Irgendwas ist in meinem Mund gestorben. Ich habe meine Würde und das letzte bisschen übrige Selbstachtung in Verdacht und finde zur Bestätigung ihre Leichen später beim Zähneputzen.
Tod durch freiwilliges Ertränken, stelle ich fest und wundere mich nicht weiter darüber. Hätte ich auch so gemacht.
Rückblick. Nach Tagen nicht enden wollender Cravings fällt mir eine der absurd zahlreich in unserem Vorratsraum vorhandenen Flaschen mit Baldriantropfen in die Hände. Ob sich deren Wirkungsweise tatsächlich auf die Wurzel oder den überraschend hohen Alkoholgehalt von 66% zurückführen lässt, ist nach 2/3 der Flasche mit etwas Wasser und pervers viel zuckerfreiem Getränkesirup einfach nur egal. Schmeckt scheiße, knallt hervorragend. Mit einem seligen Grinsen im Gesicht schlafe ich wie ein Stein. Bis meine Blase mich fast 6 Stunden später weckt und ich zu meiner Verwunderung feststelle, nicht so richtig geradeaus laufen zu können.
Ich komme trotzdem irgendwie am Ziel an und ignoriere den Schmerz in meinem Arm, als das Regal unterwegs mein Schwanken auffängt.
Die Nacht ist irgendwann rum und ich bin mehr als froh, dank geplanter Weihnachtswahnsinnvermeidungsstrategie nicht direkt Arbeiten zu müssen, sondern mein digitales Erscheinen erst für später – nach dem Einkauf – angekündigt zu haben. Wie ich selbiges allerdings überstehen soll, stellt mich vor ein Rätsel.
Die verwesenden Leichenteile in meinem Mund lassen sich nicht vollständig entfernen, was zu unfassbar ekliger Übelkeit führt und mein Kreislauf findet senkrechte Körperpositionen auch nur so semi.
Ratio hält mir vor, dass sie das am Abend schon für eine ganz blöde Idee hielt und ich es nicht anders verdient habe. Der Parasit hat sich irgendwie schuldbewusst in seinem Körbchen eingekringelt und tut so, als würde er schlafen und Rosa verhandelt mit mir darüber, ob ich es mit einem Zwieback versuchen darf. Es werden zwei und sie bewirken ein kleines Wunder.
Die umgekehrt orientierte Peristaltik allein beim Gedanken an (den Geruch von) Alkohol werte ich mal als unbeabsichtigt, aber sinnvoll ein.
Schlagwort: Arbeit
Prävention
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Sport und Podcast. Die einzig denkbare Möglichkeit, überhaupt einen zu hören, weil, man kann ja nicht einfach nur einen Podcast hören und sonst nichts tun.
Es geht um Entwicklungstraumata und noch bevor ich so richtig realisiere, dass sich gerade mehr als eine ziemlich verstaubte Kiste in meinem Kopf öffnet, wirft sich irgendetwas im Innen darauf, als wären es scharfe Granaten. Vermutlich sind es scharfe Granaten. Nichts als latente Übelkeit bleibt zurück und das Gefühl, auf der Suche zu sein, ohne zu wissen wonach. Ein Gefühl, das einfach nicht verschwinden will und nach jeder der vielen Nächte, in der ich von der Klinik träume, an Intensität gewinnt. Was sich nicht wegmachen lässt und den Parasit nährt.
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Orange lässt sich überaus selbstzufrieden das Bauchi vom Chef kraulen.
Wo Rosa, der Parasit und andere so sind, kann ich nicht sagen, weiß aber ziemlich sicher, dass sie sich ähnlich ignor- bis negiert fühlen müssen wie ich, weil Orange einfach keinen Widerspruch zulässt. Dabei hätte ich schon etwas zu sagen. Ist ihr aber sehr egal gerade.
Du wirkst so stabil und stark wie nie zuvor, kann man fast sagen, sagt Chef, nicht nur fast.
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Gib mir endlich den verfickten Alkohol und Klingen, dann zeige ich dir, wie stabil ich bin! kreischt der Parasit und ich weiß kaum noch, was ich ihm entgegensetzen soll.
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Es war Februar – oder März, oder April, jedenfalls einer dieser sehr schwarzdunklen Monate – als ich der sehr beruhigenden Überzeugung war, dieses Jahr nicht zu überleben. Jetzt sind nur noch vierzehn Tage übrig und ich will einen gebührenden Abschluss finden für eine von Menschen erdachte Zeitspanne als ungenaue Abgrenzung eines hochpräzisen astronomischen Zyklus.
Kein Ende, aber einen Abschied, eine letzte Eskalation, bevor das neue Jahr voller Einhörner und Glitzer starten kann.
