Pazifismus

Diese Sekundenbruchteile, in denen alles nicht nur einfach, sondern auch noch möglich scheint. In denen alles einen Sinn ergibt und ich zu allem bereit bin. Zu leuchten erscheint ebenso denkbar wie zu verglühen. Beides wäre grandios absolut und absolut grandios.

Rot steht vor mir. Ihr heißer Atem dampft mir wenig Corona-konform ins Gesicht und ihre Augen brennen mir ein Loch ins Gehirn. Sie will sich prügeln, sie will rennen, sie will schreien, bis mein Hals, meine Füße und der ganze Rest bluten. Ich gebe ihr ein Kissen in die Hand und erlaube ihr, damit das Bett zu verprügeln. Sie lacht mich aus. Fragt mich, ob ich noch ganz dicht bin. Ich zucke nur hilflos mit den Schultern und verweise auf Frau Bezugseinzeltherapeutin, deren Vorschlag es war. Ihre Schuld, nicht meine.
Rot sucht sich imaginäre Streitpartner, die sie sehr ausführlich zur Schnecke machen kann und wirft ein, dass noch Rasierklingen im Schrank sind. Ich werfe ein, dass ich das schon ziemlich genau weiß, aber ich ihr einen Spaziergang anbieten kann, trotz erst vor wenigen Minuten vereinbarten bewegungsfreien Tag. Also gehen wir. Schnell. Genießen den Schmerz in den Beinen und den Schnee, den mir der Wind ins Gesicht treibt.
Es zerreißt mich dennoch. Nach wie vor. Trotz guter Krankengymnastik. Trotz Sekundenbruchteilen. Körperliche Aggression, die nicht nur mir Angst machen sollte, breitet sich erneut in mir aus und Rot will mehr.

Hintergrundrauschen

Rosa sitzt in der Ecke, in die sie sich zurückgezogen hat, wippt langsam mit angezogenen Beinen, die sie mit ihren Armen umschlingt, vor und zurück und schaut mich mit ihren großen dunklen Augen ängstlich an.
Ich sitze auf dem Bett, schaue zu ihr und sehe doch nichts, weil ich die Tränen nicht stoppen kann, die mein Gesicht hinunter laufen und mein Shirt durchnässen.

Es ist nicht so, dass der Herr Vertretungseinzeltherapeut Rosa dorthin verwiesen hätte – dann wäre es einfach. Dann könnte ich die Arme ausbreiten, sie zu mir aufs Bett holen und wir könnten uns weiter aneinanderklammern. Aber so war es nicht – er bat sie in die Mitte des Raums. Mein Blick folgte ihr, doch er trug mir auf, dort hin zu schauen, wo sie noch kurz zuvor gestanden hatte.

Das ist der Moment, in dem ich zusammenbreche.

Ich glaube, das ist Therapie.

Verdichtet

Es ist ruhig hier im Außen. Dafür ist es im Innen unglaublich laut und ungeordnet und schmerzhaft und diffus. Rosa ist seltsam unpersonifiziert. Agiert in der Tiefe, versteckt und im Dunkeln.
Die Intensität von einfach allem bringt mich fast um den Verstand. Die absolute Ehrlichkeit, mit der ich den Therapeuten und mir selbst begegne, ebenfalls.

Eruption

Ich wache auf und wundere mich, dass ich weder tränenüberstömt noch heiser bin.
Die Träume diese Nacht waren weder von besonderer Kreativität, noch von so etwas wie einem Hauch von Logik geprägt. Dafür von einer Wucht an Emotionen, die ich im Wachzustand seit – ja, seit wann eigentlich? – ewig nicht gefühlt habe. Angst. Scham. Überforderung. Wut. Man, ich war so unendlich, so unfassbar wütend. Ich habe mir die Seele aus dem Leib geschrien, geheult, gekämpft. Es hat mich zerrissen und verzweifeln lassen.
All das liegt nun wie ein klebriges Spinnennetz über meinen Gedanken und ich versuche herauszufinden, was hinter den wirren Geschichten steckt, die mein Unterbewusstsein sich ausgedacht hat. Und ob es sie erdacht hat, um diesen Ausbruch zu erzeugen, oder um ihn unterzubringen, weil er sonst getobt hätte, ohne dass ich ihn erinnern würde.
Jetzt hat jedenfalls wieder alles seine Ordnung. Ich bin, wie seit ewig, unendlich weit entfernt.

Selbstlos

Das konstruierte Selbst, dieses Konstrukt aus Rationalität und Wissen um das, was es tut und welche Konsequenzen es haben kann, zerfällt in der Dunkelheit zu Staub wie ein Vampir im Sonnenlicht. Übrig bleibt ein aschiger Hauch, eine Patina auf dem, was mir ureigen ist. Alles, was im Licht sinnvoll, vernünftig und logisch erscheint, ist nichts mehr, wenn die Nacht beginnt. Logik wird ausgehebelt, Konsequenzen werden negiert. Das Fühlen zählt, nicht das Wissen. Und Fühlen ist nicht bereit zu dem, was das Wissen wollen will.