Altlasten

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Rosa und ich betrachten Körper und beschließen, dass er so nicht bleiben kann. Gründe gibt es genug, auch wenn der Energielevel, die Selfies und die Blicke der Männer, in denen Körper sich badet, etwas anderes sagen.
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Grau und Schwarz streiten mit Rosa, warum wir stundenlang spazieren gehen müssen, wenn wir genauso gut an einen der Bäume gelehnt Ozeane heulen und betrunken sowie rasierklingenunterstützt aufs nächtliche Erfrieren warten könnten.
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Die Frage wird nicht sein, ob ich gesund werden kann. Die Frage ist, ob ich es will.
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(25.02.2021)

Schreikind

Krankengymnastik steht zwar in der Verordnung, aber passieren tut etwas anderes. Etwas ganz anderes*.
Als die Therapeutin, die ich am ehesten als
Urmutter oder Schamanin bezeichnen würde – und das ohne jede Esoterik, sondern im Sinne einer Heilerin – meine Narbe berührt, sprechen wir über Hinter- und Abgründe, den Impuls, an meinem Daumen zu nuckeln und dass ich ganz dringend meiner Mama ein paar Fragen stellen sollte.
Als ich den Raum verlasse, fühle ich dumpfen Druckschmerz auf frisch gestreichelten, vor langer Zeit aufgespreizten Rippen, Übelkeit, Kopfschmerz und Kurzatmigkeit. Meine Hände zittern.

Also stelle ich Fragen zu etwas, das ich für erzählt hielt, und erfahre Details, die bisher verschwiegen unerwähnt blieben.
Während ich die Sprachnachricht höre, spüre ich den drohenden Tsunami. Etwas zieht sich zurück, so dass Nervenenden blank und ungeschützt vor mir liegen. Ich höre das tiefe Grollen dessen, was auf mich zu rollt und weiß mit unabwendbarer Gewissheit, dass es mich zermalmen wird. Der Wind, den die Welle vor sich hertreibt, beißt in meinen Augen und lässt mich diffus panisch werden. Ich schließe die Augen in Erwartung des Unabwendbaren und finde mich plötzlich mit einem Hammer und einem inzwischen ziemlich leeren Sack Nägel wieder, von denen ich bereits einen Großteil in den Deckel Kiste geschlagen und darin nun auch den Tsunami versteckt habe.

Rational betrachtet ist das ein frühkindliches Trauma. Emotional betrachtet ist das mein frühkindliches Trauma. Unbetrachtet passt es ganz gut in die Kiste, auch wenn ein paar Enden noch rausgucken.

*Somatic-Movement-Therapie oder Somatic Experience, falls es jemanden interessiert

Achtundzwanzig

°Triggerwarnung°

Mein biologisch vorgesehenes Maximalalter wurde operativ auf ein Normalmaß korrigiert. Die Sinnhaftigkeit stelle ich in den letzten Wochen immer mehr in Frage. Vielleicht war es nicht richtig. Vielleicht hat sich meine Genetik etwas dabei gedacht, als sie mir diesen Zeitzünder eingebaut hat.
Aber nö, jetzt bin ich also immernoch hier. Gefangen in meinem Kopf mit defekter Hirnchemie, die den Begriff Innere Leere jeden Tag aufs Neue in ungeahnte Sphären treibt. Die Nichtfühlen für so viel besser hält als Vielzuvielaufeinmalfühlen und sich lieber Alkohol, Hungern oder Rasierklingen zuwendet – oder und – als dem, was andere gemeinhin als das Leben definieren. Die sich fragt, warum ich es vorgestern nicht einfach habe bluten lassen. Und verdammt, das hat es.

Maskenpflicht

Rosa und ich halten uns unauffällig an der Hand. Wir haben uns arrangiert und weil Frau Bezugseinzeltherapeutin weder so erfahren noch so gut wie der Herr Vertretungseinzeltherapeut ist, sieht sie es nicht. Er hätte es längst herausgefunden und mich in sämtliche Einzelteile zerlegt. Sie aber glaubt meinen Fortschrittsbekundungen – und ich spiele mit ihr, ohne dass ich genau sagen könnte, warum. Vielleicht einfach, weil ich es kann.

Wir reden über bewegungsfreie Tage, Post-Klinik-Wochenstrukturen und -Essenspläne, von denen ich allesamt nicht gewillt bin, sie auch nur ansatzweise einzuhalten. Das Konstrukt aus Halb- und Unwahrheiten trage ich hübsch demonstrativ vor mir her und es ist groß genug, um nicht nur Rosa, sondern auch SchwarzRotGrau und mich samt Gedankensalat dahinter zu verstecken.

Ich kann hier nicht gesund werden – weil ich es nicht will. Und keiner merkt es.

Schraubstock

Mein Puls hämmert in dumpfen, harten Wellen von innen gegen meinen Schädel. Ich verliere mich in Anspannung und Gedanken über Kontrolle, bei denen ich zu dem Schluss gelange, dass ich nach wie vor keinen Schimmer habe, was mir hinreichend Sicherheit geben könnte, um mich nicht nach der Klinik umgehend wieder Rosa zuzuwenden.
Übelkeit schwappt mir entgegen. Ob als Nebenwirkung des Wellengangs in meinem Kopf oder des Antidepressivums, was ich seit wenigen Tagen nehme, ist so ungeklärt wie irrelevant. Das Gruseln, chemisch in meinen Hirnstoffwechsel hineinpfuschen zu lassen, mischt sich mit der dadurch verursachten Müdigkeit, die es zwar laut Beipackzettel, nicht jedoch laut Chefarzt geben dürfte.
Ich sitze fest.