Am Ende

Ich darf endlich wieder ins Bett. Aber anders als bei den Puppen, die beim Hinlegen die Augen schließen, gehen meine auf, als mein Kopf das Kissen berührt und ich das Licht ausschalte.
Der Tag war lang und ätzend. Brennende Kopfschmerzen, den ganzen Tag, weil ich seit Tagen nicht gut schlafe. Ich habe wieder mit Lasea angefangen, die mir das Ein- und Durchschlafen leichter machen. Dennoch fühle ich mich seit Tagen beim Aufwachen erschöpfter, als beim Schlafengehen.
Was am Tag zuvor erstaunlich gut funktionierte – mir sagen, dass Nachdenken nichts bringt und ich einfach schlafen sollte – zeigt jetzt keinerlei Wirkung. Ich denke an die Fahrt zur Arbeit, und dass ich fast umgedreht wäre an diesem Morgen, weil ich mich so unendlich müde fühlte und aus Angst, Erschöpfung und Sorge Weinen musste. Ich denke an die Fahrt nach Hause, bei der ich mich richig erschrocken habe, als mir auffiel, dass es erst Dienstag ist und ich noch 3 weitere Tage vor mir habe.
Ich liege also im Bett und denke. Schlafe ein, wache auf, denke, döse, und hoffe nicht, dass ich es am nächsten morgen trotzdem schaffe, aufzustehen.

Als ich wieder mal aufwache und nach langer Zeit doch auf die Uhr schaue, ist es 3.20 Uhr. Der Wecker geht in 1 1/2 Stunden, ich fühle mich, als hätte ich garnicht geschlafen. Ich bemerke Bauchkrämpfe, gehe zur Toilette und nehme eine Tablette. Als ich wieder ins Bett gehe, denke ich, dass ich unmöglich so arbeiten gehen kann. Eine Stunde Autofahrt in der Verfassung – keine gute Idee. Ich schreibe eine Email, melde mich krank, und schalte den Wecker aus. Endlich kann ich etwas schlafen.

Es ist kurz vor 9, als ich aufwache. Mein schlechtes Gewissen ist auch gleich da und hält mir vor, was für eine faule Sau und ein schlechter Mensch ich bin, dass ich heute krank bin blau mache.
Ich brauche fast eine halbe Stunde, bis ich mich zum Aufstehen aufraffen kann. Meine Knie tun aus unerfindlichen Gründen weh, ich habe immernoch, oder schon wieder Kopfweh, in meinem Handgelenk scheinen aus genauso unerfindlichen Gründen einige Nerven entzündet zu sein. Meine Bauchkrämpfe sind immernoch leicht da, meine Periode nach wie vor nicht – heute ist Tag 34 und ich weiß, dass ich nicht schwanger bin, auch wenn mein Bauch derzeit wie im 3. Monat ausschaut, weil er mal wieder so geschwollen ist (und ich mich wirklich mal auf Endometriose untersuchen lassen sollte). Ich habe das Gefühl, mein Körper will mir sagen, dass irgendetwas mal so überhaupt nicht stimmt. Mir fällt ein, dass mir in der Nacht ständig zu heiß oder zu kalt war, und mein Lymphknoten am Hals geschwollen war.

Ich versuche also, meinem schlechten Gewissen so wenig Raum wie möglich zu geben, während es mir weiter einzureden versucht, dass ich genauso gut hätte Arbeiten gehen können, statt faul und unproduktiv auf dem Sofa herumzusitzen. Den Tag zu nutzen, um etwas zur Ruhe zu kommen und mich um mich selbst zu kümmern.

Am Ende wird sich zeigen, wer gewinnt.

Fremdbild|Selbstbild

Aber was man im Inneren ist, zählt nicht. Das was wir tun, zeigt, wer wir sind.

Batman begins

Ist das so? Zählt nur das, was ich tue? Oder ist es nicht vielmehr eine Frage der Perspektive – aus der Sicht der Anderen mag das zutreffen. Aus meiner nicht.

