unbewusstes, getrieben von uralten Instinkten, die sich jeder Logik, jeder Beschreibung entziehen.
Ich bin verloren.

Visite. Blutbildbesprechung. Hämoglobin und Hämatokrit kratzen am Rande einer schweren Anämie.
Irgendwie kann ich mich rauswinden, aber mein Kopf packt umgehend seine Instant-Hüpfburg aus und schmeißt alle Gedanken, die er gerade so findet – und das sind echt viele – ungefragt dort rein.
Irgendetwas reitet mich nur Minuten später, eine kurze Mail mit der tatsächlichen Ursache an den Stationsarzt zu schreiben. Chefarzt und Frau Bezugseinzeltherapeutin werden informiert. Letztere treffe ich wenig später zum Einzel und ich sehe und höre ihr an, wie sehr sie mich nicht darauf ansprechen will, aber muss. Aber weil Frau Bezugseinzeltherapeutin Frau Bezugseinzeltherapeutin ist und nicht Herr Vertretungseinzeltherapeut, der mich zweifelsohne zerlegt hätte, winde ich mich erneut heraus und in großen Bögen um mich herum, ohne wirklich etwas zu sagen. Eine weitere Diffusität, die kaum noch auffällt in all den konstruierten Gebilden um mich herum und die ich manchmal fast selbst glaube.

Pazifismus

Diese Sekundenbruchteile, in denen alles nicht nur einfach, sondern auch noch möglich scheint. In denen alles einen Sinn ergibt und ich zu allem bereit bin. Zu leuchten erscheint ebenso denkbar wie zu verglühen. Beides wäre grandios absolut und absolut grandios.

Rot steht vor mir. Ihr heißer Atem dampft mir wenig Corona-konform ins Gesicht und ihre Augen brennen mir ein Loch ins Gehirn. Sie will sich prügeln, sie will rennen, sie will schreien, bis mein Hals, meine Füße und der ganze Rest bluten. Ich gebe ihr ein Kissen in die Hand und erlaube ihr, damit das Bett zu verprügeln. Sie lacht mich aus. Fragt mich, ob ich noch ganz dicht bin. Ich zucke nur hilflos mit den Schultern und verweise auf Frau Bezugseinzeltherapeutin, deren Vorschlag es war. Ihre Schuld, nicht meine.
Rot sucht sich imaginäre Streitpartner, die sie sehr ausführlich zur Schnecke machen kann und wirft ein, dass noch Rasierklingen im Schrank sind. Ich werfe ein, dass ich das schon ziemlich genau weiß, aber ich ihr einen Spaziergang anbieten kann, trotz erst vor wenigen Minuten vereinbarten bewegungsfreien Tag. Also gehen wir. Schnell. Genießen den Schmerz in den Beinen und den Schnee, den mir der Wind ins Gesicht treibt.
Es zerreißt mich dennoch. Nach wie vor. Trotz guter Krankengymnastik. Trotz Sekundenbruchteilen. Körperliche Aggression, die nicht nur mir Angst machen sollte, breitet sich erneut in mir aus und Rot will mehr.

Invalidiert

Ich zähle 12 Musterreihen, als ich den Vorderteil meines Häkelpullis in Teilen wieder aufribbeln muss, weil irgendwo ein Fehler drin ist, den ich weder finden noch ausmerzen kann. Das mache ich so gefühlte drölfzig Mal heute, so dass er jetzt kleiner ist als zu Beginn des Tages. Trotz Häkelorgie.

Ich zähle unglaubliche 24 Wochen, als ich den Kalender bis zur – voraussichtlich – geplanten Entlassung aus der Klinik anschaue und mich selbst wieder in einen Alltag integrieren muss, der beängstigender kaum sein könnte. Mit Rosa an der Hand, die zwar weitaus weniger quängelig ist, als sie schonmal war, der ich aber auch schon versprochen habe, dass wir daheim ganz dringend an bestimmten Definitionen arbeiten werden. Grau dagegen fragt, ob wir denn nach Hause oder überhaupt noch irgendwohin wollen, oder ob es nicht einfacher wäre, einen Cut zu machen, so dass ich mich frage, ob wir nach dem ganzen Auseinandernehmen tatsächlich so viel weiter weg vom Nichts sind, als zu Beginn des Aufenthalts. Trotz Therapieorgie.

Utopie

Ratschläge. Mitten in die Fresse. Statt die eigene Hilf- und Ratlosigkeit einzugestehen. Statt anzuerkennen, dass ich eine Überlebende bin. Dass Atmen reicht.

Einfach mal xy machen. Ins Tun kommen. Fickt euch. Ihr habt keine Knarre mit gespannten Hahn an der Schläfe. Jeden. Verdammten. Tag. !. Den Abzug teilt sich die Katastrophe mit mir. Mal gucken, wer zuerst abdrückt.

Altlasten


Rosa und ich betrachten Körper und beschließen, dass er so nicht bleiben kann. Gründe gibt es genug, auch wenn der Energielevel, die Selfies und die Blicke der Männer, in denen Körper sich badet, etwas anderes sagen.

Grau und Schwarz streiten mit Rosa, warum wir stundenlang spazieren gehen müssen, wenn wir genauso gut an einen der Bäume gelehnt Ozeane heulen und betrunken sowie rasierklingenunterstützt aufs nächtliche Erfrieren warten könnten.

Die Frage wird nicht sein, ob ich gesund werden kann. Die Frage ist, ob ich es will.

(25.02.2021)

Schreikind

Krankengymnastik steht zwar in der Verordnung, aber passieren tut etwas anderes. Etwas ganz anderes*.
Als die Therapeutin, die ich am ehesten als
Urmutter oder Schamanin bezeichnen würde – und das ohne jede Esoterik, sondern im Sinne einer Heilerin – meine Narbe berührt, sprechen wir über Hinter- und Abgründe, den Impuls, an meinem Daumen zu nuckeln und dass ich ganz dringend meiner Mama ein paar Fragen stellen sollte.
Als ich den Raum verlasse, fühle ich dumpfen Druckschmerz auf frisch gestreichelten, vor langer Zeit aufgespreizten Rippen, Übelkeit, Kopfschmerz und Kurzatmigkeit. Meine Hände zittern.

Also stelle ich Fragen zu etwas, das ich für erzählt hielt, und erfahre Details, die bisher verschwiegen unerwähnt blieben.
Während ich die Sprachnachricht höre, spüre ich den drohenden Tsunami. Etwas zieht sich zurück, so dass Nervenenden blank und ungeschützt vor mir liegen. Ich höre das tiefe Grollen dessen, was auf mich zu rollt und weiß mit unabwendbarer Gewissheit, dass es mich zermalmen wird. Der Wind, den die Welle vor sich hertreibt, beißt in meinen Augen und lässt mich diffus panisch werden. Ich schließe die Augen in Erwartung des Unabwendbaren und finde mich plötzlich mit einem Hammer und einem inzwischen ziemlich leeren Sack Nägel wieder, von denen ich bereits einen Großteil in den Deckel Kiste geschlagen und darin nun auch den Tsunami versteckt habe.

Rational betrachtet ist das ein frühkindliches Trauma. Emotional betrachtet ist das mein frühkindliches Trauma. Unbetrachtet passt es ganz gut in die Kiste, auch wenn ein paar Enden noch rausgucken.

*Somatic-Movement-Therapie oder Somatic Experience, falls es jemanden interessiert