Integrität

32,375 Stunden. Mehr braucht es scheinbar nicht, um mich um Monate zurückzuwerfen. Ich fühle mich vergiftet, erschöpft und frustriert und meine innere Anspannung winkt mit dem Zaunpfahl, ohne dass sie dabei besonders dezidiert in eine Richtung deuten würde.
Das beständige BeeDooBeeDoo aus dem Badmülleimer wird langsam anstrengend und Youtube leerschaun ändert auch nur wenig daran. Der Parasit untermalt das Ganze mit forderndem Heulen und wispert mir Verführungen ins Ohr, weil er nicht begreifen will, warum ich die Klinge nicht wie geplant mit unter die Dusche genommen, sondern verbogen und weggeworfen habe. Ich begreife es selbst nicht und habe keine Ahnung, wie ich das tiefdunkle Sehnen ohne sie loswerden soll.
Rosa möchte an dieser und möglichst vielen anderen Stellen unbedingt noch erwähnen, dass jetzt 40% des in der Klinik zugenommenen Gewichts wieder weg sind. Dass das eigentlich nicht zu unserem Deal gehört, ignoriert sie geflissentlich und ist maximal verwirrt, als wir plötzlich mitten am Nachmittag ein kleines Porridge essen.

Jetzt hält sie dem Parasit ein Megafon vor die Nase.

Intoxikation

Das System, auf das ich zur Beerdigung meiner Oma treffe, könnte kaputter kaum sein. Zumindest hat es so scharfe Kanten, dass ich fluchtartig schon einen Tag früher als geplant wieder im Auto sitze und lieber 7 + X Stunden Freitagsverkehr in Kauf nehme, als noch eine Minute länger an dem Ort auszuharren, bei dem der einzig beständige Gedanke Ich muss hier weg ist.

Während Papa innerhalb weniger Atemzüge erst meine zu schlanke Figur kommentiert, dann mein – natürlich mitgebrachtes – Abendessen als kalorientechnisch deutlich günstiger einstuft als seine zwei Laugenbötchen mit einem großen Pott billiger Krabbenmayo und sich dann darüber auslässt, dass er im Urlaub ja so viel zugenommen hat und dringend abnehmen muss, kämpfe ich damit, überhaupt etwas zu essen.

Rosa hat ihre beiden Rockzipfel in der Hand und macht einen tiefen Knicks, als alte Halbbekanntverwandte vor der Kirche nichts besseres zu sagen wissen als ein vor Bewunderung triefendes °Hömma, schlank bisse!°
Ich ziehe es vor, nicht darauf einzugehen, dass Körper menstruieren gerade nur so semi verfolgt und Rosa gerade meine größte Stütze ist.

Ich sitze vor meinem ineinander gestapelten Kuchenservice und ringe mich mit Mühe und Not zu einem Latte Macchiato durch, während die Verwandtbekanntschaft über Wurstbrote und Windbeutel herfällt.
Schwager erzählt stichelnd, wieviel Kalorien mein Bruder täglich für seinen Muskelaufbau verputzt und dass er alles fein säuberlich trackt. ° Also das wär mir viel zu anstrengend! ° stellt Cousine halb amüsiert fest. Deswegen essen wir einfach nichts, denkt Rosa.

Ich kann meine Jeans ausziehen, ohne dass ich die Knöpfe aufmache.

Euphemismen

Da ist es wieder, dieses nasse Wühlen in meinem Inneren. Etwas sucht. Der Parasit sucht, ohne sich dazu zu äußern, was eigentlich genau. °Klingen° wispert er kaum hörbar zwischen schmatzendem Umherwinden. °Ich weiß, wo sie liegen° flüstere ich sehnend zurück.
Körper hätte gerne Urlaub, so wie Orange gerade. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass er dann garnichts damit anzufangen wüsste und nur rumliegen würde. So wie heutefrüh, als es einer Menge guten Zuredens braucht, um ihn zum Aufstehen zu bewegen. Ich frage mich echt, was er von mir will. Jedenfalls nichts, was Rosa und ich ihm gerade zu geben bereit sind. Anstellerei.

Ich bin mir nach wie vor uneins darüber, ob mir Grün bloß Karotten vor die Nase hält, denen ich blind folge und dabei den Blick für den Weg, auf dem ich mich dabei befinde, aus den Augen verliere. Aber hey. Möhrchen!

Unheimlich


Das Gefühl, mich mehr um Schwarz kümmern zu müssen, kommt immer dann auf, wenn zu viele Worte und Halbsätze in meinem Kopf unterwegs sind, die sich ohne ihre Hilfe nur ähnlich leidenschaftslos zu einem Text zusammenfügen lassen, als würde man den Text eines Liedes ohne Melodie monoton und ohne jede Interpunktion vor sich hin lesen. Mag ich nicht.
Mit Rosa bin ich immer verbunden – mal mehr, mal weniger konstruktiv – und auch der Parasit ist – zu? – oft präsent, aber dadurch beherrschbar. Orange fügt sich auch ganz gut ein, hat aber gerade Urlaub. Nur Schwarz sitzt in einer Ecke, schaut zu Boden und sieht gelangweilt dem Staub beim Stauben zu. Und auch, wenn ich sie selbst oft genug für zu dunkel und verdreht halte, um alltagstauglich zu sein, hätte ich sie doch gerne ebenfalls näher bei mir. Zum Schreiben, und vielleicht auch ein kleines bisschen, um besser sehen zu können, was sie so treibt. Um zu wissen, zu fühlen, dass ich mich nicht nur selbst verarsche, sondern dass es tatsächlich ganz gut läuft. Trotz der Katastrophe und den ganzen anderen, ganz und gar ich lustigen Witzen, mit denen das Universum gerade um sich schmeißt.

Alter

Es ist September und meine Oma ist gestorben. Ich fühle mich erleichtert, weil ich finde, dass es schon lange kein Leben mehr war und ich irgendwie froh bin, dass sie nicht noch weitere Jahre auf diesem kaputten Planeten dahinvegetieren muss.
Ich fühle mich ein bisschen schlecht deswegen. Und weil ich nicht heulend in der Ecke sitze und stattdessen amüsiert vor mich hin denke, dass sie zwei Mal geimpft, im September gestorben und daher mit ihren 94 Jahren bestimmt der beste Beweis ist, dass alle Geimpften diesen Monat wohl nicht überleben. °AchtungIronie°
Trotzdem reicht es so langsam mit den schlechten Nachrichten. Erst die Katastrophe Teil drölfzig, dann hält die Krankenkasse Schatz ab in zwei Wochen wieder für Arbeitsfähig (hatte ich schon Katastrophe erwähnt?!) und dann enden gleich zwei Existenzen, auch wenn die Zweite nur das erste Mental Health Café Deutschlands war, mit dem ich mich auf seltsame Art und Weise verbunden fühle. Genug jetzt, bitte.

Manchen Dingen kann man einfach nur so begegnen.