°Ich weiß nicht, ob ich überhaupt möchte, dass du herkommst° Ich bin dann gleich da. °Aber maximal zwei Nächte, okay?° So 4 oder 5 Tage werd ich bleiben. °Also meine wirklich absolute Deadline wären 4 Nächte, ja?° Ich fahre übrigens erst an Tag 6.
Dass es aktuell eine halbe Tavor braucht, um meinen cerebralen Status auf ein Normal runterzuregeln und Körper sich scheinbar weiterhin in akuter Lebensgefahr wähnt, so er schwanger würde und daher ja schon wieder seit nun fast 3 Monaten Vorkehrungen zur Verhinderung einer solchen trifft – er könnte auch einfach mal die als mehrdeutig anzusehende Sterilität genauer ansehen, aber nu – zwingt mich dann doch ein wenig zum Nachdenken. Also denke ich jetzt, verstehe aber mein Problem nicht. Was natürlich nicht heißt, dass da ein:e Dritte:r mal draufgucken darf. Aus Gründen. Welche? Muss ich mir noch ausdenken.
Ich bin unverhältnismäßig stolz drauf, wie ich Frau inzwischenExTherapeutin pünktlich zum Ende der Akuttherapie davon überzeuge, dass ich ganz hervorragend stabil bin und auch °überhaupt nicht mehr anorektisch°, wie sie mir spiegelt. °Oder haben Sie noch Leidensdruck?° fragt sie. Meine Antwort ist selbstverständlich °Nein°, auch wenn ich das eigentlich anzufügende °nur Hunger° am Ende dieser Aussage verschweige, was aber garnicht schwer ist, weil Hunger sowieso schon sehr lange nicht mehr zu meinem aktiven Wortschatz zählt. Rosa zeigt sich angesichts dieser Negierung ihrer Existenz zwar etwas eingeschnappt, aber mit Blick auf meine nie erwähnte TrackingApp, die inzwischen wieder einmal motzende ZyklusApp und Frau inzwischenExTherapeutins angefügte Aussage, dass ich ja schon noch so am ganz unteren Ende vom Normalgewicht bin – noch, Rosa, noch… – lässt sie sich dann doch zur Ghettofaust hinreißen.
°Also dann, jetzt Leben sie erstmal° sagt sie und wir verabschieden uns. Habe ich vor. Aber mit Rosa, weil ich ohne sie echt nicht alleine sein will in meinem Kopf.
Ich bin müder, als ich es eigentlich sein sollte nach dem heutigen Tag (ähm,ja…) und fühle mich haltlos. Es schmeißt mich ein bisschen, so von °ohwiegeilwirsindfrei° nach °undjetzt?!(Grillenzirpen)° und wieder zurück – Planlosigkeit bekommt mir nicht gut. Das zu wissen, hilft mir allerdings gerade auch nicht weiter. Ich brauche ein Projekt.
Weidekätzchen. Der natürliche Körpergeruch von Schatz. Orgelspiel. Disney-Filmenden. Ich bin berührt und stelle fest, dass ich es seit über 2 Jahren nicht war. Keine Frage, ohne SSRI wäre ich auch sonst einfach nicht(s) mehr, aber dass nicht nur Untiefen untiefer, sondern auch alles andere einfach unbedeutend flacher ist, stand nicht im Beipackzettel – und sagt einem auch keiner. Also taste ich mich langsam wieder an meine Emotionen ran, hoffend, nicht überrannt und niedergetrampelt zu werden – das übernehmen die Absetzerscheinungen zur Genüge.
Derweil. Postet meine von Entzug und Katastrophenterminen unbehelligte Mama ein Spruchbild in ihrem WhatsApp-Status und ich weiß nicht, ob ich weinen, eskalieren oder – thematisch passend – kotzen soll. Augenrollen jedenfalls fällt aus, weil BrainZaps. Ohne Reproduktionsabsicht dennoch das Zitat: Natürlich dürfen dicke Menschen kurze Kleidung tragen! Dumme Menschen reden ja auch. Und erstellen Spruchbilder. °Kalmar!°
Als Kind meiner Eltern bin ich es ja gewohnt, über Klatsch und Tratsch Neuigkeiten aus dem engsten bis entferntesten Umfeld zu plänkeln informiert zu werden, statt Gespräche über persönliches Befinden oder gar psychische Verfassungen zu führen, was das Ganze auf der Metaebene doch irgendwie wieder interessant macht. Neben einer kollektiven Suchtberatung würde ich zwar schon gerne meinen gesammelten Kopfsalat aus dem letzten Jahr vermitteln – zumal Rosa sich maximal ignoriert fühlt, während ich garnicht so unglücklich darüber bin, nicht permanent dazu gedrängt zu werden, doch Waffeln, Kuchen oder gezuckerten Kaffee zu konsumieren – aber so kann ich einfach lächeln und nicken und metamäßig den Kopf schütteln über all das, was sonst gute 700 Kilometer von mir entfernt stattfindet.
Jetzt, auf dem Rückweg in meine dunkelbunte Fluffblase, bin ich zwar sowas wie dankbar, dass mich die 3 Tage wenigstens vom vergangenen und bevorstehenden Katastrophentermin abgelenkt haben, aber noch viel mehr, dass mich daheim nicht nur drei Flauschemiezen, sondern auch Distanz erwarten.