Inkonklusiv

Mein Ego lässt sich in mentaler Dauerschleife nach wie vor vom Chef den Bauch kraulen, und das schon seit Freitag. So schnurrt es fast zufrieden vor sich hin und hält Orange damit etwas in Schach, die schon länger, aber seit knapp zwei Wochen so richtig hustled und mich auch an diesem Wochenende überaus gerne an die noch folgenden Tage erinnert, weil – es sind nur noch 2 Wochen bis zum Urlaub und ich muss noch dieses und jenes und das am Besten auch noch erledigen. Immerhin, Chef sieht, was ich bisher schon alles jongliere und ich kann ihm sogar sagen, dass es viel ist und ich nicht nur versuche, nur so viel zu machen, wie nachhaltig möglich ist.
Trotzdem bekomme ich so vieles in meinem Kopf nicht sortiert, geschweige denn, aufgeräumt und eigentlich will ich da oben nicht mit mir alleine sein. Aber in das Chaos kann man echt keinen reinlassen, auch wenn ich alles in einen Schrank stopfe und die Tür zu mache. Ich muss davor sitzen bleiben, damit sie zu bleibt – Rosa leistet mit Gesellschaft, streitet sich aber dauernd mit Ratio und Körper und mir.
Dennoch ist es auch irgendwie okay – alter, es ist Sommer, jedes Wochenende Bergtour, ich existiere nicht mehr nur von Wochenende zu Wochenende… Vielleicht ist das einfach Leben. Oder? Oder?

Heute ist es 366 Tage her, dass ich mich aus der Psychiatrie entlassen habe, in die ich mich vor 369 Tagen selbst eingewiesen habe – nur, um elf Tage später wieder an deren Tür zu klopfen. Musste ich nur mal sagen – tatsächlich ohne Hintergedanken.

Albedo

Während ich durchaus maximalinvasiv – und daher wohlweißlich am Tisch auf der Terrasse – damit beschäftigt bin, meine Grapefruit zu schälen, beobachte ich gemeinsam mit Mieze seltsam empathiebefreit die sterbende Eidechse zu meiner Rechten und frage mich, warum das persönliche Schicksal eines Kollegen mich emotional ins Schlingern bringt und ich zu eigenen Gefühlen scheinbar keinerlei Verbindung habe.
Jedenfalls bin ich ganz hervorragend darin, mich in Andere hineinzuversetzen, nur um dann dem Fühlen ein Ende zu setzen, weil sind ja nicht meine gerade. Das sich ergebende Muster kann ich irgendwie nicht nicht erkennen. Andere Gefühle sind okay, weil man sie dann hübsch als uneigen beenden kann – eigene Gefühle dagegen sind schlichtweg verboten, weil brandgefährlich.
Ich frage mich zwar immer noch, warum mich das so beeindruckende wie anhaltende Hupen einer LKW-Zugmaschine im Hochzeitskorso – mit dem ich nichts zu tun hatte, sondern dem ich einfach nur auf der Straße begegnete – an den Rand eines emotional getriebenen Heulkrampfes brachte, schiebe es aber auf genau das – ich habe einfach Null Ahnung, was in mir abgeht, aber es scheint wohl eine Menge zu sein.
Dass die Eidechse, die ich beim Verlassen der Terrasse dann doch großzügig und absichtlich nicht näher betrachtet für Hinüber halte, nach 2 1/2 Stunden beim sehr motivierten Zurücktragen zu ihrem Versteck durch Schatz noch vermeintlich munter zappelt – er erlöste sie nach Blick auf die Blutspur, die unter ihr zum Vorschein kam – , zaubert Rosa auf den Plan, die als Sanktion für diese unfassbare Grausamkeit meinerseits ein Mahlzeiten-Embargo verhängt, dem ich mich nur allzu gern füge. Hunger ist ja auch ein Gefühl – und mit der richtigen Bewertung vollkommen ungefährlich.

Kernschatten


Ich weiß zwar nicht, warum ich mich für den Sieger in dieser Geschichte halte, aber ich würde außerordentlich gerne bei einem der angebotenen, aber bisher aus Prinzip nicht in Anspruch genommenen Zwischendurch-Termine der Frau Ex-Therapeutin vor die Füße kotzen, dass mein Zyklus nach wie vor durch Abwesenheit glänzt und sie von meinem Innenleben ungefähr nichts weiß – außer halt dem, was ich für Notwendig erachtet und mit ihr geteilt habe. Aus Gründen.

Als ehemaliges personifiziertes Impostor-Syndrom fühle ich mich angekommen wie ewig nicht mehr und kann nur den Kopf schütteln über Chefs Hoffnung, dass ich es mir nochmal anders überlege. Ich kann nicht, wie könnte ich?!

Rot schwelt vor sich hin, eine Magmakammer unter Hochdruck. Warum sie das macht, sagt sie aber nicht, also versuche ich mich in Beschwichtigung Ignoranz, weil ich keine Lust habe, sie zu verstehen. Verbrannte Finger schrecken zurück, um im nächsten Augenblick verständnisvoll angepustet zu werden.

°roar° und Grillenzirpen. Gehirn abzugeben.

Phonk

Dass es aktuell eine halbe Tavor braucht, um meinen cerebralen Status auf ein Normal runterzuregeln und Körper sich scheinbar weiterhin in akuter Lebensgefahr wähnt, so er schwanger würde und daher ja schon wieder seit nun fast 3 Monaten Vorkehrungen zur Verhinderung einer solchen trifft – er könnte auch einfach mal die als mehrdeutig anzusehende Sterilität genauer ansehen, aber nu – zwingt mich dann doch ein wenig zum Nachdenken.
Also denke ich jetzt, verstehe aber mein Problem nicht. Was natürlich nicht heißt, dass da ein:e Dritte:r mal draufgucken darf. Aus Gründen.
Welche? Muss ich mir noch ausdenken.

Interferenz

Ich bin unverhältnismäßig stolz drauf, wie ich Frau inzwischenExTherapeutin pünktlich zum Ende der Akuttherapie davon überzeuge, dass ich ganz hervorragend stabil bin und auch °überhaupt nicht mehr anorektisch°, wie sie mir spiegelt. °Oder haben Sie noch Leidensdruck?° fragt sie. Meine Antwort ist selbstverständlich °Nein°, auch wenn ich das eigentlich anzufügende °nur Hunger° am Ende dieser Aussage verschweige, was aber garnicht schwer ist, weil Hunger sowieso schon sehr lange nicht mehr zu meinem aktiven Wortschatz zählt.
Rosa zeigt sich angesichts dieser Negierung ihrer Existenz zwar etwas eingeschnappt, aber mit Blick auf meine nie erwähnte TrackingApp, die inzwischen wieder einmal motzende ZyklusApp und Frau inzwischenExTherapeutins angefügte Aussage, dass ich ja schon noch so am ganz unteren Ende vom Normalgewicht bin – noch, Rosa, noch… – lässt sie sich dann doch zur Ghettofaust hinreißen.

°Also dann, jetzt Leben sie erstmal° sagt sie und wir verabschieden uns.
Habe ich vor. Aber mit Rosa, weil ich ohne sie echt nicht alleine sein will in meinem Kopf.