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Elementar
Orange schnurrt zufrieden vor sich hin und glänzt mit meinem Ego um die Wette, das sie unter den lobend-wohlwollenden Worten meines Chefchefs eifrig aus einer – sehr – verstaubten und vernachlässigten Ecke geborgen hat und fleissig poliert.
Rosa hebt irritiert eine Augenbraue und fragt sich gemeinsam mit mir, warum so ein bisschen Lob mich gleich unbesiegbar und größenwahnsinnig werden lässt, obwohl Rosa den ganzen Termin über nur gelangweilt in der Ecke saß und nichtmal dem Chefchef aus der Ferne zugewunken hat.
Jedenfalls meint mein Ego glänzenderdings nun plötzlich, es sei etwas wert und ich mache tatsächlich nicht alles falsch, was ich so anfasse. Weil mir das aber unheimlich ist, stelle ich es es lieber wieder zurück in seine Ecke, damit es langsam wieder einstauben kann und niemanden blendet.
Das schon vorher bestehende Vakuum in mir drin, was nun noch ein kleines bisschen leerer zu sein scheint, fülle ich mit der Vorfreude und dem schlechten Gewissen für ein neues Handy, was ich nicht wirklich brauche und dessen Füllstoff nach dem Unboxing verpufft – auch wenn es echt schick ist.
Körpersprache
Wir müssen reden! sage ich zu Rosa, als ich sie mir unter den Arm klemme, um irgendwo hinzugehen, wo es ruhiger ist.
Aber es ist nirgends ruhiger, ich bin eine Getriebene meiner selbst und trage sie nun schon eine ganze Weile so mit mir rum, unser Gespräch auf ein Später verlegend. Erneut.
Immerhin, der Parasit hat sich in sein Körbchen geringelt und schnarcht selig vor sich hin, nachdem er sich wieder einmal austoben durfte.
Körper nimmt mir die Mangelernährung auf prä-Klinik-Niveau abzunehmend übel und darf deshalb heute schon vor 8 ins Bett, weil er schon seit Tagen immer lauter quängelt. Und ja, ich habe ein bisschen Mitleid mit ihm, weil die Tage langsam echt anstrengend werden.
Bald habe ich Urlaub, nur noch zwei Mal früh aufstehen.
Dann reden wir aber wirklich! sage ich zu Rosa, die inzwischen ziemlich gechillt an meinem Arm rumhängt.
Eigenfrequenz
Du bist meine Wichsvorlage. Gut, das entspricht nicht ganz dem Wortlaut, aber am Ende ist es genau das, was er zu mir sagt – und auch wieder nicht.
Er ist einer dieser sehr wenigen Menschen in meinem Leben, zu denen ich einen Draht habe. Zu denen eine nicht erklär-, sondern nur fühlbare Verbindung besteht.
Seit wir uns kennen, sind wir flirty miteinander. Nichts, was ich normalerweise bin – schließlich bin ich grundsätzlich der Überzeugung, dass man mich maximal aufgrund körperlicher Attribute, denen ich mich nur durch strengste Restriktionen überhaupt annähern kann, interessant, geschweige denn attraktiv oder gar begehrenswert finden kann. Auch halte ich dieses flirty für pure Einbildung meinerseits und seine immer schon vorhandene Offenheit für nichts weiter als ein generelles Persönlichleitsmerkmal.
Bis diese Woche. Bis er mich fragt, ob er es sich einbildet, oder ob da was ist. Und Dinge sagt, über die ich nicht gedacht hatte, sie jemals von irgendjemandem zu hören.
Nichts, worauf ich vorbereitet war. So gar nicht.
Wir halten fest, da ist etwas. Plus zwei glückliche Ehen.
Indignation
Zum Glück hat Orange nicht nur selbstverständlich unseren Job, sondern auch unsere Gesichtszüge im Griff, als sie auf ziemlich überzeugende Art und Weise unserem Chef berichtet, wie gut wir zurecht kommen und dass wir uns auf gar keinen Fall überfordert fühlen.
Die als runder Tisch getarnte Illusion bekommt wieder ein paar Risse mehr, als ich mit vor irritiertem Erstaunen offenem Mund und großen Augen in die NichtRunde blicke. Orange, die Rosa und den Parasit negiert, während beide nicht nur Verschwöungspläne schmieden, sondern diese schon mehr oder weniger erfolgreich in Taten umsetzen.
Ich sehne mich nach einem zerbrechlichen, verletzten Körper, von dem Rosa und der Parasit sehr genau wissen, wie ich dorthin komme. Ich winde mich um mich selbst, halb zerrissen von dem Wunsch, gleichzeitig gesund und kaputt zu sein. Dunkel, und verdreht.