Divergenz


Das bemerkenswert erfüllende Gefühl, eine Krankmeldung bis einschließlich heute in der Hand zu haben, ist in seiner Amplitude ziemlich identisch mit dem schlechten Gewissen, eine Krankmeldung bis einschließlich heute in der Hand zu haben. Leider tun mir beide nicht den Gefallen, destruktiv miteinander zu interferieren.
Ähnlich verhält es sich mit meinem geradezu schmerzhaft intensiven Bedürfnis nach Verbindung und den inzwischen wiederhergestellten mehreren hundert Kilometern – nicht nur – physischer Distanz, die nicht annähernd auszureichen scheinen, um in so etwas ähnliches wie Gleichgewicht zu kommen.

Ambivalenz ist ein Arschloch.

Belong

Mit Schatz ist offensichtlich auch der Kleber in Urlaub geflogen, der mich zusammengehalten hat. Anders ist kaum zu erklären, warum ich seit Dienstagabend zerfalle, in immer mehr Teilen um mich herum liege und dauernd über mich drüber stolper.
Vorher waren da Risse, aber irgendwie habe ich doch aneinander geklebt. Da war Resonanz. Stabilität. Und ich dachte, ich bekomme das gut hin mit dem Alleine sein für zwei Wochen. Mach’s mit nett. Aber vielleicht hätte ich drauf hören sollen, als plötzlich das Licht aus- und eine megaphonunterstützte Stimme anging, die die Idee auf einmal für ganz arg doof hielt.
Wenn ich wenigstens wüsste, was ich von mir will Alkohol. Was ich bräuchte Rasierklingen. Was ich tun kann eskalieren, damit sich nicht jede unbeschäftigte Sekunde anfühlt wie °ichwillaufnArmundLeuteanschreien°. Und jede beschäftigte wie °ichwillbitteumgehendschlafenundDummheitenmachen°.
Ich meine, ganz ehrlich, wie machen das normale Menschen? Einen Haushalt, Miezen, Arbeiten, Sport, nicht durchdrehen, Leben? Und dann auch noch im November bei 4° und Schneeregen?
Ach ja. Die essen vielleicht etwas mehr. Und reden. Mit Menschen.

Determinismus

Der pridinolunterstützte Benzodiazepinmatsch in meinem Kopf sorgt für eine nicht unangenehme Flauschigkeit im ganzen Körper, begrenzt meine Wortfindungsfähigkeiten aber auf ähnlich einschränkende Weise wie das Zuviel an Gedanken, wegen derer ich den Flausch heute Nachmittag induziere und hoffe, dass er mich später noch ins Bett begleitet.
Der unangenehme Geruch aus Schrödingers Kiste lässt sich nicht mehr ignorieren und ich habe die naive Vorstellung, mich des Problems an einem einzigen Tag zu entledigen, nach Anheben des Deckels gleich dazu gelegt und die Kiste wieder zu gemacht.
Ich kann nicht denken und nicht fühlen, Rosa bockt und ich habe keine Energie (ach?!), mich mit irgendetwas davon näher auseinanderzusetzen. Finde den Fehler.

Phonk

Dass es aktuell eine halbe Tavor braucht, um meinen cerebralen Status auf ein Normal runterzuregeln und Körper sich scheinbar weiterhin in akuter Lebensgefahr wähnt, so er schwanger würde und daher ja schon wieder seit nun fast 3 Monaten Vorkehrungen zur Verhinderung einer solchen trifft – er könnte auch einfach mal die als mehrdeutig anzusehende Sterilität genauer ansehen, aber nu – zwingt mich dann doch ein wenig zum Nachdenken.
Also denke ich jetzt, verstehe aber mein Problem nicht. Was natürlich nicht heißt, dass da ein:e Dritte:r mal draufgucken darf. Aus Gründen.
Welche? Muss ich mir noch ausdenken.

Interferenz

Ich bin unverhältnismäßig stolz drauf, wie ich Frau inzwischenExTherapeutin pünktlich zum Ende der Akuttherapie davon überzeuge, dass ich ganz hervorragend stabil bin und auch °überhaupt nicht mehr anorektisch°, wie sie mir spiegelt. °Oder haben Sie noch Leidensdruck?° fragt sie. Meine Antwort ist selbstverständlich °Nein°, auch wenn ich das eigentlich anzufügende °nur Hunger° am Ende dieser Aussage verschweige, was aber garnicht schwer ist, weil Hunger sowieso schon sehr lange nicht mehr zu meinem aktiven Wortschatz zählt.
Rosa zeigt sich angesichts dieser Negierung ihrer Existenz zwar etwas eingeschnappt, aber mit Blick auf meine nie erwähnte TrackingApp, die inzwischen wieder einmal motzende ZyklusApp und Frau inzwischenExTherapeutins angefügte Aussage, dass ich ja schon noch so am ganz unteren Ende vom Normalgewicht bin – noch, Rosa, noch… – lässt sie sich dann doch zur Ghettofaust hinreißen.

°Also dann, jetzt Leben sie erstmal° sagt sie und wir verabschieden uns.
Habe ich vor. Aber mit Rosa, weil ich ohne sie echt nicht alleine sein will in meinem Kopf.

Morast

Der See, der scheinbar so grundlos in meinem Innern vor sich hin existiert, schwappt düster und eisig über mir zusammen, nur kurz nachdem ich den Kopf für den Bruchteil eines Atemzugs an die Oberfläche bringen konnte.
Mein Mund wird instantly taub und ich schlucke Brackwasser. Nicht Husten.

Ich schrecke hoch, weil ich keine Luft bekomme. Der grundlose See in meinem Innern existiert weiter vor sich hin, als sei nichts gewesen. Ich stehe auf – zu schnell wohl, kann ich doch nur durch Vorwärtsbewegung verhindern, umzufallen.

Ich fühle mich lost.