Spelz

Wir besprechen also mein Körperbild (= 🐳), der Herr Vertretungseinzeltherapeut und ich. Und dass er mich nervt gerade. Also Körper. Nicht nur, weil 🐳, sondern auch weil er keine Gelegenheit auslässt, weh zu tun – oder ganz neu, meine Finger einschlafen lässt. Nach dem Aufstehen – also wa(h)lweise morgens, aber auch wenn ich länger gesessen habe – schreien mir meine Füße und meine Hüften entgegen, dass ich entgegen meiner biologischen Überzeugung doch schon weit über 80 bin, und meine Schultern sind der gleichen Meinung, wenn ich Körper an- oder ausziehe.
Rosa findet das garnicht witzig. Aber sie ist froh, dass es besser wird, je länger wir laufen. Und das tun wir, schon allein des mehr als weitläufigen Klinikgeländes wegen.

Nachdem wir festgehalten haben, dass ich zu Körper in letzter Zeit nicht besonders nett war und er es deshalb wahrscheinlich gerade auch nicht zu mir ist, kommen wir zur nicht unerheblichen Diskrepanz zwischen Spiegel und Foto. Und Fotos von Rosa. Die ich am besten löschen soll. Und zwar alle. Rosa schaut mich entsetzt an und ich überlege, ob ich heulen oder gehen soll. Alles in mir schreit NEIN.
„Das trennt die Spreu vom Weizen“ sagt er so nebenbei.

Schmerzgrenze

Rosa brüllt mich an. Laut. Schrill. Sie ist außer sich. Schier rasend.
Mit Abscheu und Ekel gestikuliert sie wild Richtung Körper, der aus purem Trotz nicht nur Unmengen Fett, sondern noch viel mehr Wasser einlagert, einem Marshmallow gleicht und sich wie ein riesiges speckiges Walroß anfühlt.
Ich kann ihr nur zustimmen. Und finde den Gedanken, ihn trotzdem weiter füttern zu müssen derart abstoßend, dass ich heulend und ratlos in Rosas Armen liege, die mir liebevoll übers Haar streicht und gleichzeitig weiter Vorwürfe mit einem Megaphon ins Ohr schreit.

Rosa packt meine Koffer. Teil für Teil wandert aus dem Schrank dort hinein, wo ich es sogleich wieder herausnehme und zurücklege. So drehen wir uns im Kreis und streiten dabei unentwegt über die Gründe, die für eine Abreise aus der Klinik sprechen – und welche dagegen. Rosas Argumente finde ich durchaus stichhaltig – Sport, Hungern und Dünnsein klingen nicht nur gut, sondern geradezu großartig. Aber die Rückkehr in das Leben, bei dem wir im November auf Pause gedrückt haben, erscheint mir derart absurd, dass ich lieber einen Pakt mit ihr schließe, statt ihr oder Körper vollends nachzugeben.
Sie darf brüllen, soll es sogar. So laut bitte, dass ich nicht über das Leben nachdenken muss, während ich den Käse zum Frühstück verweigere. Und sie brüllt.

Subtext

Rosa platzt fast vor Wut. Sie schaut ungläubig hin und her zwischen mir und dem, was dort steht. Ich kann nur hilflos mit den Schultern zucken und ungläubig zurück schauen. Weil ich es selbst nicht verstehe.

*Mama schickt mir ein Bild aus einer Zeitschrift. Ein Zwetschgenzopf samt Rezept und Kaorienangabe.*
Ich bin ähnlich irritiert wie vor Kurzem, als sie mir das Bild ihres fettig überbackenen Toasts schickt, welches ich kopfschüttelnd ignoriert und Rosa erst garnicht gezeigt habe.
*Mama schreibt, ob der vielleicht lecker ist.*
Ich lese es und schließe die Nachricht wieder.
Ich öffne sie, lese sie nochmal und will sie ignorieren. Wirklich.
Aber dann liest Rosa sie, und ich kann ihre Antwort, dass ich das wohl so bald nicht beantworten kann, immerhin noch mit einem Zwinkersmiley versehen.
*Mama schickt einen fragenden Smiley und ein dickes rotes Fragezeichen.*
Und Rosa explodiert.

Und deshalb werden ab morgen die Kalorien nochmal gekürzt, weil es für heute schon zu spät ist.

Innerhalb

Ich will ihn anschreien. Ihn schütteln, schubsen und all das vorwerfen, was er verbockt hat. Ihm die Unterschrift, die die große Lüge erst möglich gemacht, ja legitimiert hat, vor die Füße kotzen. Will all die Wut, die plötzlich wieder da ist, an ihm auslassen, gemein und verletzend sein, ihn hassen. Sagen, dass ich ihn nicht ertrage, eine Pause brauche, und gehen. Irgendwohin, nur weg, raus. Dass er sein als PTBS getarntes Selbstmitleid für sich behalten und es wie ein Mann ertragen soll.
Du. Hast. Es. VERBOCKT! Und es ist nicht nur monetär, sondern auch mental schlichtweg arschteuer. DEINE SCHULD!!! Und ein Problem, was ich ohne dich NIE gehabt hätte!

Aber ich tue es nicht.
Nicht, weil es aufgrund des Konstrukts einer Ehe so sein sollte.
Weil ich genauso gehandelt hätte.
Weil ich ihn verstehen kann.
Weil ich ihn liebe.

Eruption

Ich wache auf und wundere mich, dass ich weder tränenüberstömt noch heiser bin.
Die Träume diese Nacht waren weder von besonderer Kreativität, noch von so etwas wie einem Hauch von Logik geprägt. Dafür von einer Wucht an Emotionen, die ich im Wachzustand seit – ja, seit wann eigentlich? – ewig nicht gefühlt habe. Angst. Scham. Überforderung. Wut. Man, ich war so unendlich, so unfassbar wütend. Ich habe mir die Seele aus dem Leib geschrien, geheult, gekämpft. Es hat mich zerrissen und verzweifeln lassen.
All das liegt nun wie ein klebriges Spinnennetz über meinen Gedanken und ich versuche herauszufinden, was hinter den wirren Geschichten steckt, die mein Unterbewusstsein sich ausgedacht hat. Und ob es sie erdacht hat, um diesen Ausbruch zu erzeugen, oder um ihn unterzubringen, weil er sonst getobt hätte, ohne dass ich ihn erinnern würde.
Jetzt hat jedenfalls wieder alles seine Ordnung. Ich bin, wie seit ewig, unendlich weit entfernt.