Die Anderen: meine Arbeitskollegen

Sie sehen eine – meistens – selbstbewusste, verständnisvolle, etwas nachgiebige, aber immer kompetente und umgängliche Kollegin und Vorgesetzte, die lösungsorientiert handelt und nicht weniger als 100% gibt.

Die Anderen: meine Familie

Sie sehen eine stille, unauffällige und zurückgezogene Tochter/Nichte/Cousine/…, die nur selten Schwächen zugibt und lieber nichts als das Falsche sagt. Die sich lieber nicht meldet, als negativ aufzufallen.

Die Anderen: meine (wenigen) Freunde

Sie sehen mich – selten. Als was? Keine Ahnung.

Die Anderen: mein Mann

Er sieht mich als das, was am ehesten dem nahekommt, was ich bin. Liebe- und Harmoniebedürftig, verletzlich, instabil, nachdenklich, nicht gesund.

Die Anderen: meine Therapeutin

Sie sieht mich als reflektierte, motivierte, ein wenig außergewöhnliche, etwas zu stille, aber sehr beflissene Patientin, die während der Therapie riesen Fortschritte gemacht hat und stolz auf sich sein kann. Als jemand, der auf dem besten Weg zu einem gesünderen, zufriedeneren Leben ist und als jemand, der bloß aus Appetitlosigkeit von Termin zu Termin dünner wird.

Ich

Fühle mich, als würde ich mich bloß anstellen, reinsteigern, Probleme haben wollen, als wäre ich aufmerksamkeitsgeil, unsicher und ungenügend. Als hätte ich nur Mini-Schritte in der Therapie gemacht. Als Lügnerin, weil ich Schatz und Frau Therapeutin im Brustton der Überzeugung sage, ich wolle nicht weiter abnehmen (und das berauschende Gefühl der Kontrolle nichtmal erwähne) und natürlich weder an SV noch an ein Ende denke. Oder daran, mich irgendwie zu berauschen.

Ich, die ich an mir selbst und am Leben manchmal mehr, selten weniger,verzweifle. Ich, die ich meine Klinge nicht wegschmeißen kann. Ich, die ich – erst in letzter Zeit, aber dennoch – zu oft etwas trinke. Ich, die ich – erst in letzter Zeit, aber dennoch – zu selten etwas esse. Ich, die gerne einen Unfall hätte. Ich, die gerne jemand anderes wäre.

Ich bin nicht das, was die Anderen sehen. Aber zählt es?

85 – Nackig

Letzte Woche überlegte ich, kurzärmelig in die Arbeit zu gehen – trotz Narben an den Armen, und obwohl in der Arbeit niemand (bis auf meine beiden Chefs) von meiner Depression weiß.

Ich lebe noch

Was soll ich sagen? Ich habe es gewagt, und ich lebe noch 🙂 Ich habe nur einen etwas erschrockenen (weil erkennend, unterstelle ich mal) und ein oder zwei bemerkende Blicke wahrgenommen. Niemand hat mich angesprochen, und ich habe noch meinen Job. Für Gerüchte ist es wohl noch etwas früh, da habe ich noch ein bisschen Angst vor.
Jetzt habe ich mir eine dünne Jacke in die Arbeit gehängt, die so gut wie zu allem passt und die ich im Notfall schnell anziehen könnte, falls ich mich unwohl fühle. Bisher habe ich sie aber nicht gebraucht.
Erstaunt bin ich, dass es scheinbar so wenig Leute überhaupt bemerkt haben. Gefühlt bin ich mit Leuchtfarbe und Blinklicht am Arm rumgelaufen, aber mein persönlicher Fokus entspricht wohl nicht dem der Kollegen – zum Glück, vielleicht.

Befreit

So fühle ich mich. Es war herrlich, einfach zu einem kurzen Oberteil greifen zu können und mich „Sommer“ zu fühlen. Jetzt muss ich erstmal shoppen – weil ich zwar eine Million lange Sachen für die Arbeit habe, aber nur wenige kurze.

83 – Einfach mal was verrücktes machen. Feierabend zum Beispiel.

