Cut!

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Eineinhalb Jahre tiefenpsychologisch fundierte und eineinhalb Jahre Verhaltenstherapie, und ich habe Nichts, was ich dem Film, der seit Tagen jeden Abend in meinem Kopf abläuft, entgegensetzen könnte. Spielzeit: noch mindestens 3 1/2 Wochen, bis es dann wirklich soweit ist.

Ich kann nicht (ein-)schlafen, habe Alpträume. Und auch, wenn die inhaltlich rein garnichts mit der eigentlichen Situation zu tun haben, sondern einfach absurd sind, strengen sie an. Ich wache immer wieder auf, und immer wieder läuft der Film.

Ich versuche, ihn zu stoppen. Bewusst an etwas anderes oder an nichts zu denken. Aber sobald meine Aufmerksamkeit nachlässt, ist der Film wieder da. Voller hypothetischer Gefühle und potentieller, teils unrealistischer Abläufe, weil alles in dem Film nicht passiert ist, sondern erst noch passieren wird.
Ich weiß, dass es nichts bringt, mir 1000 Szenarien auszumalen, weil sowieso Nummer 1001 eintritt. Ich weiß, dass ich keinen Einfluss habe, auch wenn ich mir alles ausmale. Meinen Film interessiert das nicht im geringsten.

Dreieinhalb Wochen. Dreieinhalb Wochen noch weiter ansteigender Druck, noch weniger Schlaf, noch mehr Stress. Bitte bitte bitte lass es dann vorbei sein. Ich weiß nicht, wie ich, oder wie wir beide, das noch weiter aushalten sollen.

Gegen die Wand

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Auf der Suche nach den Spuren, die mein Ich in der Zeit hinterlässt. Ich trinke koffeinfreien Kaffee, um meinen Plan, mich an meinem sturmfreien Tag nicht mit Medis und Alkohol zumindest zeitweise aus der Zeit herauszulösen, nicht umzusetzen. Musik, in der sich mein Geist verliert, um nicht an den Gedanken zu ertrinken. Laut.

Ich frage mich, welche dieser Gedanken wirklich zu mir gehören, welche ich nur gerne hätte und welche einem EgoState entspringen, auf den ich nicht zugreifen kann. Ich verstehe die Wirren nicht, die sich gerade entwirren und ihren Weg aufs „Papier“ finden. Ungefilterte Worte, die sich erst formen, wenn sie zu geschriebenen Buchstaben werden.

Der letzte sturmfreie Tag ist eine Ewigkeit her. Für heute hatte ich Pläne. Aufräumen, staubsaugen, Bad putzen, Sport machen, duschen, mich betrinken. In der Reihenfolge. Alles erledigt, bis auf den letzten Punkt, gegen den sich nun erstaunlicherweise doch ein Teil von mir sträubt.

Ich frage mich, was ich fühle, und weiß es nicht. Ich frage mich, wo ich stehe, und weiß es nicht. Ich frage mich, wer ich bin, und weiß es nicht. Ich frage mich, und bekomme keine Antwort. Weißes Rauschen.

Die, die nicht tut, was die denkt. Die, die nicht denkt, was sie tut. Die, die nicht fühlt. Die, die nicht lebt. Die, die auf bessere Zeiten hofft. Die, die aufgeben will. Die, die zu viel hier hält. Die, die Hoffnung hat. Die, die die Hoffnung aufgeben will.
Die, die ihre Therapeutin in den letzten, wenigen Sitzungen, die ihr noch bleiben, nichts darüber erzählt, dass sie sich weigert, die Kontrolle über ihr Essen aufzugeben, und sich gerne jeden Abend betrinken möchte. Die, die wieder aufhört, mit Schatz zu reden. Die, die den Weg mit Hurra und in vollem Bewußtsein zurück sprintet. Gegen die Wand.

Geplante Planlosigkeit

Ein geplant planloser Sonntag an einem geplant planlosen Wochenende. Wie fast jeder Sonntag, weil ich das genau so brauche. Gammeln, und nur das tun, worauf ich Lust habe. Falls ich zu was Lust habe. Sport ist die einzige Sache, die dann doch fest jeden Sonntag eingeplant ist, weil sonst mein Rücken zu spinnen anfängt.
Mein Sportprogramm ist aber für heute schon durch, und vorher haben Schatz und ich sogar endlich – spontan – das Vogelfutter-Häuschen gebaut, was wir seit dem Frühjahr schon vorhatten. Jetzt also gammeln. Und ich muss sehr darauf achten, nicht in depressiver Langeweile zu versinken, an diesem grau-kalten Herbstsonntag, der eigentlich genau danach schreit.

Pläne

Ich liebe Pläne. Ich brauche Pläne. Auch wenn dann Planlosigkeit geplant ist. Aber eben noch mehr, wenn etwas geplant ist. So wie nächsten Sonntag, an dem ein Auswärts-Frühstück mit Freunden ansteht – dass ich noch nicht weiß, wann wir uns genau treffen (und ob ich überhaupt etwas essbares dort finde, ohne mich schrecklich zu fühlen) und überhaupt, macht mich jetzt schon nervös. Zusätzlich zu dem Umstand, dass es eben kein geplant planbefreiter Sonntag wird.
Man könnte meinen, Spontanität wäre nicht so mein Ding. Stimmt. So garnicht. Und ich hasse es, wenn meine Familie zu Besuch ist (wie heuer gleich vier Mal, wenn auch nicht immer die gleichen Leute), und es keinen genauen Tagesplan gibt. Och, schauen wir mal…, und ich stimme lächelnd zu und bekomme innerlich die Vollkrise.