Feierabend war die letzten Jahre ein abstrakter Begriff ohne tiefere Bedeutung für mich. Klar, irgendwann verließ ich das Büro und fuhr Heim, aber mein Kopf war unter der Woche (und oft genug auch am Wochenende) weiter mit Gedanken an die Arbeit beschäftigt. Wie sehr, merke ich seit genau 3 Tagen. Seit ich Feierabend lebe.

Jemand hat den Grauschleier entfernt

Am Montag, nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub, fiel es mir urplötzlich auf. Und jetzt hat mein Feierabend Farbe.
Vorher war er grau und schwer, ich fühlte mich erschlagen und hätte schon beim Abendessen schlafen können. Ich wollte nur noch ins Bett, auch, damit die Gedanken aufhören (als hätten sie es je getan – Schlafstörung lässt grüßen). Der Abend als solcher war nur die kurze Pause zwischen zwei Arbeitstagen, die nichtmal zum Luftholen reichte.
Und seit Montag ist es anders. Ich sage mir laut “Feierabend!“ vor, wenn ich das Gebäude verlasse, denke bewusst an Dinge außerhalb der Arbeit und merke schnell, wenn ich doch ins alte Muster falle und lasse die Gedanken ziehen, denke an etwas anderes.

Der Unterschied könnte größer nicht sein. Ich habe Energie, kann (etwas) länger aufbleiben, bin bewusst zuhause und genieße die freie Zeit, die sich jetzt schon fast nach Leben anfühlt.

Das Ende einer Jahre dauernden depressiven Phase?

Am Montag war ich nach der Arbeit derart energiegeladen, dass es mich überforderte. Ich dachte (kurz) an Selbstverletzung, weil ich das Gefühl hatte, keine Kontrolle zu haben und zu viel durch meinen Kopf strömte, als würde dort ein Gummiball umherspringen.
Dieses fast manisch anmutende Gefühl hat sich weitgehebd gelegt, aber der Feierabend – und ein kleines bisschen entspannteres Arbeiten, weil ich auf mich Rücksicht nehme – ist geblieben.

Ist das das Ende meiner depressiven Episode? Ich weiß es nicht, aber egal wie die Antwort lautet, ich habe Angst davor.
Weil ein Nein einen Rückfall in das altbekannte Loch bedeutet, mit einer Idee, wie es oben sein könnte.
Weil ein Ja unbekanntes Terrain bedeutet, dass ich seit Jahren nicht mehr betreten habe.

82 – Mut oder Wahnsinn?

Mal wieder mache ich mir Gedanken darüber, ob ich mit kurzen Ärmeln in die Arbeit gehe. Der Urlaub ist rum, ab morgen ist also wieder Hamsterrad angesagt. Und, falls es noch keiner bemerkt hat, es ist heiß. Verdammt heiß, und auch wenn ich eine Klimaanlage im Büro habe, heißt das nicht, dass es nicht trotzdem im Gebäude einfach zu warm sein wird – und ich Klimaanlagenluft nicht mag.

Eine Weile…

Seit inzwischen 5 Jahren war ich nicht mehr kurzärmlig in der Arbeit. Seit ich den ersten Schnitt am Arm machte. Inzwischen habe ich eine umfangreiche Sammlung an dünnen leichten Blusen, die auch im Sommer gehen – oder bisher gingen, wenn wir nicht wochenlang Temperaturen jenseits der 30 Grad hatten. Und falls doch mal jemand komisch schaute, sagte ich (nicht ganz unberechtigt), dass ich es nicht mag, wenn meine nackten Arme am Schreibtisch „kleben“.

Weiße Linien

Das letzte Mal, als ich mich am Arm selbstverletzte, war 2015, so dass sämtliche Narben (und das sind nicht viele) als alt zu erkennen sind, auch wenn sie aktuell wegen meiner Bräune besonders gut sichtbar sind.
Die frischere(n) Narbe(n) am Bein lasse ich hier übrigens mal ganz außen vor, da ich abgesehen von kurzen Hosen zum Wandern immer in langen Jeans unterwegs bin.

Pro & Contra

Ich habe mal eine Liste gemacht mit Dingen, die für oder gegen lange Ärmel an meinem Arbeitsplatz sprechen.

Dafür spricht:

  • es ist warm – sehr warm
  • die Narben sind als offensichtlich alt zu erkennen
  • die Narben und deren Ursache gehen niemanden etwas an, und das darf ich auch sagen
  • morgen ist so gut wie jeder andere Tag, und ich möchte nicht den Rest meines Arbeitslebens langärmlig rumlaufen
  • ich habe keinen Kundenkontakt und nur selten mit Externen zu tun – dafür kann ich eine dünne Jacke mitnehmen und bei Bedarf anziehen
  • ich bin auch nur ein Mensch
  • ich bin seit über 8 Jahren in der Firma/Abteilung und alle kennen mich, es ist „nur“ eine Äußerlichkeit
  • wenn der erste Tag erst einmal überstanden ist, wird es wahrscheinlich von Tag zu Tag etwas einfacher
  • vielleicht bemerkt sie niemand – nicht jeder checkt wie ich mit als Erstes die Unterarme von jemandem, den er sieht

Dagegen spricht:

  • man wird hinter meinem Rücken reden
  • komische Blicke, Kommentare und Fragen kommen auf mich zu
  • meine Mitarbeiter und Vorgesetzte könnten mich nicht mehr ernst oder (falsche) Rücksicht nehmen
  • ich bekomme den Stempel „psychisch krank“, „instabil“ und/oder „irre/verrückt“
  • ich habe eine Scheißangst vor den ersten Reaktionen

Und jetzt nochmal – was spricht wirklich dagegen, oder was lässt sich durch gesunden Menschenverstand zumindest reativieren?

  • man wird hinter meinem Rücken reden → man wird immer hinter meinem Rücken reden, weil ich Teamleiterin und Einzelgängerin bin, es unterscheiden sich dann nur die Inhalte dessen
  • komische Blicke, Kommentare und Fragen kommen auf mich zu → zumindest in den ersten Tagen bzw. bei den ersten Begegnungen, es wird nicht ewig so bleiben; außerdem würde auch bei langen Ärmeln bei den Temperaturen wahrscheinlich blöd geguckt
  • meine Mitarbeiter und Vorgesetzte könnten mich nicht mehr ernst oder (falsche) Rücksicht nehmen → Rücksicht wäre nicht das Schlechteste, was mir passieren kann, und bei falscher Rücksicht kann ich intervenieren. Ich will keine weitere „Karriere“ machen, bei der mir das im Wege stehen könnte, und weiß, dass meine zwei nächsten Chefs sehr großes Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten haben. Wenn Narben daran etwas ändern, bin ich in der falschen Firma.
  • ich bekomme den Stempel „psychisch krank“, „instabil“ und/oder „irre/verrückt“ → siehe oben
  • ich habe eine Scheißangst vor den ersten Reaktionen → die werde ich immer haben, egal, wann ich mich dazu entschließe. Umgehen könnte ich das nur, wenn ich es nicht wagen würde.

Warum morgen?

Für wichtige Schritte, die ich gehe, brauche ich oftmals einen „besonderen“ Startpunkt, eine Wegmarke. Morgen wäre so ein „besonderer“ Tag, weil es der erste Tag nach 3 Wochen Urlaub ist. Ich weiß, wenn ich es morgen nicht mache, werde ich den nächsten Versuch sehr wahrscheinlich erst 2019 wagen.

Mutig

Es wäre das Mutigste, was ich dieser Tage tun könnte und seit langem getan habe. Ein Schritt in die Richtung, mich bei der Arbeit nicht mehr hinter einem sehr abgegrenzten EgoState zu verstecken, sondern auch zu dieser Seite von mir stehen.

Die Herausforderung wird nun sein, es morgen wirklich durchzuziehen. Die ypsenneunzig Meinungswechsel, die heute unweigerlich kommen werden, auszuhalten und trotzdem an diesem, sagen wir Entschluss, festzuhalten.

Sei mutig. Dir zuliebe.