Planlos

Interessanterweise beschränkt sich mein Planungsbedürfnis ausschließlich auf einzelne, nicht allzu weit in der Zukunft liegende Tage. Ich habe keinen Masteplan für mein Leben, nicht einmal beruflich. Die allseits beliebte Frage wo sehen Sie sich in 5 Jahren? ist daher immer mir viel Improvisation verbunden.
Vielleicht rührt daher die Angst, was in und mit meinem Leben passiert, wenn die Therapie endet. Drei Sitzungen noch, und dann ist mit Jahresende auch dieser Abschnitt vorbei. Und dann?
Und dann?

Selbstmitleid

Ich starre den blinkenden Cursor an. Mein Kopf ist voller Gedanken. Leerer Gedanken. Tausend angefangene Sätze, die im Nichts enden. Gedanken, die sich auflösen.
Konzentration ist mal wieder ein Fremdwort dieser Tage. Die vorvorletzte Therapiestunde steht kommende Woche an, und ich fühle mich, als wäre ich den ganzen Weg, den ich seit Beginn vor 1 1/2 Jahren gegangen bin, in den letzten Wochen im Sprint zurückgerannt. Stehe am Anfang und am Ende, und will einfach nicht mehr hingehen, weil ich keinen Abschied und kein Alles Gute hören will.
Genau genommen will ich nur im Bett oder auf der Couch liegen, mich unter einer Decke verkriechen, mich selbst bemitleiden und genau dafür hassen. Ich fühle mich derart erledigt, dass ich aufgeben möchte.
Ich weiß, dass mir Selbstmitleid nicht hilft. Aber für alles andere fehlt mir die Energie.

Therapeutisches Klettern

Meine Thera drückte mir in der letzten Stunde einen Flyer dazu in die Hand, mit den Worten, dass sie an mich denken musste, als sie ihn sah. Sie kennt das Programm und ist davon sehr überzeugt. Es findet in Klein(st)gruppen statt und richtet sich explizit an Menschen mit psychischen/psychosomatischen Beschwerden, insbesondere bei Depressionen und Ängsten.

Mit Klettern hatte ich bisher nichts am Hut, aber ich muss sagen, dass sich die Homepage sehr gut liest. Also habe ich all meinen Mut zusammengenommen und dort einmal angefragt – und auch schon eine Antwort erhalten. Nächste Woche werde ich angerufen, und dann sehen wir weiter. Mal gucken, ob ich es am Ende dann auch wirlich durchziehe. Ich bin gespannt, ob ich mir die Gruppengröße aussuchen kann (würde schon eine größere – maximal gehen eh nur 6 – bevorzugen, vielleicht lerne ich ja nette Leute kennen) und wie die Termine sind, weil ich ja unter der Woche arbeiten muss. Freitags oder Samstags wäre gut, wenn dann nicht nur verzweifelte Hausfrauen dabei sind…

Fremdbild|Selbstbild

Aber was man im Inneren ist, zählt nicht. Das was wir tun, zeigt, wer wir sind.

Batman begins

Ist das so? Zählt nur das, was ich tue? Oder ist es nicht vielmehr eine Frage der Perspektive – aus der Sicht der Anderen mag das zutreffen. Aus meiner nicht.

Die Anderen: meine Arbeitskollegen

Sie sehen eine – meistens – selbstbewusste, verständnisvolle, etwas nachgiebige, aber immer kompetente und umgängliche Kollegin und Vorgesetzte, die lösungsorientiert handelt und nicht weniger als 100% gibt.

Die Anderen: meine Familie

Sie sehen eine stille, unauffällige und zurückgezogene Tochter/Nichte/Cousine/…, die nur selten Schwächen zugibt und lieber nichts als das Falsche sagt. Die sich lieber nicht meldet, als negativ aufzufallen.

Die Anderen: meine (wenigen) Freunde

Sie sehen mich – selten. Als was? Keine Ahnung.

Die Anderen: mein Mann

Er sieht mich als das, was am ehesten dem nahekommt, was ich bin. Liebe- und Harmoniebedürftig, verletzlich, instabil, nachdenklich, nicht gesund.

Die Anderen: meine Therapeutin

Sie sieht mich als reflektierte, motivierte, ein wenig außergewöhnliche, etwas zu stille, aber sehr beflissene Patientin, die während der Therapie riesen Fortschritte gemacht hat und stolz auf sich sein kann. Als jemand, der auf dem besten Weg zu einem gesünderen, zufriedeneren Leben ist und als jemand, der bloß aus Appetitlosigkeit von Termin zu Termin dünner wird.

Ich

Fühle mich, als würde ich mich bloß anstellen, reinsteigern, Probleme haben wollen, als wäre ich aufmerksamkeitsgeil, unsicher und ungenügend. Als hätte ich nur Mini-Schritte in der Therapie gemacht. Als Lügnerin, weil ich Schatz und Frau Therapeutin im Brustton der Überzeugung sage, ich wolle nicht weiter abnehmen (und das berauschende Gefühl der Kontrolle nichtmal erwähne) und natürlich weder an SV noch an ein Ende denke. Oder daran, mich irgendwie zu berauschen.

Ich, die ich an mir selbst und am Leben manchmal mehr, selten weniger,verzweifle. Ich, die ich meine Klinge nicht wegschmeißen kann. Ich, die ich – erst in letzter Zeit, aber dennoch – zu oft etwas trinke. Ich, die ich – erst in letzter Zeit, aber dennoch – zu selten etwas esse. Ich, die gerne einen Unfall hätte. Ich, die gerne jemand anderes wäre.

Ich bin nicht das, was die Anderen sehen. Aber zählt es?